Gość: Tom
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07.01.02, 09:21
05.01.02: Polens Team in der Krise
Nicht nur Deutschland hat mit Martin Schmitt ein "Sorgenkind", das den
Ansprüchen der Öffentlichkeit momentan nicht ganz gerecht wird. Auch Adam
Malysz befindet sich derzeit nicht in seiner gewohnten Form, die in Polen
normalerweise Begeisterung auslöst.
Dabei sind die Platzierungen des Weltcupführenden bei der Vierschanzentournee
wahrlich alles andere als schlecht: Rang fünf in Oberstdorf, Rang drei in
Garmisch und zuletzt Platz zwei in Innsbruck, dazu noch der zweite Platz in der
Gesamtwertung der Tournee sind hervorragende Ergebnisse, über die fast jeder
Springer überglücklich wäre. Einschließlich seiner Fans.
In Polen ist man in diesem Winter von den Weltcup-Resultaten von Malysz
verwöhnt worden: sechs Siege, davon drei in Folge, stehen auf seinem Konto. Und
der Weltmeister von Lahti war als absoluter Topfavorit, dem man sogar
den "Grand Slam", also Siege bei allen vier Springen, zugetraut hatte, nach
Oberstdorf gefahren. Wenn das überhaupt einer schafft, dann Malysz, so war es
überall zu hören. "Malysz ist perfekt, Malysz kann alles", brachte es Eurosport-
Kommentator Dirk Thiele einmal auf den Punkt.
Nun steht stattdessen Sven Hannawald kurz vor dem möglichen historischen
Triumph. Und so ist in den polnischen Medien die "große Krise" von Malysz das
Thema Nummer eins. Bisher noch kein Tagessieg bei der Tournee, über 40 Punkte
Rückstand auf Spitzenreiter Hannawald, damit hatte keiner gerechnet.
Was vor gut einer Woche noch undenkbar schien, ist eingetreten. In
der "Maschine Malysz" ist Sand ins Getriebe gekommen. Angesichts der bisherigen
Überlegenheit des Polen mutet es fast wie ein Wunder an. Aber im Grunde war es
nur eine Frage der Zeit, bis auch er wieder zur "Normalität" zurückkehrt. Auch
wenn es niemand so recht glauben mochte.
Im Skispringen gibt es sehr viele Einflußfaktoren, und daher muß das
Gesamtsystem stimmen. Klemmt ein Rädchen, streikt das ganze Uhrwerk. Wer
geglaubt hatte, der Gesamtweltcup wäre auf Jahre hinaus an Malysz verpachtet,
kann aufatmen: die befürchtete Langeweile bleibt zumindest vorübergehend aus.
Aber nicht nur der Superstar aus Wisla bereitet den Polen derzeit Kummer,
sondern das gesamte Team, die zweite Reihe hinter Malysz, die in dieser Saison
der Weltklasse hinterherspringt. Zwischen Malysz, der den Weltcup dominiert wie
kein anderer Springer zuvor, und dem Rest der Mannschaft klafft eine Lücke, wie
sie größer nicht sein könnte.
Darüber kann auch das gute Abschneiden der Polen beim Teamspringen in Villach
Mitte Dezember, als man noch vor Deutschland und Österreich einen
sensationellen dritten Platz belegt hatte, und bei dem auch Robert Mateja und
Lukasz Kruczek gute Leistungen gezeigt hatten, nicht hinwegtäuschen.
Die größte Enttäuschung aus polnischer Sicht ist sicher Wojciech Skupien, der
in diesem Winter bislang erst vier Weltcuppunkte ergattern konnte und
abgeschlagen auf Platz 62 im Gesamtweltcup liegt. Tomislaw Tajner (55.), Tomasz
Pochwala (52.) und Robert Mateja (50.) konnten die Erwartungen ebenfalls noch
nicht erfüllen. Vom Ziel der polnischen Mannschaft, im Sog von Malysz ein Team
mit Perspektiven auf vordere Weltcup-Platzierungen aufzubauen, ist man noch ein
ganzes Stück entfernt.
Das bisher enttäuschende Abschneiden der polnischen Mannschaft könnte
Konsequenzen haben. Die polnischen Medien berichten, dass Cheftrainer
Apoloniusz Tajner möglicherweise bald von seinem Amt zurücktritt.
Ausschlaggebend seien nicht nur die momentane "Schwäche" von Malysz, sondern
vor allem auch die schlechten Ergebnisse der anderen Springer.
Der Sprecher des polnischen Skiverbandes dementierte die eventuell
bevorstehende Ablösung von Tajner nicht. Am Montag sollen Gespräche
stattfinden, in denen geklärt werden soll, wie die Zukunft von Apoloniusz
Tajner aussehen wird.