n.nutella
26.01.13, 00:36
„Kitschig kann ein Wille sein, weil ich ihn nur deshalb habe, damit mich andere toll finden. Es ist ein Wille, der von Eitelkeit und Selbstgefälligkeit umgeben ist und nach Applaus verlangt. So kann es mit dem Willen zu einer spektakulären Leistung sein. Aber es kann auch moralische Selbstgefälligkeit sein, die den Kitsch ausmacht, wie wenn einer seine Reichtümer verschenkt, um endlich ins Fernsehen zu kommen. Es ist effekthascherischer Wille, der vor allem der Selbstinszenierung dient. Es kommt darin eine unangenehme Art von Selbstbezogenheit zum Ausdruck, eine form des Narzissmus, die perfekt getarnt sein kann wie im Willen einer Mutter, die sich vor allem deshalb aufopfert, weil sie den Kindern als Aufopfernde im Gedächtnis bleiben möchte. Man kann auch selbst die Galerie sein, für die man seinen Willen aufführt, wie wenn man sich in Anstrengungen verzehrt, die niemand sieht, um sich toll finden zu können in der verborgenen Selbstlosigkeit. Und all diese Dinge verlangen, dass man seinen Willen dramatisiert, um ihm die nötige Aufmerksamkeit der Galerie zu verschaffen. Deshalb ist der kitschige Wille auf rhetorische Selbstbespiegelung hin angelegt: Er muss mit vollmundigen Worten angestrahlt werden, um vom Publikum gewürdigt werden zu können.
Jetzt kann man erkennen, warum der Vorwurf des Kitsches der Hinweis auf unbemerkte Unfreiheit ist. Was dem kitschigen Willen nämlich fehlt, ist die Selbstständigkeit und Genauigkeit eines angeeigneten Willens, und deshalb ist er kein Wille, der in einer Weise in die Person integriert ist, wie das einen freien Willen kennzeichnet. Er ist eine Potemkinsche Willensfassade, die in sich zusammenfällt, wenn wir anfangen, hartnäckige Fragen zu stellen, wie sie die Anstrengung der Artikulation und des Verstehens anleiten. Es kann wehtun, sich von einem kitschigen Willen zu trennen, weil es so angenehm war, sich darin zu gefallen. Aber es war ja auch anstrengend, ihn vor sich herzutragen, und wenn er abgestoßen, aufgelöst oder durch Aneignung in einen authentischen Willen verwandelt wird, ist es eine Erfahrung der Freiheit.“
Peter Bieri
„Das Handwerk der Freiheit“