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o Afryce dla naszych niemieckich korespondentow

17.05.20, 17:01

Sadismus unter Palmen
Der Schlaf der Gerechtigkeit gebiert Kolonien: Der legendäre französische Reporter Albert Londres blickte in Afrika ins Herz der Finsternis – und stieß auf ein System der staatlich geförderten Sklaverei.

Von Hubert Spiegel

Das Elend der einheimischen Arbeiter beim Bau der Kongo-Ozean-Bahn war kaum zu beschreiben: Albert Londres versuchte es trotzdem.

Das Elend der einheimischen Arbeiter beim Bau der Kongo-Ozean-Bahn war kaum zu beschreiben: Albert Londres versuchte es trotzdem. Bridgeman

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Die ersten Reaktionen waren vernichtend: Albert Londres wurde, kaum war sein jüngstes Werk erschienen, als Lump, Zuhälter, Verräter, Jude, Mestize, Lügner und sogar als gemeiner Journalist beschimpft. Das war ein Triumph. Denn die Empörung bewies, dass Londres sein Ziel erreicht hatte: Er hatte ein ganzes Land verstört und aufgerüttelt, hochgeschreckt aus dem Schlummer verkommener Selbstgerechtigkeit. Frankreich, so der Stachel, den der Reporter Londres seinem Heimatland ins Fleisch gebohrt hatte, musste sich endlich eingestehen: Es ist der Schlaf der Gerechtigkeit, der Kolonien gebiert. Das galt jedenfalls für die überseeischen Besitzungen Frankreichs, das sich für so viel besser, gerechter und zivilisierter hielt als die Rivalen England oder Belgien. Doch auch Frankreich hatte sein Herz der Finsternis, und Albert Londres hatte es schlagen hören.

Im Oktober und November des Jahres 1928 brachte die Zeitschrift „Le Petit Parisien“, damals ein Massenblatt mit einer Auflage von etwa zwei Millionen Exemplaren, eine Fortsetzungsreportage aus den französischen Kolonien, die über mehrere Wochen hinweg die Titelseite füllte: Berichte, Fotografien, Zeichnungen, Landkarten standen neben Impressionen, Landschaftsbeschreibungen, Fakten, Dialogen und – gut dosiert darunter gemengt – knappen, scharfen Analysen verheerender Missstände. Londres war eine Art subversiver Genremaler, illusionslos bis an die Grenzen des Zynismus, die er nur selten überschritt. Seine Szenen des Alltags in den Kolonien könnten Titel tragen wie „Sklavenhaltung vor Sonnenuntergang“ oder „Sadismus unter Palmen“. Aus dem Lokalkolorit, dem Pittoresken und der Exotik Afrikas schälte er das Ungeheuerliche und Abstoßende des Kolonialwesens heraus wie den stinkenden, verfaulten Kern aus einer üppigen Frucht. Er wusste, was die Leser und Leserinnen von einer großen Afrika-Reportage erwarteten – Exotik, Unterhaltung, den schwülen Kitzel nackter schwarzer Körper beiderlei Geschlechts – und gab es ihnen. Dann stieß er sie vor den Kopf, dass es krachte.

André Gide hatte 1927 und 1928 seine afrikanischen Reisetagebücher unter den Titeln „Kongoreise“ und „Rückkehr aus dem Tschad“ publiziert und immerhin erreicht, dass eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt wurde. Londres nutzte die Aufmerksamkeit, die Gide auf die Kolonien gelenkt hatte, und setzte beim Chefredakteur des „Petit Parisien“ eine viermonatige Recherchereise durch. Für ihn war das nichts Ungewöhnliches. Londres hat mehr als die halbe Welt bereist. Wenn irgendwo etwas los war, was ihm interessant genug erschien, machte er sich auf den Weg: China, Palästina oder Galizien. Er reiste, wie ein Vogel fliegt: „weil Gott dem einen Flügel, dem anderen die Unruhe gab“. Er lebte nicht nur aus seinem Koffer, er sprach auch mit ihm. Sie waren Seelenverwandte. Wie jeder gute Journalist verließ er sich keineswegs allein auf seine Beobachtungsgabe und sein Talent, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Er arbeitet mit historischen Hintergründen und aktuellen Statistiken, schreibt Dialoge wie aus einer Boulevardkomödie und lässt seine Gewährsleute mit Vorliebe in der Ich-Form berichten, vor allem, wenn sie ihre eigenen Lebensgeschichten erzählen. Vielleicht tritt darin eine seiner Eigenarten am deutlichsten zutage: Der Reporter ist ein Sammler von Schicksalen. Er liest sie am Wegesrand auf, wie man Muscheln am Meer sammelt: mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit der Bereitschaft, sie ohne Zögern fallenzulassen, sobald sich ein schöneres Exemplar findet. Sein Mitgefühl ist stets auf dem Sprung. Es kommt ohne Sentimentalität aus.

Der Schriftseller André Gide hatte über die Umstände des Baus der Kongo–Ozean-Bahn geschrieben, ohne sie gesehen zu haben. Das wäre für den Reporter Albert Londres nicht in Frage gekommen. Er muss vor Ort sein, die Dinge selbst in Augenschein nehmen, Vergleiche anstellen: „Ich habe schon oft Eisenbahnbauten gesehen. Da gab es Arbeitsmaterial aller Art. Hier gab es nur Schwarze. Der Schwarze ersetzte die Maschine, die Lastwagen, die Kräne, es fehlte nur noch, dass man ihn auch als Dynamit benutzte.“

Das Elend der einheimischen Arbeiter, darunter viele Angehörige der Ethnie der Sara aus dem heutigen Tschad, ist unbeschreiblich. Londres versucht es trotzdem: „Die Saras . . . sind stämmige Kerle und gerade deshalb macht ihre hagere Gestalt noch größeren Eindruck auf mich. Die Trostlosigkeit ihres Zustands ist namenlos. Sie schleppen sich wie sehnsüchtige Phantome längs der Bahnlinie hin. Weder Flüche noch Ohrfeigen vermögen sie wieder zum Leben zu erwecken. Es scheint, als träumten sie von ihrer fernen Heimat in Ubangi und suchten dabei tastend nach dem Eingang des Friedhofs.“

Der Bau der fünfhundert Kilometer langen Bahnstrecke, die Brazzaville, die Hauptstadt des Kongo, mit der Hafenstadt Pointe-Noire verbinden sollte, nahm mehr als zehn Jahre in Anspruch. Als Londres die Baustellen besuchte, waren erst zweihundert Kilometer fertiggestellt. „Bis zum heutigen Tag“, schrieb der Reporter, „sind 17 000 Schwarze geopfert worden. Und es sind noch 300 Kilometer Bahnstrecke zu bauen!“

Londres wird zum Anwalt der Afrikaner, allein indem er beschreibt, was er sieht: Unfähigkeit, Korruption, Unmenschlichkeit und mörderische Ausbeutung. Zur menschenverachtenden Gleichgültigkeit der Unternehmer, Kommandanten und Amtsträger kommt der Sadismus ihrer Handlanger. Die Vorarbeiter, die Unteroffiziere, die Aufseher in den Straflagern sind überwiegend Menschenschinder. Niemand hindert sie. Denn man meint, sie zu brauchen. Recht und Gesetz sind weitgehend außer Kraft gesetzt. Ein Europäer, dem Londres unterwegs begegnet, stellt noch das spärliche Gerichtswesen in Frage: „Wie soll man feststellen, dass jemand einen Neger getötet hat? Jeder Neger wird über kurz oder lang sozusagen ,getötet‘, denn er schuftet, bis er sich nicht mehr aufrecht halten kann.“ Frankreich, das Land Voltaires und Rousseaus, hat in seinen Kolonien ein System tödlicher Zwangsarbeit eingeführt, eine Art staatlich geförderter Sklaverei.



Aber auch mit seinen eigenen Söhnen geht Frankreich kaum besser um, wenn ein Richter sie erst einmal in die Verbannung geschickt hat. Der zweite Teil des Bandes, der jetzt nach „Ein Reporter und nichts als das“ (2013) in der Anderen Bibliothek erschienen ist, handelt von „Biribi“, wie die afrikanischen Straflager genannt werden, die für zur Zwangsarbeit verurteilte Franzosen errichtet wurden. In dieser Reportage, die unter dem Titel „Hätte Dante das gesehen“ wiedergegeben wird, geht es im Grunde nur um zwei Dinge, die einander gegenübergestellt werden: die Missstände in den Lagern einerseits, die Lebensläufe der Inhaftierten andererseits. So wird die brutale Unverhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe deutlich, mit der hier ein Rechtssystem pervertiert wurde.

Londres glaubte trotz allem an die Möglichkeit von Reformen – für die Lager wie für das Kolonialwesen. Seine Schriften werden als Klassiker der Kolonialismuskritik bezeichnet, aber ihr Autor war keineswegs gegen den Kolonialismus an sich. Er stellte nicht Frankreichs Rechte an den Kolonien in Frage, sondern nur seine Pflichtvergessenheit, also die unmenschliche und auch ineffiziente Art und Weise, auf die Frankreich sich nahm, was ihm, wie auch Londres offenbar glaubte, zustand: die Menschen und den Reichtum fremder Länder und Völker.
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