Gość: DVL
IP: *.sympatico.ca
22.11.02, 23:06
Die Zusammensetzung der Klasse gefiel mir anfangs auch sehr gut, da
die ?intellektuellen Polen? dort in Überzahl waren und ich mich nach den
Jahren ?Polonisierung? nicht mehr zu der Schlesischen Minderheit dazu
zählte. Dann aber kam der zweite Weltkrieg als Geschichtsstoff und
wurde ziemlich mit dem ?privaten? vermischt. So erzählten die Polen von
ihren Grossvätern, die so tapfer gegen die bösen Deutschen kämpften
und die Schlesier schwiegen. Dabei fiel mir ein, dass ich nichts über
diese Zeit weiss und ich fing an, Nachforschungen in der Familie zu
betreiben. Die Wahrheit war vernichtend. Der Grossvater
mütterlicherseits Zwangsarbeiter in Deutschland, mein so heiss
geliebter Grossvater Willi ein Wehrmachtsoldat. Meine Welt und meine
Identität sind wie eine Seifenblase zerplatzt. So fand ich mich wieder auf
der schlesischen Seite und versuchte alles über die Kultur, Traditionen,
etc. zu lernen, um fassen zu können, wozu ich jetzt zwangsläufig
gehörte. So fing meine ?militant ? schlesische? Zeit an. Ich habe mich
nicht mehr als Polin bezeichnet, fing wieder an vorwiegend Schlesisch
zu sprechen, hatte fast nur noch schlesische Bekannte und einen
erzkonservativen Schlesier als Freund. Das gute dabei war, dass die
Schlesier in der Klasse viel enger zusammen hielten, so wie es halt
Minderheiten zu tun pflegen. Wir haben
es uns zum Ziel gemacht, es den Polen zu zeigen. Dass wir rund um
besser sind, als sie. Dass wir ?ihre? Sprache besser beherrschen,
sprich im Polnisch besser sind. Dass wir viel intelligenter und
intellektueller sind, sprich möglichst in allen Fächer besser. Wir haben
und gegenseitig hochgezogen, gebüffelt wie Idioten, Gedichte auf
Polnisch geschrieben, ich fing wieder mit Musik an, lernte Gitarre
spielen und komponierte Lieder. Und mit meinem Freund träumten wir
von abgeschlossenen, bodenständigen Studiengängen, einem
Häuschen mit zwei Kinder danach und warteten mit dem Sex, bis wir so
alt sind, dass wir heiraten
und die Konsequenzen des nicht benutzen der Verhüttungsmittel tragen
können. Alles in allem eine gute Zeit. Ich hatte eine Identität, ein Ziel und
jede Menge zu tun, um es zu erreichen. Dass es das falsche Ziel und
die falsche Identität waren, wusste ich damals nicht.
Mein Gott!