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22.03.09, 18:00
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„Man sollte Podolski ans Schlagzeug setzen“
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Grubinger am Mondsee in Österreich: “Die brasilianische Spielweise steht im Z...
Grubinger am Mondsee in Österreich: "Die brasilianische Spielweise steht im
Zusammenhang mit Musik"
22. März 2009 Martin Grubingers Metier ist das klassische Schlagwerk:
Schlagzeug, Pauke, Trommel, Becken, Stabspielinstrumente bis hin zu
japanischer und afroamerikanischer Percussion. Er füllt Konzertsäle von New
York bis Tokio. Um sich für seine Mammutkonzerte fit zu machen, läuft der
österreichische Weltklasse-Percussionist den Marathon unter drei Stunden. Im
Gespräch mit der Sonntagszeitung erzählt Grubinger von der Musik, dem Fußball,
von Training und Doping und warum er froh ist, dass ihm als Musiker keine
Anti-Doping-Agentur im Nacken sitzt.
“Wie Zidane seinen Körper verschoben hat, das war nichts anderes als Tanzen m...
"Wie Zidane seinen Körper verschoben hat, das war nichts anderes als Tanzen
mit dem Ball"
Musik und Sport verbindet ein Verbum: spielen. Ist das der gemeinsame Nenner,
das Spiel?
Ich glaube schon. Erinnern Sie sich an diese Szene beim Fußball-Confederations
Cup 2005 in Frankfurt? Brasilien hatte Argentinien im Finale geschlagen.
Danach haben Ronaldinho, Lucio, Kaka und all die anderen mit
Samba-Instrumenten auf dem Spielfeld gefeiert. Ich habe gesehen, wie sie sich
bewegt haben, und gehört, was sie gespielt haben, und das war für mich die
Bestätigung, dass das in einem Zusammenhang steht: die brasilianische
Spielweise und die Musik. Wenn man sah, wie Ronaldinho die
Percussionsinstrumente gespielt hat, dann versteht man, warum er damals so
genial gekickt hat.
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Sie sind Fußballfan?
Ja, ich liebe Fußball. Mein Vater und ich, wir sehen fast jedes Spiel im
Fernsehen. Ich bin auch Mitglied von Bayern München und ab und zu im Stadion.
Was kann der Fußball von der Musik lernen?
“Vor Publikum kann man immer ein paar Prozent mehr rauskitzeln. So ist das im...
"Vor Publikum kann man immer ein paar Prozent mehr rauskitzeln. So ist das im
Sport, so ist das auch im Konzert"
Eine Menge. Musik sollte im Training eine viel größere Rolle spielen. Mein
Vater ist Schlagzeuglehrer an der Universität Salzburg. Er sagt, wenn er
Fußballtrainer wäre, würde er das Training anders aufbauen. Er würde die
Spieler auch nach Musik spielen lassen, würde Spielzüge üben in verschiedenen
Tempi. Große Mannschaften zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie Tempo,
Rhythmus und die Vielfalt ihrer Spielaktion sehr stark variieren können. Musik
kann dabei helfen, das zu lernen.
Wie sollte das funktionieren?
Was ich zum Beispiel bemängele, ist, dass in der deutschen Bundesliga kaum
noch ein Profi in einer Eins-zu-eins-Situation jemand überspielen kann.
Schweinsteiger zum Beispiel muss dann immer einen Doppelpass nehmen, oder er
schlägt die Flanke aus dem Halbfeld. Im Training brauchte man eine große
Tonanlage, und jeder Spieler müsste sich verschiedene Eins-zu-eins-Situationen
überlegen, die er machen könnte, die würde er in verschiedenen Tempi mit Musik
trainieren, erst im Walzertempo, sehr langsam, um die Bewegung ganz allmählich
zu automatisieren, dann Tango, Salsa, das ist schon schneller, dann Funk und
Fusion, dann wird es pfeilschnell. Mein Vater und ich glauben, dass
Bewegungsabläufe Rhythmen sind. Wie zum Beispiel Zidane seinen Körper
verschoben hat, das war nichts anderes als Tanzen, Tanzen mit dem Ball.
Wann wird Sport zur Kunst?
Wenn man sich die aktuellen Superstars im Fußball anschaut, dann ist Messi ein
unheimlich druckvoller Speedfußballer, auch Cristiano Ronaldo. Aber Zidane
hatte noch andere Qualitäten, er hat extrem kultiviert gespielt. Es hatte
etwas Ästhetisches, wie er mit kleinsten Bewegungen Körpertäuschungen spielen
konnte, das war für mich Kunst.
Wenn man versucht, Sie und Ihre Kunst auf eine sportliche Leistung zu
reduzieren, was entgegnen Sie?
Ich saß vor kurzem mit einem Komponisten zusammen, und er sagte, er finde es
nicht gut, dass man bei mir immer die Sportkomponente betone, aber die
Wahrheit ist: Das ist schon richtig. Als Schlagzeuger habe ich eine physische
Belastung, die weit über der anderer Musiker liegt. Ich habe bei Konzerten
einen Durchschnittspuls von 155 bis 160 - zwei Stunden lang. In England hat
eine Studie ergeben, dass Rockschlagzeuger höhere körperliche Belastungen
haben als Fußballer in der Premier League. Ein Schlagzeuger muss fit sein,
deshalb trainiere ich sehr viel. Ich arbeite mit Sportmedizinern, bekomme
meine Trainingspläne vom Red Bull Diagnostik- und Trainingszentrum in Thalgau,
beim Ausbelastungstest auf dem Ergometer trete ich 420 Watt über vier Minuten,
ich mache Laktattests und habe genaue Vorgaben für Rudern, Laufen, Radfahren.
Sie laufen auch Marathons?
Ja, zwei, drei im Jahr.
Ihre Bestzeit?
Unter drei Stunden.
Kann man sagen: Sie trainieren, um üben zu können?
Ich trainiere, um im Konzert bis zum Schluss das maximale Leistungsvermögen zu
haben. Wenn ich die physische Kraft verliere, dann werde ich unkonzentriert,
dann mache ich Fehler, dann kann ich die Emotionen, die ich meinem Publikum
vermitteln möchte, nicht mehr transportieren. Deshalb ist der Vorwurf, ich
würde mich mit meiner Kunst zu sehr mit dem Sport verbrüdern, falsch. Sport
ist für mich Mittel zum Zweck.
Das Marathon-Konzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins bedeutete 2006
Ihren Durchbruch zur Weltkarriere. Sie haben damals mit dem Wiener
Radiosymphonieorchester in vier Stunden acht Konzerte auswendig gespielt,
600.000 Noten, jede Note eine Bewegung. Wie kann man das trainieren?
Ich habe mich zwei Jahre vorbereitet, acht, zehn, zwölf Stunden am Tag geübt,
bis fünf Uhr früh manchmal. Was ich trainiere, und das ist vielleicht auch ein
Ansatz für Fußballer, ist das Abspeichern von Bewegungen im Unterbewusstsein.
Man nimmt acht Takte raus, nimmt Tempo 35, die langsamste Stufe des Metronoms,
und spielt sie ganz langsam durch. Wenn man sie zehnmal gut gespielt hat, geht
man auf Tempo 37. Man spielt die acht Takte immer schneller, und am Ende sind
sie im Unterbewusstsein so abgespeichert, dass man sich beim Spielen quasi
selbst zusieht. Dann geht es weiter mit den nächsten acht Takten.
So viel Zeit nehmen sich Fußballer nicht. Sie trainieren selten mehr als zwei
Stunden am Tag.
Ja, Wahnsinn. Bei Red Bull Salzburg, hat mir ein Freund erzählt, trainieren
sie von zehn bis halb zwölf, dann noch Massage oder Physiotherapie. Und das
war’s dann. Nur manchmal noch am Nachmittag. Ich wundere mich sehr darüber.
Dabei gäbe es doch so viel zu verbessern.
Was ist Talent? Die Gnade, etwas zu können? Oder die Bereitschaft, es zu üben?
Beides. Ich bin beidhändig, ich kann mit links und rechts schreiben und
werfen. Ich bin beidfüßig, kann mit links und rechts schießen. Das kann man
üben. Ich glaube zum Beispiel, dass jemand wie Podolski kein ganz Großer
werden kann, weil er total linksorientiert ist. Fußballspieler, die an ihrer
Beidfüßigkeit arbeiten wollen, könnte man auch an ein Schlagzeug setzen, das
ist das Beste, um die Gehirnhälften in jeder Richtung zu trainieren. Bei
Bayern-Verteidiger Lahm zum Beispiel wundere ich mich immer wieder, dass die
Rechtsverteidiger noch davon überrascht sind, dass er nach innen zieht. Dass
muss er ja, denn mit links wird es für ihn schwierig, von außen präzise zu
flanken.
Warum haben Sie sich vor drei Jahren eigentlich auf dieses Marathon-Konzert
eingelassen, was war der Kick?
Die Extremsituation. Es gibt di