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Telegraf z Gleiwitz

22.03.09, 04:12
Die Abstimmung in Oberschlesien
Drahtmeldung unseres Korrespondenten

EP. Gleiwitz, 21. März

Aus den Kreisen der Interalliierten Kommission werden folgende
vorläufige Ergebnisse mitgeteilt:

Kreis Beuthen 19 Gemeinden für Polen, 6 Gemeinden für Deutschland.
Der Kreis hat mit der Stadt Beuthen eine absolute Majorität für
Polen, etwa 52 Prozent.

Kreis Hindenburg 11 Gemeinden für Polen, 4 Gemeinden für
Deutschland. Dadurch, daß die Stadt Hindenburg eine beträchtliche
deutsche Mehrheit aufweist, hat der Kreis Hindenburg eine Mehrheit
für Deutschland ergeben.

Tarnowitz mit Stadt hat eine Mehrheit von 60 Prozent für Polen, Pleß
mit Stadt 80 Prozent für Polen, Gleiwitz mit Stadtbezirk 65 Prozent
für Polen an Stimmen abgegeben. Im Kreise Lublinitz hat etwa die
Hälfte für Deutschland und andere Hälfte für Polen gestimmt. Ein
ähnliches Ergebnis dürfte der Kreis Rosenberg aufweisen.

Die Stadt Königshütte, die einen eigenen Kreis bildet, hat 25
Prozent für Polen und 75 Prozent für Deutschland aufgewiesen.
Ratibor mit Stadt etwa 46 Prozent für Deutschland und 54 Prozent für
Polen. Kosel mit Stadt etwa 75 Prozent für Deutschland und 25
Prozent für Polen.

Leobschütz deutsche Mehrheit, Oberglogau deutsche Mehrheit, Groß-
Strehlitz 30 Prozent für Deutschland und 70 Prozent für Polen,
Oppeln-Stadt deutsche Mehrheit. Oppeln-Landkreis eine überwiegende
polnische Mehrheit. Kattowitz-Kreis: die Stadt hat vorwiegend
deutsch gewählt, das Land dagegen weist eine große polnische
Mehrheit auf, im ganzen Kreis haben 25 Prozent für Deutschland und
75 Prozent polnisch gewählt. Kreis Rybnick 20 Prozent für
Deutschland und 80 Prozent für Polen.

Es hat keinen Zweck, sich einer Täuschung hinzugeben. Die Abstimmung
hat in wichtigen Teilen Oberschlesiens für Polen und gegen
Deutschland entschieden. Oberschlesien, als Ganzes gesehen, hat eine
deutsche Mehrheit gebracht, in dem Industrierevier jedoch hat die
Mehrheit der Bevölkerung gegen Deutschland gestimmt. Welche
Folgerungen aus diesem Ergebnis zu ziehen sind, wird später zu sagen
sein. Zuerst müssen aber die Ursachen dieses für Deutschland
zweifellos ungünstigen Ergebnisses dargelegt werden. Und diese
Ursachen sind nicht heutigen und gestrigen Ursprungs, sie reichen
zurück in jene fluchbeladene Vergangenheit, in der die Gewalt der
Götze war, den die offizielle Politik feierte und die uns den Hatz
und die Verachtung fast der ganzen Welt eingetragen hat.

Oberschlesien hat bis vor kurzer Zeit keine eigentlichen nationalen
Gegensätze gehabt; die Bevölkerung sprach deutsch und polnisch, von
einer besonderen Zuneigung zu Polen war keine Rede. Während Polen
und Westpreußen schon längst ihre polnische Bewegung hatten, lag die
oberschlesische Bevölkerung noch in den Banden, die ihr Kapital und
Kirche angelegt hatten. Vor dieser Idylle machte aber die
hakatistische Bewegung nicht Halt. Es durfte keine zweisprachige
Bewegung mehr geben, alles Polnische sollte mit Stumpf und Stiel
ausgerottet werden. Das schuf den Boden für die großpolnische
Propaganda.

Nach dem November-Zusammenbruch schien auch für Oberschlesien eine
neue Zeit, eine Zeit der Freiheit angebrochen zu sein. Zwei
Bevölkerungsschichten waren hier von jeher besonders stark bedrängt,
die Arbeiter und die Land-Proletarier. Hier hätte sich eine
besonders günstige Gelegenheit geboten, nicht nur das soziale,
sondern auch das nationale Problem zu lösen. Dem Großkapital und dem
Großgrundbesitz mußten die Privilegien entwunden und die Forderungen
der werktätigen Bevölkerung erfüllt werden. Soweit sich das im
Rahmen der sozialistischen Grundsätze überhaupt ermöglichen ließ.
Die Demokratie mußte auf breitester Grundlage durchgeführt, das
Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung in den Schulen, Erziehung und
Verwaltung hergestellt werden. Nichts von alledem geschah. Noch
schneller und gründlicher als im übrigen Deutschland wurden in
Oberschlesien die alten Privilegien der besitzenden Kreise wieder
erneuert, von den Zielen der arbeitenden Bevölkerung nach
wirtschaftlicher und politischer Befreiung ging nichts in Erfüllung.
Der preußische Leutnant, der preußische Landrat und der preußische
Hakenkreuzler nahmen wieder Besitz von dem Lande. Hörsing, der
Vertreter der Roske-Politik in Oberschleien, ließ die Grubenarbeiter
mit Gummiknüppeln und Maschinengewehren zur Arbeit antreiben.

So mußte der Boden für die polnische Agitation bereitet werden, und
so ergab sich für den polnischen Nationalismus die günstige
Gelegenheit, die großen Gegensätze für seine besonderen Zwecke
umzumünzen. Wenn Oberschlesien für Deutschland gerettet werden
sollte, so mußte die deutsche Agitation von vornherein darauf
angelegt sein, die nationalen Gegensätze zu mildern. Das hieße aber
zugleich die Forderungen des Klassenkampfes wenigstens zum Teil
erfüllen. Wenn irgendwo, so mußte hier mit der Sozialisierung der
Großindustrie begonnen werden. Wenn irgendwo, so war hier die
Gelegenheit, den Feudaladel seines Besitzes zu entkleiden, ihn in
die Nutznießung der Allgemeinheit zu überführen und zugleich die
Bedürfnisse des Landproletariats zu befriedigen. Davon aber geschah
nichts, es langte nur zu inhaltslosen Erklärungen der Zechenbarone
und Agrarmagnaten, worin sie ihre "Treue zur deutschen Sache"
beteuerten. An Stelle dessen wurde der nationalistischen Propaganda
der weiteste Spielraum geschaffen, die nationalen Gegensätze wurden
bis aufs äußerste zugespitzt.

Die polnische Agitation hat außerordentlich geschickt die Schwächen
der deutschen Propaganda erfaßt und mit ihrer Ausbeutung große
Erfolge erzielt. Die polnische Propaganda war zwar außerordentlich
demagogisch, aber sie war doch ebenso geschickt wie wirksam. Sie
stellte es so dar, als ob die Massen des ländlichen und des
Grubenproletariats von dem Anschluß an Polen eine Befreiung von
ihren Leiden erhoffen könnten.

Was soll nun werden? Die Interalliierte Kommission wird auf Grund
des Abstimmungsergebnisses, das im ganzen für Deutschland eine
Mehrheit ergeben hat, ihre Vorschläge ausarbeiten und die Alliierten
werden dann endgültig die Entscheidung fällen. Bis es dahin kommt,
werden noch mehrere Monate vergehen. Es muß verlangt werden, daß die
Entscheidung nicht nach nationalen und politischen, sondern
lediglich nach wirtschaftlichen Grundsätzen gefällt wird.
Deutschland und Polen sind aufeinander angewiesen. Beide Länder
müssen so schnell wie irgend möglich zu einem beide Teile möglichst
befriedigenden Ausgleich kommen. Die oberschlesische Frage muß so
entschieden werden, daß weder hüben noch drüben ein Stachel
zurückbleibt.

Freiheit, 22.03.1921
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    • Gość: Menschenfresser Re: Telegraf z Gleiwitz IP: *.dip0.t-ipconnect.de 22.03.09, 04:29
      Breslauer Geograph Wilhelm Volz:

      "Von höchstem Interesse ist es nun, die Abstimmung ins einzelne zu
      verfolgen. Da ergibt sich, daß in den Gebieten sozialen Tiefstands
      die polnischen Stimmen zahlreich sind; an den großen Verkehrslinien
      wird deutsch gestimmt, wo es keine alten Verkehrsstraßen, keine
      Eisenbahn gibt dagegen polnisch, wo der Hüttenarbeiter, der in
      sozial besserer Lage ist, vorherrscht, gibt es deutsche Majoritäten;
      wo der Grubenarbeiter dagegen die Mehrheit hat, finden wir starke
      polnische Stimmenzahlen; wo besserer Boden zwischen Latifundien auf
      kleinsten Wirtschaften der Landmann sich plagen muß, um sein Leben
      zu fristen, sind polnische Majoritäten. Also je höher der soziale
      Stand der Bevölkerung, desto mehr deutsche Stimmen [...] Damit aber
      wird die ganze oberschlesischen Frage zur kulturellen, zur sozialen
      Frage! Es ist ein grober Irrtum, in ihr ein nationales Problem zu
      sehen."

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Nakarm Pajacyka