Egon Bahr szczerze

07.11.04, 20:18
© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. 46/04 05. November 2004
„Wir müssen lernen, wieder eine normale Nation zu sein“
Egon Bahr über Deutschland fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall, die „Flucht“
der Deutschen nach Europa und die notwendige Rückkehr zum Nationalstaat
Moritz Schwarz / Dieter Stein

Herr Professor Bahr, am 9. November jährt sich der Fall der Mauer, der den
Weg zur staatlichen Deutschen Einheit freigemacht hat, zum 15. Mal. Brauchen
wir weitere 15 Jahre, um endlich auch die sogenannte innere Einheit zu
gewinnen?

Bahr: Es stimmt, die deutsche Einheit ist zwar außenpolitisch fehlerfrei
bewerkstelligt, innenpolitisch aber in den Sand gesetzt worden. Neben
handwerklichen Fehlern haben wir vor allem die Mentalitätsunterschiede der
Deutschen hüben und drüben nicht berücksichtigt.

Haben Sie dieses Problem schon früher gesehen?

Bahr: Ich beziehe mich in diese Kritik ein. Ich habe geglaubt, daß durch die
millionenfache Besuche und die Tatsache, daß das Westfernsehen im Grunde ein
gesamtdeutsches Fernsehen war, die Ostdeutschen gewußt haben, wohin sie
wollten. Wir haben nicht bedacht, daß sich die Deutschen bei diesen Besuchen
immer nur die Sonntagsgesichter gezeigt und daß die Menschen in der DDR zwar
nach Westen, die in der Bundesrepublik aber ebenfalls nach Westen geschaut
und sich so die Blicke der Deutschen in Ost und West nie getroffen haben. Die
Unterschiede einer vierzig Jahre wirkenden Sozialisierung in einem
kollektivistischen und in einem individualistischen Gesellschaftssystem sind
so groß, daß sie wohl nicht mehr anders überwunden werden als durch den
biologischen Ablauf. Unsere Einheit, so müssen wir wohl leider feststellen,
ist keine Sache von zwei Jahrzehnten, sondern von Generationen.

Ein Trost bleibt, für die außenpolitische Betrachtung ziehen Sie ein anderes
Fazit.

Bahr: Zumindest gibt es hier einen Fortschritt. Nach mehr als vierzig Jahren,
während derer die großen Fragen der Außenpolitik von den „Großen“ entschieden
worden sind, haben die Deutschen diesen Zustand so verinnerlicht, daß es
einer großen Anstrengung bedarf, ehe sie ins Bewußtsein nehmen, daß wir
wieder souverän geworden sind. Richard von Weizsäcker hat einmal formuliert,
daß die Deutschen von der „Machtversessenheit des Reiches“ in
die „Machtvergessenheit der alten Bundesrepublik“ geraten sind. Es ist nun
notwendig, zum Gleichgewicht zu finden.

Wie definieren Sie dieses „Gleichgewicht“?

Bahr: Im Bewußtsein dessen, was wir können, unsere Interessen zu definieren
und diese - ebenso wie das jeder andere Staat tut - zu vertreten. Es gilt
Normalität zu erreichen. Das ist noch ungewohnt, nicht nur für das eigene
Volk, sondern auch für unsere Nachbarn. Kein Wunder also, daß Gerhard
Schröder „Gegenwind“ bekam, wenn er von „Normalität“ sprach. Viele fragten
sich, wollen die Deutschen wieder Großdeutsche werden? Dabei war ein
vereintes Deutschland noch nie so klein wie heute.

Wo aber sehen Sie nun die Fortschritte hinsichtlich einer Normalisierung?

Bahr: Seit dem Mauerfall und dem Ende der Sowjetunion können wir, nach über
einem halben Jahrhundert, erstmals wieder europäische Sicherheit ohne Amerika
organisieren. Zum ersten Mal ist das 2003 geschehen, als die Bundesrepublik
in der Irak-Frage nicht an die Seite von Washington getreten ist, sondern mit
Frankreich die europäische Option gewählt hat. Ich sehe vier Kanzler, die
Weichen gestellt haben: Adenauer hat die Westbindung organisiert, Brandt die
Öffnung nach Osten bewerkstelligt, Kohl den Instinkt und Mut gehabt, die
Chance zur Einheit zu ergreifen, und Schröder die gewonnene Souveränität
durch eine europäisch definierte Selbstbestimmung vollzogen.

Diese nachträgliche Deutung als Heilsweg zur deutschen Einheit ist eine
hübsche Legende, Sie meinen das aber doch nicht wirklich ernst? Sie selbst
kolportieren in Ihrem Buch „Der deutsche Weg“ die Warnung Jakob Kaisers vor
dem „Separatisten“ Adenauer, der Westbindung statt Einheit wollte, und haben
in den achtziger Jahren die Kohl-CDU kritisiert, die nur noch in
Sonntagsreden von der Einheit gesprochen hat. Und Bundeskanzler Schröder hat
wohl eher Angst vor dem wahnwitzigen Irak-Krieg gehabt, als deutsches oder
europäisches Selbstbewußtsein demonstrieren zu wollen.

Bahr: Das ist keine Legende, sondern Wirklichkeit, die sich hoffentlich auch
künftig fortsetzen wird. Europa liegt uns näher als Amerika.

In „Der deutsche Weg“ fragen Sie sich, warum nach der Wiedervereinigung und
dem Abzug der Sowjets niemand die Frage nach dem Abzug der US-Truppen aus
Deutschland aufgeworfen habe.

Bahr: Im Grunde muß doch jedes besetzte Land froh sein, wenn es seine
Besatzer loswird. Auch Deutschland müßte eigentlich, wie Frankreich,
innerhalb der Allianz danach streben, unbesetzt zu sein.

Das heißt, Sie würden einen Abzug der Amerikaner befürworten?

Bahr: Nein, denn ich kann keinen Nutzen erkennen, wenn wir unsere Situation,
mit der alle zufrieden sind, ändern. Unsere Nachbarn, im Westen wie im Osten,
wollten 1990, daß Deutschland durch die Nato kontrolliert bleibt. Schließlich
war gerade diese sicherheitspolitische Einbindung der Durchbruch zur Einheit.
Was also haben wir mit dieser Truppenpräsenz nicht, was wir ohne sie hätten?

Sie weisen in Ihrem Buch selbst darauf hin, daß Deutschland 2003 durch die
Gewährung der Überflugrechte für die US-Streitkräfte an einem Angriffskrieg
mitgewirkt hat. Konsequent souverän wäre es also gewesen, den Amerikanern
Start und Überflug zu verbieten.

Bahr: Theoretisch haben Sie recht, in der Praxis gebietet die Klugheit, nicht
alles zu tun, was man tun könnte.

Also sind wir doch nicht wirklich souverän?

Bahr: Ich hätte es für unverantwortlich gehalten, wenn der Bundeskanzler
zusätzlich zur Verweigerung der Gefolgschaft gegen den Irak die Frage der
Überflugrechte aufgeworfen hätte. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit der
Infragestellung der US-Stützpunkte in Deutschland. Das wäre zuviel auf einmal
gewesen! Außerdem: Diese Stützpunkte behindern unsere außenpolitische
Handlungsfreiheit nicht.

Mag sein, aber der Punkt ist: Wir trauen uns nicht. „Ein bißchen“ ist
Deutschland also immer noch besetzt?

Bahr: Das tut nicht weh; einige jammern sogar, wenn die US-Truppen abziehen.
Ich würde einen Ringkampf mit den Amerikanern für töricht halten.

Die Franzosen haben ihn 1966 ausgefochten, als sie den Abzug aller
amerikanischen Truppen durchgesetzt haben.

Bahr: Die haben damit ihre Selbständigkeit bewiesen; diesen Nachweis brauchen
wir nicht mehr zu führen.

Warum?

Bahr: Das haben wir doch schon, zum Beispiel mit unserer Irak-Politik.

Sie selbst haben darauf hingewiesen: Man täusche sich nicht, die USA hätten
in der alten Bundesrepublik nie mehr als ein „Protektorat“ gesehen.

Bahr: Das gilt sicherheitspolitisch immer noch, sogar für ganz Europa. Wir
sollten nicht vergessen, daß die Garantie der USA gegen die potentielle
Bedrohung des Ostens gewirkt hat. Von den Amerikanern wäre umgekehrt auch
eine gewisse Dankbarkeit für diese deutsche Dankbarkeit angebracht. Denn es
ist natürlich amerikanisches Interesse, hier einen unsinkbaren Flugzeugträger
zu haben.

Ein anderes Thema: 1989/90 befürchteten unsere Nachbarn, Deutschland werde zu
einer neuen Hegemonialmacht. Fünfzehn Jahre später erleben wir Deutschland
als kranken Mann Europas.

Bahr: Ich bin kein Ökonom und kann daher keine guten Ratschläge zur
Bewältigung unserer Krise geben. Es ist aber unbestreitbar, daß ohne den
riesigen Finanztransfer in die neuen Länder Deutschland weiterhin an der
Spitze in Europa rangieren würde. Allerdings dürfen solche Überlegungen keine
Rolle spielen, denn das Grundgesetz, die nationale Solida
    • grba Egon Bahr szczerze 2 07.11.04, 20:19
      Solidarität und die geschichtliche Fairneß gebieten es, heute den Landsleuten
      zu helfen, die - neben den Vertriebenen - den größten Teil der Zeche für den
      verlorenen Krieg haben zahlen müssen.

      Mancher verweist angesichts der Probleme gerne auf die Zeit und die Tugenden
      der Wideraufbaugeneration nach dem Krieg. Inzwischen erinneren sich sogar
      Musiker und Filmemacher in Hitparaden-Titeln wie „Wir sind wir“ und populären
      Kinofilmen wie „Das Wunder von Bern“ bewundernd dieser Zeit, die von den
      Achtundsechzigern stets als postfaschistisch denunziert wurde. Allerdings
      kritisieren viele, darunter sogar die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“,
      diese Anklänge von Normalisierung. Ist die zur Liebe des eigenen Landes
      offensichtlich unfähige Mittelgeneration nicht vielleicht unser eigentliches
      Problem auf dem Weg zum „Gleichgewicht“?

      Bahr: Vergessen Sie nicht, daß gerade die se Generation in der Verantwortung
      gelernt und deutsche Soldaten außerhalb des Nato-Gebietes eingesetzt hat. Man
      kann es als Ironie der Geschichte bezeichnen, daß immerhin pazifistische Kräfte
      nun sogar bereit sind, Soldaten einzusetzen.

      Wären wir denn mit den Tugenden der Wiederaufbaugeneration in der Lage, die
      heutige Krise zu meistern?

      Bahr: Ich möchte zunächst einmal daran erinnern, daß bei allem verständlichen
      Jammern und Klagen festgestellt werden muß, daß der deutsche Lebensstandard und
      unsere Wirtschaftskraft in Europa immer noch an der Spitze stehen. Entweder
      müssen also wir die anderen auf Höhe unserer Standards anheben oder unsere
      Standards senken, solange die Angleichung innerhalb der Europäischen Union
      erstrebt wird. Ironischerweise erledigt derzeit die Wirtschaft mit ihrer
      erpresserischen Haltung, der sich keine Regierung, keine Gewerkschaft und keine
      Arbeitnehmerschaft dauerhaft erwehren kann, diese Absenkung für uns. Den Opel-
      Streik in Bochum habe ich als alarmierend empfunden, weil er, wie die FAZ
      formulierte, ein „Aufstand“ war. Ein Aufstand gegen die kalte Haltung, daß der
      Gewinn mehr zählt als die Menschen. Daß die Menschen degradiert werden zu
      Mitteln, um den Gewinn rechnen zu können. Gelingt das nicht, werden die
      Menschen eben „freigesetzt“.

      Der Schweizer Soziologe und bekannte Globalisierungskritiker Jean Ziegler hat
      im Interview mit dieser Zeitung darauf hingewiesen, daß es alleine innerhalb
      des Nationalstaates möglich ist, dieser Logik zugunsten eines sozialen
      Ausgleiches zu entgehen.

      Bahr: Der Nationalstaat ist dazu längst zu schwach, er kann nur noch mildern.
      In unserem Falle jedenfalls hat das amerikanische Management von General Motors
      die Regeln des rheinischen Kapitalismus, der auf Konsens abgestellt ist, und
      der in Westdeutschland tatsächlich als „nationaler“ Kompromiß zum sozialen
      Ausgleich verstanden werden muß, verletzt. Wenn so etwas passiert - darüber muß
      man sich im klaren sein, zumal vor dem Hintergrund von Hartz IV - dann „wackelt
      die Wand“.

      Was meinen Sie damit konkret?

      Bahr: Eine Destabilisierung der Bundesrepublik.

      In welchem Maße?

      Bahr: Das kann ich nicht vorhersagen.

      Bis zur politischen Krise, wie manche befürchten?

      Bahr: Ich male keine Horrorszenarien. Aber fest steht, der Standortfaktor
      Nummer eins der Bundesrepublik sind Stabilität und Harmonie durch soziale
      Sicherheit. Wehe, wer den leichtfertig verspielt.

      Konservative warnen, die Bundesrepublik Deutschland würde durch eine Verletzung
      dieses sozialen Konsens besonders stark destabilisiert werden, weil ihr innerer
      Ausgleich allein darauf ruht. Während in anderen Ländern das politische System
      zusätzlich wesentlich durch den Nationalstolz stabilisiert wird.

      Bahr: Ich glaube nicht, daß man das im Sinne von Ursache und Wirkung in
      Verbindung setzen kann. Lassen Sie mich etwas ausholen: Ich glaube, in
      Deutschland wird man sich bald bewußt werden, was für ein Einschnitt der EU-
      Verfassungsvertrag ist. Denn dieser Verfassungsvertrag hat dem deutschen Traum
      von einer europäischen politischen Integration - von der europäischen
      Föderation - beendet. Fischers Europa-Konzept, das er in seiner Rede an der
      Berliner Humboldt-Universität im Jahr 2000 dargelegt hat, ist damit doch
      mindestens für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte auf Eis gelegt! Es gab
      offensichtlich kein anderes Land, das diese politische Vollintegration wollte.
      24 Nationen haben beschlossen, daß Europas Zukunft im Miteinander, aber nicht
      in der Verschmelzung der Nationalstaaten liegt. Danach hat sich die 25. - also
      wir - nun mal zu richten. Noch sind wir uns in Deutschland offenbar gar nicht
      bewußt, daß wir in Europa auf de Gaulles Konzept vom Europa der Vaterländer und
      damit auf unseren eigenen Nationalstaat zurückgeworfen sind! Wenn wir für diese
      Zukunft fit sein wollen, dann sind wir gezwungen, zu lernen wieder eine normale
      Nation zu sein. Das wiederum führt uns zurück zu Ihrer Frage und zeigt, daß wir
      die Aussöhnung mit unserem nationalen Selbstbewußtsein - trotz unserer
      schwierigen Geschichte - ebenso wie den Erhalt des sozialen Konsens schaffen
      müssen, weil wir uns eine Fehlfunktion oder gar die Lahmlegung Deutschlands als
      Nation nicht leisten können.

      Wie sollen wir diese Erfahrung, in Europa mit unseren Vorstellungen alleine zu
      stehen, deuten? Sind wir mit unserem Wunsch nach Überwindung der Nation
      besonders modern und nur an der Rückständigkeit der anderen gescheitert, oder
      haben wir uns offensichtlich als lebensuntüchtige, neurotische Sonderlinge
      erwiesen?

      Bahr: Wir würden uns wirklich lächerlich machen, den anderen 24 zu sagen: „Ihr
      seid zurückgeblieben!“

      Also sind die nationsvergessenen Deutschen die Sonderlinge?

      Bahr: Europa verträgt den Satz nicht: „Am deutschen Wesen soll Europa genesen.“

      Die mit den Römischen Verträgen 1957 gegründete EWG - der Vorläufer der
      Europäischen Union - sollte das „bedrohliche“ Deutschland einbinden. Nun
      entwickeln die Deutschen gerade in der EU eine Versessenheit, von der sich
      unsere Partner erneut in gewisser Weise bedroht fühlen.

      Bahr: Das ist nicht mehr ernstzunehmen. Nach der totalen Niederlage hatten die
      Deutschen von Macht und Einfluß genug. Sie waren friedlich geworden und hofften
      die Last der jüngsten Geschichte in einem übernationalen Europa loswerden zu
      können. Heute hat Europa ein ganz anderes Problem. Wenn wir nur eine
      Wirtschaftsgemeinschaft bleiben, werden wir politisch immer durch die USA
      manipulierbar sein. Wenn wir bei dem beschlossenen Ziel einer politisch
      selbstbestimmten Gemeinschaft bleiben, muß Europa Streitkräfte aufstellen, die
      auch selbstbestimmt eingesetzt werden können. Falls das nicht alle EU-
      Mitglieder wollen, dann sollten diejenigen beginnen, die dazu willens und fähig
      sind. Der Verfassungsvertrag gestattet das. Ich bedauere sehr, daß 1954 die
      Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) nicht geklappt hat,
      dann wäre alles wohl sehr zielstrebig auf eine politische Gemeinschaft
      zugelaufen. Uns bleibt nur übrig, auf eine allmähliche Ausweitung der
      politischen Handlungsfähigkeit Europas zu setzen, die sich ebenso sukzessive
      ausbreiten könnte, wie die EWG.

      Was schlagen Sie konkret vor, muß sich dafür in unserem Land ändern?

      Bahr: Ich kenne keinen Staat, in dem wir als „Europäer“ angesprochen werden.
      Wir werden als „Deutsche“ gesehen. Es ist der Nationalstaat, in dem das
      Zugehörigkeitsgefühl und die Loyalität der Bürger wohnt. Natürlich kann man
      stolz darauf sein, daß es dank Europa auch einen westlichen Weg in der Irak-
      Frage gegeben hat, der nicht von Amerika geprägt war. Oder darauf, daß Europa
      dem sogenannten „Kampf der Kulturen“ entgegenwirkt. Ich glaube, wir werden auch
      auf das von Europa entwickelte Konzept der Zusammenarbeit stolz sein, das im
      21.
      • grba Egon Bahr szczerze 3 07.11.04, 20:21
        Jahrhundert viel prägender und hilfreicher sein wird, als das Prinzip der
        Machtentfaltung in Arroganz, wie es die USA praktizieren. Diese beiden Modelle
        werden in der kommenden Epoche konkurrieren, und es wird sich zeigen, welches
        sich bewährt. Europa funktioniert aber noch nicht als Objekt unserer
        Vaterlandsliebe. Die EU teilt sich bislang nicht als ein tiefes Gefühl mit.

        Reicht aber dieser Appell an die „nationale Vernunft“ aus, wenn wir seit über
        vierzig Jahren von der Nation „wegerzogen“ worden sind?

        Bahr: Ich kann da nur eindringlich die Formel Willy Brandts empfehlen: „Stolz
        ohne Überheblichkeit“.

        Ihre Generation kann dazu auf ein anerzogenes Nationalgefühl zurückgreifen. Die
        heute Zwanzig-, Dreißig- oder Vierzigjährigen sind jedoch fast allesamt mit
        einem gestörten Verhältnis zur Nation und mit einem negativen Deutschlandbild
        aufgewachsen. Bedarf es also nicht etwas mehr als nur eines guten Ratschlages?
        Brauchen wir nicht gar eine Art emotionales „Nation-Building“ für die Deutschen?

        Bahr: Ich glaube wirklich, daß die jungen Leute da umlernen müssen. Oder wollen
        die im Ernst warten, bis sich eines Tages der Stolz auf Europa einstellt? Oder
        wollen sie denn etwa gar ohne einen solchen Stolz leben?

        Das ist doch die Realität! Fragen Sie nur junge Ausländer in Deutschland, die
        sich integrieren wollen. Die sagen Ihnen: „In was denn? Ihr Deutschen habt doch
        nichts Attraktives, in das man sich gerne integrieren möchte!“

        Bahr: „Weinend lieb‘ ich Dich noch“, hat einmal ein Dichter über Deutschland
        geschrieben. Trotz der schrecklichen Geschichte ist es doch mein Land. Was denn
        sonst? Man kann aus der Geschichte nicht austreten und man sollte nicht in
        Nihilismus verfallen.

        Sie können das frei äußern, „Normalsterbliche“ werden dafür aber oft sehr
        schnell mit Injurieren wie „Nationalist“, „Ewiggestriger“ oder gar „Nazi“
        belegt.

        Bahr: Es stimmt, daß es in Deutschland solche Vorurteile gibt. Aber es hilft
        doch nichts, ich kann die Nation nicht unter den Teppich kehren. Wir haben die
        vergeblichen Versuche der DDR erlebt, der Nation zu entkommen. Die entsprachen
        dem, was auch vielfach in Westdeutschland passiert ist und auch im
        wiedervereinten Deutschland immer noch existiert.

        Helmut Schmidt berichtete im April in einem Beitrag für die „Zeit“ von einem
        Zusammentreffen mit jungen Offizieren der Bundeswehr: „Ich versuchte es mit
        Thukydides, ... dann mit dem Namen des Perikles - keiner hatte auf seinem
        Gymnasium diese Namen gehört. Schließlich fragte ich: ‘Was zum Teufel habt Ihr
        denn im Fach Geschichte auf der Schule gelernt?’ Sofort meldeten sich
        gleichzeitig sieben junge Leute mit der Antwort: ‘Auf der Unterstufe Nazi-Zeit,
        auf der Mittelstufe Nazi-Zeit, dito auf der Oberstufe Nazi-Zeit.’ Allgemeine
        Zustimmung im ganzen Hörsaal!“ - Ebenso wie Helmut Schmidt haben Sie einmal
        politische Verantwortung getragen. Fühlen Sie sich nicht mitverantwortlich für
        diese Fixierung auf die Zeit des Nationalsozialismus?

        Bahr: Vielleicht ist die ältere Generation da zu leise gewesen. Aber Willy
        Brandt zum Beispiel hat unsere ganze Geschichte angenommen, für die er in einer
        Rede 1961 „Bebel und Bismarck, Hindenburg und Ebert, Hitler und Ulbricht“
        nannte. Er hat sogar in Amerika unter Bezug auf den Nationalstolz de Gaulles
        gefragt: „Warum nur er?“ Und sein Wahlkampfaufruf, „Deutsche, Ihr könnt stolz
        sein auf unser Land!“, ist 1972 sogar gehört worden.

        Die Fälle Hohmann und Möllemann oder der Wahlerfolg der NPD in Sachsen lassen
        viele den Schluß ziehen, „das Nationale“ müsse in Deutschland wieder stärker
        gesellschaftlich bekämpft werden.

        Bahr: Wenn ich heute sehe, daß sich die NPD auf Traditionen des
        Nationalsozialismus bezieht, dann habe ich gerade davor keine Angst, denn das
        ist so phantastisch, daß man sich angesichts des Mangels an Realitätsbezug
        keine Sorgen machen muß. Die natürliche Weg Hitlers war Autarkie, Aufrüstung
        und Krieg. Sogar ein „Adolf II.“ könnte diesen Weg gar nicht mehr gehen, dazu
        ist die Bundesrepublik zu eingebunden und unser Volk zu friedliebend.
        Rechtsextreme Parteien gehören zur europäischen Normalität. Damit müssen
        Demokratien fertig werden. Wir auch.

        Wäre dies nicht eher zu leisten, wenn wir statt negativer Mythen - Joschka
        Fischer nannte Auschwitz gegenüber dem französischen Schriftstellers Bernard-
        Henri Lévy den „Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland“ - positive
        Mythen wie etwa den 20. Juli 1944 kultivieren würden?

        Bahr: Beides sind Fakten unserer Geschichte. Aber die Vergangenheit darf die
        Zukunft nicht behindern. Der Widerstand des 20. Juli - der von sehr
        konservativen Menschen getragen wurde, die durch den Nazismus verführt, dann
        davon bekehrt worden sind und die daraus die Konsequenzen gezogen haben,
        inklusive der Bereitschaft, ihr Leben dafür einzusetzen - ist in der Tat eine
        Tradition, auf die wir stolz sein können. Und ich kenne übrigens keine deutsche
        Zeitung, die die Erinnerung an den 20. Juli so leidenschaftlich engagiert, so
        ernst und so ausführlich behandelt hat wie die junge freiheit.

        Kehren wir zurück zum Thema deutsche Einheit: Ist uns die deutsche Einheit
        seltsamerweise 1989 nicht in einem Moment in den Schoß gefallen, als die
        politischen Eliten der Etablierten, vor allem auch der SPD und sogar der CDU,
        sie bereits aufgegeben hatten, ja teilweise schon selbst als „revisionistisch“
        verteufelt haben?

        Bahr: Das stimmt schon. Aber das war ehrlich, wenn auch falsch.

        Ehrlich? Die deutsche Teilung als Weg für Europa zu deklarieren und die Einheit
        als revisionistisch?

        Bahr: Nun ja, Sie können mir nicht alle törichten Thesen vorhalten, die
        irgendwer irgendwann einmal geäußert hat. Ich habe meine Meinung zur
        Wiedervereinigung nie geändert. Oskar Lafontaine war ehrlich, als er 1990
        sagte, er könne sich nicht über die Einheit freuen. Ich habe unter solchen
        Aussagen eines SPD-Kanzlerkandidaten aber natürlich gelitten. Ebenso, wie ich
        den Kopf geschüttelt habe, als Bürgerrechtler sagten, sie wollten gar nicht die
        Einheit, sondern eine reformierte DDR.

        Es gibt allerdings auch von Ihnen Aussagen, wie etwa vom 27. November 1988
        beim „Münchner Podium“ in den Kammerspielen: Das Reden von der deutschen
        Einheit sei „Lüge, Heuchelei, die uns und andere vergiftet, politische
        Umweltverschmutzung“.

        Bahr: Ich habe mich aufgeregt über das patriotische Gerede von Leuten, die es
        gar nicht so meinten. Sie haben das Gegenteil von dem getan, was die Franzosen
        nach 1871 in Hinsicht auf Elsaß-Lothringen praktiziert haben: Nicht davon
        reden, aber immer daran denken; die haben stets davon geredet, aber längst
        nicht mehr daran gedacht. Dazu kommt ein taktisches Moment: Wenn Brandt,
        Schmidt oder Kohl ständig im Ausland über die Wiedervereinigung geredet hätten,
        dann hätte es keine Möglichkeit gegeben, mit den Herren in Moskau und Ost-
        Berlin zu verhandeln. Ich kann doch vor diesen Leuten keine Reden führen, die
        deren Selbstabschaffung beinhaltet hätte. Wir konnten mit den Kommunisten nur
        dann sprechen, wenn ihre Interessen, also Stabilisierung von DDR und Ostblock,
        gewahrt blieben.

        Sie sind also innerlich nie vom Ziel der Wiedervereinigung abgerückt?

        Bahr: Niemals! Durch die „Briefe zur deutschen Einheit“, die 1970 in Moskau und
        1972 in Ost-Berlin hinterlegt wurden, blieb unser Ziel sogar ausdrücklich
        gewahrt. Beide Seiten mußten hoffen können, daß ihre Ziele durch die Ostpolitik
        erreichbar sind: Die einen - übrigens nicht nur im Osten - erwarteten die
        Verewigung von deutscher und europäischer Teilung, und wir erwarteten einen
        Prozeß, der zur
        • grba Egon Bahr szczerze 4 07.11.04, 20:22
          der zur Einheit führt. Unsere Rechung ist aufgegangen.

          Bedurfte es dazu aber wirklich so fragwürdiger Formulierungen wie etwa der
          Willy Brandts, der 1973 in einem „Newsweek“- Interview zum besten gab: „Es war
          für mich härter, das Rauchen aufzugeben als die andere Hälfte Deutschlands“?

          Bahr: Brandt war der festen Überzeugung, nur das aufgegeben zu haben, was von
          Hitler schon längst unwiderruflich verspielt war. Und vergessen Sie nicht: 1973
          war es selbst für viele Amerikaner eine Horror-Vorstellung, Deutschland könnte
          mit Hilfe Moskaus seine Einheit erreichen. Brandt hat sich zu seinem Land
          bekannt. Sein Kniefall hat deutsche Schuld bezeugt. Aber kein Volk kann dauernd
          knieend leben.



          Fotos: SPD-Politiker Bahr, Schmidt, Wischnewski (1984 in Essen): „Deutsche, ihr
          könnt stolz sein auf unser Land“

          Bahr im Gespräch: „Natürlich kann man stolz sein auf Europa ..., aber es ist
          der Nationalstaat, dem das Zugehörigkeitsgefühl und die Loyalität der Bürger
          gehört. Europa funktioniert noch nicht als das Objekt unserer
          Vaterlandsliebe ... Wir haben die vergeblichen Versuche der DDR erlebt, der
          Nation zu entkommen. Es hilft nichts, man kann sie nicht einfach unter den
          Teppich kehren.“

          Bahr, JF-Chefredakteur Dieter Stein in der Berliner SPD-Zentrale

          Egon Bahr: „Fischers Europa-Konzept liegt auf Eis ... Noch sind wir uns aber in
          Deutschland offenbar gar nicht bewußt, daß wir auf de Gaulles Konzept vom
          Europa der Vaterländer zurückgeworfen sind. Wenn wir für diese Zukunft fit sein
          wollen, sind wir gezwungen zu lernen, wieder eine normale Nation zu sein“



          Prof. Dr. Egon Bahr, Bundesminister a.D.: Der Berater (ab 1960) und persönliche
          Freund Willy Brandts war als Bundesminister für besondere Aufgaben (1972 bis
          1974) Leiter der Deutschlandpolitik und „Architekt“ der neuen Ostpolitik.
          Geboren 1922 im thüringischen Treffurt, wurde er wegen seiner jüdischen
          Großmutter als Musikstudent abgelehnt, später - 1944, nach Einsätzen an der
          Westfront - aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Der ehemalige Fahnenjunker lernt
          Industriekaufmann, bevor er Journalist wird. 1956 tritt er in die SPD ein,
          deren Bundesgeschäftsführer er von 1976 bis 1981 war. Unter Helmut Schmidt ist
          er bis 1976 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Ab Mitte der achtziger
          Jahre profiliert sich Bahr erneut als sicherheitspolitischer Experte, so als
          Direktor des Instituts für Friedensforschung in Hamburg, als Leiter der
          sicherheitspolitischen Kommission der SPD oder als Berater des letzten DDR-
          Verteidigungsministers Eppelmann.

          Wichtigste Veröffentlichungen: „Was wird aus den Deutschen?“ (Rowohlt,
          1982), „Sicherheit für und vor Deutschland“ (Siedler, 1990), „Deutsche
          Interessen“ (Blessing, 1998), „Der Nationalstaat - überlebt und unentbehrlich“
          (Steidl, 1999), „Der deutsche Weg“ (Blessing, 2003)


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          • grba Der Tagesspiegel pize o szczerym Bahrze tak 07.11.04, 20:25
            Zu viel der Freiheit

            Egon Bahr im Interview mit ultrarechtem Blatt

            Berlin – Er ist einer der großen, alten Männer der SPD und auch über die Partei
            hinaus hoch geachtet. Doch jetzt gerät Egon Bahr innerhalb wie außerhalb der
            Sozialdemokratie in die Kritik. Der ehemalige Bundesminister und Vertraute von
            Willy Brandt hat dem Chefredakteur des ultrarechten, von mehreren
            Verfassungsschutzbehörden beobachteten Wochenblatts „Junge Freiheit“ ein langes
            Interview gegeben – in der Zentrale der SPD, dem Willy-Brandt-Haus im Berliner
            Stadtteil Kreuzberg. „Das ist unfassbar“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete
            und Rechtsextremismus-Experte Sebastian Edathy am Sonnabend dem Tagesspiegel.
            Es sei „ein absolutes Unding, einer als rechtsradikal geltenden Zeitung im
            Willy-Brandt-Haus Gastrecht zu gewähren“. Edathy will jetzt dem SPD-
            Vorsitzenden Franz Müntefering einen Brief schreiben, damit sich ein solcher
            Vorfall nicht wiederholt.

            Harsche Worte fand auch Omid Nouripour, Mitglied des Bundesvorstands der
            Grünen. Bahr habe mit dem Interview „eine unverzeihliche Dummheit begangen“,
            sagte Nouripour dem Tagesspiegel. Der Grünen-Politiker warf Bahr vor, er habe
            sich vom „Revolverblatt der Neuen Rechten“ instrumentalisieren lassen. Mit
            der „Jungen Freiheit“ sollte kein Demokrat reden, „geschweige denn, sie ins
            eigene Haus lassen“.

            Bahr war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch die Pressestelle der
            SPD versuchte am Sonnabend vergeblich, mit Bahr in Kontakt zu treten. Das
            Interview ist in der aktuellen Ausgabe der „Jungen Freiheit“ abgedruckt. Bahr
            gibt teilweise verwirrende Antworten. So sagt er einerseits, der Kniefall Willy
            Brandts – der SPD-Kanzler hatte mit dieser Geste 1970 in Warschau die jüdischen
            und polnischen Opfer des NS-Regimes geehrt – habe „deutsche Schuld bezeugt“.
            Dann folgt jedoch der Satz: „Aber kein Volk kann dauernd knieend leben.“

            Die „Junge Freiheit“ wird regelmäßig in den Jahresberichten der
            Verfassungschutzbehörden des Bundes, Nordrhein-Westfalens und Baden-
            Württembergs unter dem Stichwort „Rechtsextremismus“ erwähnt. In der Ausgabe
            mit dem Bahr-Interview diffamiert ein Autor die westliche Wertegemeinschaft.
            Diese beanspruche „dauernde Gültigkeit ihrer willkürlichen Werte“.
    • pistulka2 Re: Egon Bahr szczerze 08.11.04, 00:34
      Egon Bahr troszeke na starosc dorobil sobie teorie, ze on byl zawsza za
      zjednoczniem Niemiec, kiedys tego nie mozna bylo zauwazyc, ale niech ma.
      Pozatym straszny ten Bahr na starosc stal sie prwawicowym radykaloem, napewno
      go wyleja z SPD;-) Proponuje ci koniecznie napisac, do Kanclerza by sie
      osobiscie zaja tym "oblakanym staruszkiem" takie zachowanie moze przeczynic sie
      do prawicowej radykalizacji calej SPD;-).

      Pozatym Grba to chyba to chyba nie bardzo kto tu to poczyta, moze bys troche
      potlumaczyl dla swych rodakow!

      • Gość: Marek Re: Egon Bahr szczerze IP: *.dip0.t-ipconnect.de 08.11.04, 21:38
        ;)

        lewicowcy byli zawsze prawicowi :) a jak lewica zacznie sie jeszcze zajmowac
        polityka narodowa... to... lepiej nie mowic!
        ;-)
        • psie.pole Re: Egon Bahr szczerze 16.11.04, 14:37
          A jak Niemcy się zaczną zajmować polityką narodową to mamy to co mamy.
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