ballest88
28.06.04, 15:43
Hamburger Wohnung des ehemaligen SS-Chefs von Genua durchsucht
- Ermittlungen wegen Geiselerschießungen in Italien
Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat die Wohnung des in der Hansestadt
lebenden ehemaligen SS- und Polizei-Chefs von Genua, Friedrich Engel,
durchsucht und zahlreiche Unterlagen sichergestellt. Wie die Behörde am
Dienstag mitteilte, hat sie den 92-Jährigen im Verlauf der vergangenen zwei
Monate mehrfach vernommen. Bei den Ermittlungen geht es um den Vorwurf der
Teilnahme an Geiselerschießungen in Italien in den Jahren 1944 und 1945. Ein
italienisches Militärgericht verurteilte ihn 1999 in Abwesenheit zu
lebenslanger Haft wegen Ermordung von 246 Zivilisten.
Engel, der seit Kriegsende in Hamburg lebt, hatte in einem Interview der
Tageszeitung "Corriere della Sera" eine Teilschuld für die Erschießung von 59
italienischen Zivilisten, die so genannte Turchino-Aktion, eingeräumt. Sie
sei die Vergeltung für den Anschlag italienischer Terroristen auf ein Kino in
Genua gewesen. Engel hatte eingestanden, dass die Zivilisten nichts mit dem
Anschlag zu tun gehabt haben. Er sei mit dem Exekutionsbefehl nicht
einverstanden gewesen. "Es wurden 59 Männer erschossen, die wegen anderer
Straftaten oder Aktionen gegen uns Deutsche verhaftet worden waren." In
seinem Hoheitsgebiet habe es während seiner Amtszeit kein weiteres Massaker
gegeben. Er habe im Übrigen auf Befehl gehandelt. Ermittlungen gegen den SS-
Mann wegen Teilnahme an Exekutionen in Italien hatte es bereits in den 60-er
Jahren bei der Hamburger Staatsanwaltschaft gegeben. Sie waren im Jahr 1969
eingestellt worden.
Im Juli dieses Jahres führten Mitarbeiter der Hamburger Staatsanwaltschaft in
Turin Gespräche mit dem Sachbearbeiter des Militärgerichtsverfahrens gegen
Engel, sahen die Verfahrensakten ein und werteten sie aus. Bedeutsame
Hinweise hätten sich auch aus den gesichteten Akten eines Verfahrens des
Appellationsgerichts in Genua aus dem Jahr 1945 gegen einen inzwischen
verstorbenen Beteiligten an der Turchino-Aktion ergeben, teilte die Behörde
weiter mit.
Laut Staatsanwaltschaft sind in Zusammenarbeit mit der Hamburger
Kriminalpolizei und dem italienischen Historiker Gentile auch in deutschen
Archiven wichtige Beweismittelunterlagen gesichtet und sichergestellt worden.
Hieraus ergäben sich Hinweise auf über 200 mögliche Zeitzeugen für die
Partisanentätigkeit in Ligurien sowie darauf erfolgten Gegenmaßnahmen der
deutschen Stellen. Die Kriminalpolizei kläre jetzt den Verbleib dieser
Zeugen, die eventuell noch gehört werden könnten.
© AFP Agence France-Presse GmbH 2001
pyrsk !
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