Jeden z wielu ...

28.06.04, 15:15
Ein Stader SS-Scharführer
Gustav W. ist 1933 in die Allgemeine SS eingetreten. Im März 1940 wurde er
zur Waffen-SS in Krakau eingezogen und versah dann bis September
1940 »Wachdienst« in Warschau. Nach einem kurzen Aufenthalt in Stade trat er
im Januar 1941 seinen Dienst bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in
Hildesheim an. Im Mai 1941 erfolgte eine Schulung und er wurde dem
Polizeireferat des neu gegründeten Einsatzkommandos 9 (EK 9) zugeteilt.
Ende 1942 wurde Gustav W. zur Gestapo Hannover abkommandiert. Er wurde zur
Überwachung von Zwangsarbeitern eingesetzt und führte »Vernehmungen« durch.
Bei Kriegsende war er in der Gestapostelle Hannover-Ahlem. Im April 1945,
wenige Tage vor Kriegsende, beteiligte er sich freiwillig an der
Massenerschießung von 154 Zwangsarbeitern auf dem Seelhorster Friedhof in
Hannover. Gustav W. wurde 1947 für diese Morde zu 13 Jahren Gefängnis
verurteilt. Am 13. August 1950 wurde er wegen guter Führung begnadigt.


pyrsk !
Ballest88
    • ballest88 Mordkommando EK9 28.06.04, 15:17
      Mordkommando EK 9
      Die Einsatzkommandos wurden im Mai 1941, kurz vor Beginn des Krieges gegen die
      Sowjetunion, aufgestellt. Politisch zuverlässige Beamte des
      Sicherheitsdienstes, der Gestapo, der Ordnungs- und Kriminalpolizei wurden in
      Polizeischulen zusammengezogen, um sie dort für die vorgesehenen Aufgaben
      ideologisch und militärisch zu schulen. Die Tötung der jüdischen
      Landeseinwohner war die Hauptaufgabe der Einsatzkommandos, sie sollten aber
      auch politische Kommissare, Kommunisten und Zigeuner ermorden. Dr. Filbert, der
      erste Leiter des aus etwa 120 bis 150 Personen bestehenden EK 9, unterrichtete
      Ende Juni 1941 die Angehörigen des EK 9 darüber, dass alle Juden in den jeweils
      vom Kommando besetzten Gebieten zu erschießen seien. Filbert erklärte später
      vor Gericht: Jeder Angehörige des Kommandos mußte wenigstens einmal an einer
      Erschießung teilnehmen. Es gab keinen, der sich ausschließen konnte.
      Gustav W. gehörte dem Polizeireferat des EK 9 an. Das Referat hatte die
      Aufgabe, die Juden den jeweiligen Erschießungskommandos zu überstellen, die
      Opfer der Erschießungen zu registrieren und weiterzumelden. Die Gestapobeamten
      aus dem Polizeireferat, unter ihnen Gustav W., wurden im August 1941 als
      Schützen bei einer Massenerschießung von Juden herangezogen. Bis zum 26.
      Oktober 1941 wurden vom EK 9 insgesamt 11.449 Juden erschossen. In Westberlin
      fanden vor dem Landgericht 1962 und 1966 Prozesse gegen die Kommandierenden des
      EK 9 statt. Angehörige des Mordkommandos mussten in diesen Prozessen Aussagen.
      Die »Neue Zeit« aus Berlin-Ost berichtete am 5. Juni 1962 unter der
      Überschrift »Auch Kleinkinder ermordet« folgendes über den Prozess gegen
      Filbert: Die Mordtaten waren mit bürgerlicher Pedanterie genau reglementiert.
      Wie der frühere SS-Scharführer Gustav Wolters vom Polizeireferat des
      Einsatzkommandos 9 - heute wohlbestallter Kaufmann in Stade - aussagte, war der
      Gang der Dinge folgender: Jeden Abend hing in den Unterkünften der Dienstplan
      mit den Namen derjenigen aus, die am nächsten Tag an den Mordaktionen
      teilzunehmen hatten.
      Der »Tagesspiegel« aus Berlin-West berichtete am 24. April 1966: Ein anderer
      Zeuge, danach befragt, auf welche Weise kleine Kinder erschossen worden seien,
      erwiderte: »Na, wie die Katz.« Der Richter starrte ihn an und ersuchte nach
      einigen Sekunden des Schweigens um nähere Erläuterung. In ruhigen Ton sprach
      der Zeuge weiter: »Na sie wurden mit der einen Hand am Genick gepackt und mit
      der anderen erschossen.«


      pyrsk !
      Ballest
      • ballest88 Proces 28.06.04, 15:32
        In einem Bericht der Ost-Berliner Zeitung Neue Zeit über eine Sitzung beim
        Prozess gegen Dr. Alfred Filbert, den ersten Chef des EK 9 von Juni bis Oktober
        1941, und fünf weitere Teileinheitsführer vor dem Landgericht Berlin im Mai und
        Juni 1962, heißt es:

        »Die Mordtaten waren mit bürgerlicher Pendanterie genau reglementiert. Wie der
        frühere SS-Scharführer Gustav Wolters vom Polizeireferat des Einsatzkommandos
        9 - heute wohlbestallter Kaufmann in Stade - aussagte, war der Gang der Dinge
        folgender: Jeden Abend hing in den Unterkünften der Dienstplan mit den Namen
        derjenigen aus, die am nächsten Tage an den Mordaktionen teilzunehmen hatten.«



        Im Urteil des Landgerichts Berlin zum selben Prozess heißt es über die Zeit
        Anfang August 1941: »Auch in Witebsk nahm auf Dr. Filberts Befehl das
        Einsatzkommando 9 bald nach seiner Ankunft die Judenerschiessungen auf. In den
        ersten 10 Tagen seiner Anwesenheit in Witebsk haben mindestens zwei
        Erschiessungsaktionen mit mindestens je 100 Opfern stattgefunden, bei denen
        Angehörige des Polizeizuges als Absperrkommando teilnahmen. Als Schützen wurden
        Gestapobeamte aus dem Polizeireferat, unter ihnen der Zeuge Wo., herangezogen.
        Die Opfer wurden zu Fuss etwa 2 km aus dem Ort zu einem Gelände herausgeführt,
        in dem Schützenlöcher und Panzergräben aus den Kämpfen um Witebsk das Ausheben
        von Gruben ersparten oder mindestens erleichterten. Sie mussten sich an einem
        Sammelplatz der Oberbekleidung entledigen und wurden dann in Gruppen von zehn
        Personen zur Exekution geführt, die bei der ersten Aktion mit Karabinern, bei
        der zweiten möglicherweise mit Maschinenpistolen in unregelmäßigem Feuer durch
        Genickschuss erfolgte. Auf das Verbinden der Augen der Opfer wurde jetzt
        verzichtet; ebenso wurde nicht mehr darauf Bedacht genommen, die
        Erschiessungsstätte ausser Sichtweite vom Sammelplatz zu halten.« Urteil LG
        Berlin gegen Filbert u.a., 22.6.1962, 3 PKs 1/62, in: Adelheid L. Rüter-
        Ehlermann/C. F. Rüter (Hg.): Justiz und NS-Verbrechen, Sammlung deutscher
        Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Bd. 18,
        Amsterdam 1968, S. 620


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        Ballest
    • ballest88 Milczenie w Stade 28.06.04, 15:19
      Schweigen in Stade
      Die Stader Kommunalpolitiker, von denen einige sehr genaue Informationen über
      den Stader Kaufmann hatten, hüllen sich in Schweigen. Das Arrangieren des
      Briefes von Bundeskanzler Schröder an den »ehrbaren« Kaufmann ist vielen
      peinlich. Das »Stader Tageblatt« brachte nach dem verschleiernden
      Meinungsbeitrag keine weiteren Artikel über die vielen Aspekte des Skandals.
      Einen Leserbrief, der Angaben über die Tätigkeit von Gustav W. beim EK 9
      enthielt, veröffentlichte die Zeitung nicht ...da er schwere Anschuldigungen
      gegen einen Stader Kaufmann enthält, die nicht nachvollziehbar sind. Eine
      Veröffentlichung könnte den Tatbestand einer üblen Nachrede enthalten, den wir
      presserechtlich nicht verantworten können.


      pyrsk !
      Ballest
    • ballest88 Stary kupiec ze Stade i kanclerz 28.06.04, 15:20
      Ein alter Stader Kaufmann
      Der Mietvertrag mit der Stadt Stade lief noch ein paar Jahre, aber die
      Geschäfte gingen nicht mehr gut und so entschloss sich Gustav W., sein
      Feinkostgeschäft in unmittelbarer Nähe zum Stader Rathaus im Sommer 2002
      aufzugeben. Der 94-jährige Kaufmann stand noch bis zuletzt rüstig hinter dem
      Verkaufstresen. Eine Geschäftsübergabe an den Sohn oder die Tochter, die beide
      im Familienbetrieb mit über 100-jähriger Tradition beschäftigt waren, hat es
      nie gegeben. Gustav W. verbreitete im »Stader Tageblatt« noch: Wir sind nicht
      für große Worte und machen von der Schließung kein Theater, wenn die Leute
      sagen »es tut uns Leid« ist das genug.

      Ein Brief vom Bundeskanzler
      Stader Bürger arrangierten bei Geschäftsaufgabe einen persönlichen Brief von
      Bundeskanzler Gerhard Schröder an den alten Kaufmann. Der Brief wurde vom
      Stader Bürgermeister überbracht. Gerhard Schröder wurde bei einem früheren
      Besuch in Stade von Gustav W. vor seinem Geschäft angesprochen. Als Schröder
      Jahre später erneut ins Stader Rathaus kam (jetzt Ministerpräsident von
      Niedersachsen) fragte er den Stadtdirektor, ob denn der nette alte Herr von
      nebenan noch dort sei. Er war, und Gerhard Schröder besuchte ihn.


      pyrsk !
      Ballest
    • ballest88 Rutynowe morderstwo 28.06.04, 15:24
      »Heute wird man sagen müssen, daß Massenerschießungen wie die auf dem
      Seelhorster Friedhof zwar auf dem Gebiet des Deutschen Reiches nicht zu den
      alltäglichen Vorgängen gehörten; sie bildeten aber die Praxis der SS, die
      besonders in den in den besetzten osteuropäischen Gebieten angewendet wurde.
      Die Methode der hannoverschen Erschießung, die Art, wie man die Gefangenen, die
      das Grab geschaufelt hatten, zunächst in kleinen Gruppen erschoß, dann in
      großen den Rest, nachdem man diesen zunächst im Hintergrund gehalten hatte,
      sprechen für eingeübte Routine. Sie ermöglichte es einer relativ kleinen
      Wachmannschaft, eine große Zahl von Gefangenen zu töten. Wenn man sich nach
      dieser Beobachtung klarmacht, daß mehrere Angehörige des Erschießungskommandos
      nach dem Einmarsch in die Sowjetunion dort bei der Sicherheitspolizei tätig
      waren - genannt seien Gustav Wolters und Adolf Methfessel - wird man davon
      ausgehen können, daß die im Osten vor allem in den Einsatzgruppen erprobte
      Praxis auch in Hannover zur Anwendung kam. Auf dem Seelhorster Friedhof spielte
      sich kurz vor dem Kriegsende noch einmal etwas ab, was zur Normalität der
      nationalsozialistischen Herrschaftsausübung in Osteuropa während des Zweiten
      Weltkriegs gehört hatte.« Herbert Obenaus: Die Erschießungen auf dem
      Seelhorster Friedhof in Hannover April 1945, in: Hannoversche Geschichtsblätter
      NF Bd.35, H. 3-4, Hannover 1981, S. 248


      pyrsk !
      Ballest
      • ballest88 Cztery dni po morderstwie 28.06.04, 15:27
        Vier Tage nach dem Massaker nahmen die US-Amerikaner Hannover ein. Vor
        laufenden Kameras, in verordneter Anwesenheit gewöhnlicher Bürger
        mussten »belastete Nazis« des Massengrab auf der Seelhorst ausräumen. Weit mehr
        Leichen als befürchtet wurden geborgen, 526 insgesamt. 386 wurden im Trauerzug
        zum Maschsee gefahren und am Nordufer bestattet.
        Nach der Kapitulation setzte sich Gustav W. nach Stade ab. Noch im Mai 1945
        wurde er verhaftet und in Fallingbostel interniert.


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        Ballest
    • ballest88 Zbrodnia i system 28.06.04, 15:29
      »Ende Mai (1941) rief Heydrich die 120 Führer der Einsatzgruppen und
      Einsatzkommandos zusammen und ließ sie in der Grenzpolizeischule Pretzsch an
      der Elbe bei Wittenberg den Vernichtungsfeldzug gegen den Rassenfeind üben.
      Allmählich zog Heydrich die Schraube der weltanschaulichen Indoktrination an:
      Instrukteure aus dem Reichssicherheitshauptamt trimmten, von Mal zu Mal
      deutlicher und schärfer werdend, die Männer auf den Rassenmord. Heydrich ließ
      Mitte Juni die 3000 Männer der Einsatzgruppen nahe dem Städtchen Düben an der
      Mulde aufmarschieren. In der Pose des Feldherrn stand der Chef der
      Sicherheitspolizei und des SD vor seinem im Viereck angetretenen Todesbrigaden.
      Er holte zu einer markigen Rede aus, die freilich vage blieb: er sprach von
      einem Einsatz, der unerhörte Härte verlange.« Heinz Höhne, Der Orden unter dem
      Totenkopf, Die Geschichte der SS, München 1984, S. 328f


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      Ballest

    • ballest88 Anatomia zbrodni 28.06.04, 15:34
      aus Presseberichten über den Einsatzkommando-Prozess von 1962
      (Bundesarchiv der VVN-BdA, Hamburg)

      Die Mörder sind Bürokraten: »Sie "legten" zunächst ihre Opfer "um" und
      anschließend in Listen "an".« (Christ und Welt, Stuttgart 2.6.1962)



      »Mit der qualmenden Zigarette saßen die Mörder am Rand der Grube und gaben,
      während ihre Beine in die Grube baumelten, die tödlichen Salven ab. Die
      Mordergebnisse wurden als "Ereignismeldungen", die als "Geheime Reichssache"
      galten, dem Reichssicherheitshauptamt übermittelt.« (BZ am Abend, Berlin-Ost
      14.5.1962)



      »"Für uns, die wir in diese Verstrickung hineingetrieben wurden, war es
      aussichtslos, etwas zu tun. Ein Weg wäre mir offengeblieben, um nicht mehr
      mitzumachen: ich hätte mich erschießen müssen!", sagte Filbert mit Pathos am
      Schluss seiner Vernehmung. Der Richter nickte.« (Der Tagesspiegel, Berlin-West
      17.5.1962)



      »"Ich habe von keinem Fall der Befehlsverweigerung gehört", sagte Filbert.«
      (Der Kurier, Berlin-West 17.5.1962)

      »Vorsitzender: "Stimmt es, dass es beim Kommando hin und wieder Leute gab, die
      Erschießungen ausgesprochen gern durchführten?" [Angeklagter] Tunnat: "Ich
      glaube schon."« (Der Abend, Berlin-West 22.5.1962)



      »Das Ermittlungsverfahren gegen die der Beihilfe zum Mord verdächtigen Zeugen
      ist inzwischen eingestellt worden, weil die Staatsanwaltschaft bei ihnen einen
      echten Befehlsnotstand nicht ausschließen konnte.« (Telegraf, Berlin-West
      25.5.1962)



      »Zeuge: "Als mir die Knie zitterten, meinte Filbert: 'Gefühlsduselei gibt es
      nicht. Das sind keine Menschen, sondern Figuren!' Dann nahm Filbert mein Gewehr
      und sagte: 'So muss geschossen werden.'"« (Der Kurier, Berlin-West 29.5.1962)



      »Richter: "Auf welche Art wurden die Kinder umgebracht?" - Zeuge: "Sie wurden
      von den Frauen auf dem Arm zur Grube getragen." - Richter: "Dann mussten Sie
      jeweils zweimal schießen?" - Zeuge: "Ja, erst auf die Mutter. Wenn sie mit dem
      Kind in die Grube gestürzt war, wurde auf das Kind extra geschossen." -
      Richter: "Wie war es mit den älteren Kindern?" - Zeuge: "Sie wurden in
      gesonderten Gruppen vom Sammelplatz zur Grube geführt." - Richter: "Verhielten
      sie sich dabei ruhig?" - Zeuge: "Nein. Sie weinten und schrien natürlich." -
      Richter: "Wie alt waren diese Kinder?" - Zeuge: "Vielleicht 10 bis 14 Jahre."«
      (Telegraf, Berlin-West 31.5.1962)


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      Ballest
    • ballest88 Wstyd, tylko dlaczego dopiero teraz ? 28.06.04, 15:36
      Ein abgesagter Vortrag
      Die Stadt Stade will sich im Mai 2003 an den Israelischen Kulturwochen in
      Niedersachsen beteiligen. Im Programm vorgesehen war auch ein Vortrag über die
      ehemalige Israelitische Gartenbauschule Ahlem in Hannover. Das Gelände, der im
      Juni 1942 geschlossenen Gartenbauschule, diente als Sammelstelle für die
      Deportationen von Juden in die Vernichtungslager. In den Kellerräumen der
      Gartenbauschule befand sich von August 1943 bis April 1945 ein
      Gestapogefängnis. Der Vortrag wurde aus dem Programm der Kulturwochen genommen,
      nachdem Stader Lokalpolitikern klar wurde, dass auch die Tätigkeit von Gustav
      W. in Ahlem zur Sprache kommen würde.
      Stadt will keinen Eklat um SS-Mann titelte die Lokalzeitung im November 2002
      reißerisch den »Meinungsbeitrag« (!) einer Journalistin. Im Meinungsbeitrag
      wurde der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stade dafür
      verantwortlich gemacht, dass der Vortrag über die israelitische Gartenbauschule
      aus dem Programm der Kulturwoche genommen wurde. Die Journalistin berief sich
      auf »Insider«-Informationen, über die Tätigkeit von Gustav W. in Ahlem gab es
      nur einen vagen Hinweis im Zeitungsartikel.


      pyrsk !
      Ballest
    • ballest88 Gustav W. 28.06.04, 16:11
      Gustav W. gehört schon 1933 der Allgemeinen SS an. Zwischen März und September
      1940 ist er als Angehöriger der Waffen-SS in Warschau, während dort die
      polnische Intelligenz eliminiert wird. 1941 wird er zur Gestapostelle
      Hildesheim versetzt, wo er nach eigenen Angaben "in der Kartei beschäftigt" ist
      (Vernehmung vom 19. 8. 1969). Er ist in Pretzsch dabei, als das vom
      Reichssicherheitshauptamt handverlesene SS-Personal für die von Amtsleitern
      befehligten Einsatzgruppen zusammengezogen und auf den Judenmord eingeschworen
      wird.
      Mit den Massenerschießungen der Einsatzgruppen im Rücken der Front gegen die
      Sowjetunion beginnt im Sommer 1941 die ‚Endlösung der Judenfrage'. "Ein
      wanderndes Reichssicherheitshauptamt, eine Gestapo auf Rädern" nannte das
      Nürnberger Militärgericht diese Einheiten, die täglich Blut
      vergossen. "Diese ‚Schlächtereizüge' ..., die für immer den deutschen Namen
      besudelt haben", kommentierte eine Zeitung den Prozess gegen sechs Führer des
      Einsatzkommando 9 (EK 9) der Einsatzgruppe B vor dem Landgericht Berlin 1962,
      bei dem Gustav W. - 54 Jahre, "heute wohlbestallter Kaufmann" - als einer von
      111 Zeugen auftrat.
      Eineinhalb Jahre bleibt W. dem etwa 120 Mann starken EK 9 zugeteilt. Der SS-
      Scharführer arbeitet im "Polizeireferat", das die Exekutionen vorbereitet, die
      Opfer selektiert und über die Bluttaten Buch führt. Die Bilanzen des Todes
      heißen "Ereignismeldungen". 11.449 Opfer werden von Juni bis Oktober 1941 vom
      EK 9 an das RSHA reportiert. Das Urteil des Landgerichts Berlin veranschlagt
      die juristisch sichere Zahl auf 6.800 Tote (AZ 3 PKs 1/62); in seiner
      mündlichen Begründung schätzte der Vorsitzende Richter tatsächliche 15.000.
      Gustav W. wird bei wenigstens zwei Massakern an 200 Juden im weißrussischen
      Witebsk im August 1941 als Schütze eingesetzt. "Jeder Angehörige des Kommandos
      musste wenigstens einmal an einer Erschießung teilnehmen", erklärte der
      ehemalige Kommandeur Dr. Filbert als Angeklagter. "Die Opfer wurden jeweils zu
      viert an eine Grube geführt und hineingestoßen", gibt ein Gerichtsreporter
      wieder. "Wenn sie unten aufschlugen, eröffneten die Posten des Einsatzkommandos
      9 das Feuer aus Karabinern auf sie. Die Kommandoführer, Greiffenberger und
      Filbert, standen mit gezogener Pistole am Grubenrand, um Verletzten
      den "Fangschuss" zu geben. Das sei aber nicht notwendig gewesen, weil die
      Schützen "eingeschossen" waren, wie Greiffenberger sagte. Ohne die Leichen zu
      bedecken, seien dann die nächsten Juden auf sie geworfen und erschossen worden."
      In drei Wochen, die sich das EK 9 in Wilna, Witebsk und Wiljeka aufhielt,
      sollen über 5.000 Juden getötet worden sein. Gustav W., der nur ausnahmsweise
      schoss, machte gewöhnlich Inventur. Der Kaufmann aus der norddeutschen
      Kleinstadt zählte und rechnete, legte Listen und fertigte Protokolle an. Im
      Verfahren gegen die Kommandeure des EK 9, Schäfer und Wiebens, wurde 1966 ein
      Zeuge gefragt, wie sie denn kleine Kinder liquidiert hätten. "Na, wie die
      Katz." Nach einer Weile des Schweigens bat der Richter um Erläuterung. "Na, sie
      wurden mit der einen Hand am Genick gepackt und mit der anderen erschossen."
      Das Personal bei den Einsatzgruppen wechselte häufig. Auch der geübteste Mörder
      wird nachlässig. Der Holocaust mit dem Karabiner war kräftezehrend.
      Laut "Ereignismeldung 92" der Einsatzgruppe A vom 29. September 1941 brachten
      in einer Aktion ein Führer und zwölf Mann 1.025 Juden um. Gustav W. kam im
      November 1942 an die ruhigere Heimatfront des Terrors. Zur Gestapo Hannover.
      In der Gestapo-Außenstelle Ahlem dient Gustav "als Sachbearbeiter für
      Ausländerangelegenheiten", wie er selbst angab, "das heißt, ich musste
      Vernehmungen durchführen von Personen, die sich des Arbeitsvertragsbruches
      schuldig gemacht hatten". Am 4. April 1945 traf ein Todesmarsch mit
      sowjetischen Zwangsarbeitern aus dem "Arbeitserziehungslager" Lahde in Ahlem
      ein. Vom Chef der Gestapoleitstelle kam der Befehl: Alle erschießen, die nach
      dem Ende gefährlich werden könnten. Denn das Ende war gewiss, die US-Armee
      kesselte die Stadt bereits ein. SS-Obersturmführer Joost, Führer in Ahlem, war
      sich bewusst, dass diese Morde in letzter Minute den Zorn der Sieger erregen
      würde. Er verzögerte und drückte sich um den eigentlichen Schießbefehl.
      Letzte Selektion: 154 Männer und ein russisches Mädchen von 18 Jahren. SS-
      Obersturmbannführer Joost ließ seinen Leuten die Wahl; wer von ihnen "nicht die
      Kraft zur Ausführung dieses Befehls" habe, könne anstandslos gehen. Einer tat
      es. Die übrigen bekamen eine Schachtel Zigaretten, auch Gustav W., 37 Jahre
      alt, seit wenigstens vier Jahren im Mordhandwerk. Er präparierte die Grube auf
      dem Seelhorster Friedhof. Am Sonntag, 6. April, wurden die Gefangenen in
      Gruppen zu 25 dorthin geführt. Der dienstälteste SS-Mann gab den Schießbefehl
      und die "Fangschüsse". Die ans Grab tretenden Häftlinge mussten die vor ihnen
      gefallenen mit Erde bedecken.
      Gustav W. machte bei Joost Meldung. Er berichtete von Komplikationen. Das
      russische Mädchen habe einfach nicht sterben wollen. Ein SS-Mann feuerte
      einmal, zweimal auf sie, aber erst beim dritten Schuss fiel sie. In dem Moment,
      als die Schützen irritiert waren, griff ein 25-jähriger sowjetischer Hauptmann
      einen Spaten, schlug den SS-Mann nieder, sprang in den nahen Wald und entkam.
      Vier Tage später nahmen die US-Amerikaner Hannover ein. Vor laufenden Kameras,
      in verordneter Anwesenheit gewöhnlicher Bürger mussten "belastete Nazis" das
      Massengrab auf der Seelhorst ausräumen. Weit mehr Leichen, als befürchtet,
      wurden geborgen, 526 insgesamt. 386 wurden im Trauerzug zum Maschsee gefahren
      und am Nordufer bestattet. April 1947 wird Gustav W. im "Hannover Gestapo Case
      No. 1" zu 13 Jahren Haft verurteilt. Schon am 13. August 1950 kommt die
      Begnadigung, "wegen guter Führung".
      Zurück in seiner norddeutschen Heimatstadt wird W. ein geachteter
      Bürger. "Unberührt kehrten diese subalternen Henker später in ihr Urmilieu
      beflisssener Dienstleistung zurück", empörte sich der Berichterstatter
      von "Christ und Welt" beim Prozess gegen die Chefs des EK 9, Dr. Filbert
      (Bankfilialleiter), Schneider (Ministerialreferent), Greiffenberger
      (Buchhalter), Struck (Kriminalrat) und Tunnat (Handwerkskammer). "Exzesse waren
      und sind ihrem Wesen fremd. Nahtlos fanden diese Beamten, die Tausenden
      gehorsam den Tod gereicht hatten, den Anschluss an ihre harmlosen Kollegen, die
      nur Sparkonten durch Schalter reichen."


      pyrsk !
      Ballest
    • ballest88 Jest nam przykro. Czy wystarczy ? 28.06.04, 16:13
      Juli 2002: Zufällig erfährt der 68-jährige Augenarzt und Vorsitzende der
      Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft DIG, Dr. Peter Meves,
      vom Kanzlerschreiben an den Feinkosthändler. Er lässt den alten
      Mann "unbehelligt" und schweigt. Meves gilt in W.s Heimatstadt als Störenfried.
      Fast fünf Jahre lang stritt er mit Politik und Verwaltung um ein Mahnmal für
      die im Holocaust ermordeten jüdischen Mitbürger. Das hat man ihm bis heute
      nicht verziehen.
      Im November wird der DIG-Vorsitzende in der Lokalzeitung angeklagt, die Stadt
      mit Skandal erpresst zu haben. Er hatte den Verantwortlichen geraten, einen
      Vortrag über eine Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem still aus dem
      Programm der Israelischen Kulturwochen im Mai 2003 zu nehmen, wenn sie nicht
      bereit wären darüber zu reden, dass 1941 bis 1944 von hier aus Deportationen in
      die Konzentrations- und Vernichtungslager abgewickelt wurden. Von Gustav W.
      ganz zu schweigen.
      Das Rathaus streicht den Vortrag, macht aber doch große Worte und lanciert
      einen Artikel über den scheinbar sinnlosen Eifer des DIG-Vorsitzenden. Darin
      kein Wort von den Morden des Feinkosthändlers, nichts vom Kanzlerschreiben. Das
      laute Schweigen hält an. Dieselbe Zeitung lehnt einen Leserbrief mit Details
      aus W.s Dienstlaufbahn ab: Er "könnte den Tatbestand einer üblen Nachrede
      enthalten". Wie sagte er selbst? "Wir sind nicht für große Worte und machen von
      der Schließung kein Theater, wenn Leute sagen ‚es tut uns Leid' ist das genug".


      pyrsk !
      Ballest
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