Gość: astronauta
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14.12.03, 10:46
Süddeutsche Zeitung Feuilleton 13.12.2003
<http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel3407/>
"Dein Sohn wird Deutscher - ein neues Lebensborn": Diese Überschrift hat
das Magazin der liberalen Gazeta Wyborcza über einen Bericht aus Westfalen
gesetzt. Demnach hat ein Gericht einem polnischen Vater nach der Scheidung
von seiner deutschen Frau verboten, mit seinem Sohn, der bei der Mutter
lebt, polnisch zu reden. Der in Deutschland arbeitende Vater sagt, sein
Sohn solle zwangsgermanisiert werden - so wie die ihren Eltern geraubten
blonden slawischen Kinder in den Lebensborn-Heimen der SS. Die Geschichte
passt ins derzeitige Klima, und so hat die Redaktion sie ohne nähere
Prüfung übernommen. Allerdings stimmt sie nicht: Die Richterin hat
lediglich den Eltern empfohlen, angesichts der - gutachterlich
festgestellten - sprachlichen Probleme des Kindes zu überlegen, ob eine
zweisprachige Erziehung nicht zurückgestellt werden solle.
In der liberalkonservativen Rzeczpospolita setzt sich ein Kolumnist mit
einem Wettbewerb des Kulturzentrums der deutschen Minderheit im
oberschlesischen Oppeln auseinander: Unter dem Motto "Vier Panzersoldaten
in einem gestohlenen Mercedes" sollen Aufsätze und Bilder eingesandt
werden, die zur Überwindung nationaler Vorurteile beitragen können. "Vier
Panzersoldaten" hieß eine bis heute populäre Fernsehserie aus den Zeiten
der Volksrepublik um die Abenteuer von vier Soldaten im Krieg gegen die
tumben und brutalen deutschen Besatzer. Dass das Kulturzentrum den Titel
der Serie mit dem Motiv von Polenwitzen kombiniert, über deren anhaltende
Popularität bei den Deutschen polnische Kommentatoren immer wieder klagen,
ist werbetechnisch gelungen. Der Kolumnist aber schlägt gallig andere Titel
für den Wettbewerb vor: "Derrick in Auschwitz" oder "Der junge Werther im
Erschießungskommando".
Irak, EU, Vertreibung
Lebensborn und Auschwitz - Hinweise auf die Schrecken der deutschen
Besatzung sind fester Bestandteil polnischer Kommentare über die
Bundesrepublik 2003. Es scheint so, als gelte nicht mehr der Satz, den noch
vor wenigen Jahren Publizisten auf beiden Seiten stolz wiederholt hatten:
"Die Zeiten sind vorbei, dass in Polen ein Gespräch über Deutschland immer
mit Hitler beginnen muss." Nun gehören Stahlhelme und SS- Runen wieder zu
den Versatzstücken polnischer Karikaturen über die Deutschen.
Auslöser für die Wiederbelebung längst überwunden geglaubter Feindbilder
waren drei Debatten, in denen unterschiedliche Geschichtsbilder aufeinander
prallten: der Irak-Krieg, die Verfassung der Europäischen Union und das
geplante Zentrum gegen Vertreibungen.
Die Missstimmungen begannen mit der Entscheidung Warschaus, amerikanische
Kampfflugzeuge zu kaufen und nicht europäische. In Berlin - wie in Paris -
war man verstimmt. Auf deutscher Seite hieß es, man habe sich massiv für
Polens EU-Beitritt eingesetzt, Warschau sogar Schulden erlassen - die Polen
undankbar. Diese aber verwiesen - wie später in der Irak-Debatte - auf die
historischen Bindungen an die USA; ohne Wilson etwa wäre 1918 der polnische
Staat nicht wiedererstanden. Überdies hätten auch die Deutschen Grund zur
Dankbarkeit: Ohne den unblutigen Machtwechsel an der Weichsel 1989 wäre die
Berliner Mauer nicht gefallen - und ohne die Unterstützung von Bush senior
wäre es nicht zur Wiedervereinigung gekommen. Historisch ist diese Sicht
begründet, aber die meisten Deutschen schreiben dieses Verdienst trotzdem
"Gorbi" zu.
Wenn heute ausgerechnet deutsche Politiker den Polen Vorhaltungen wegen
ihrer schleppenden Vorbereitungen auf den EU-Beitritt machen, so reagieren
polnische Politiker und Publizisten darauf oft mit Verbitterung. Ohne die
deutsche Besatzung im Krieg, so ihr Argument, dem ein Großteil der
intellektuellen Elite zum Opfer fiel, bei dem die Infrastruktur und
unschätzbare Kulturgüter zerstört wurden, ohne die darauf folgende
Zwangsmitgliedschaft im Ostblock hätte Polen heute wohl einen
Lebensstandard wie Westeuropa und müsste nicht um Gelder und Quoten in
Brüssel betteln.
Nun fordert Berlin die Änderung des Abstimmungsverfahrens in der EU
zugunsten der größeren Länder, die EU müsse effektiver und flexibler
werden, die Deutschen seien bereit, nationale Kompetenzen abzugeben.
Polnische Publizisten aber warnen vor einer "deutsch- französischen
Diktatur" in der EU. Die nationalistische Presse meint gar, die Deutschen
wollten über die EU das "Lebensraumprojekt" der Nazis verwirklichen, sogar
das Wort Gerhard Schröders vom "deutschen Weg" wird so interpretiert.
So wird auch das Konzept eines - von der Bundesregierung keineswegs
geförderten - Zentrums gegen Vertreibungen, das Erika Steinbach,
Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), und der ehemalige SPD-
Generalsekretär Peter Glotz, in Berlin einrichten möchten, als Versuch der
Revision der Geschichte gesehen. Die Deutschen wollten die Verantwortung
für den Weltkrieg leugnen und sich nun als Opfer darstellen, heißt es,
während Polen und Tschechen als Vertreiber, Briten und Amerikaner als
Bombardierer und Russen als Frauenvergewaltiger gezeichnet würden.
Dabei spielt der Begriff der Kollektivschuld eine Rolle - die Deutschen
hätten sich die Vertreibung "selbst angetan". In diesem Punkt stehen alle
politischen Lager zusammen, nachdem noch vor zwei Jahren die Debatte um die
Beteiligung von Polen an dem von der SS organisierten Pogrom von Jedwabne
die Nation gespalten hatte. Die neue Debatte über die Vertreibung
rechtfertigt diese als Reaktion auf die Verbrechen der deutschen Besatzer,
und verläuft also ganz anders als jene Mitte der neunziger Jahre: Diese war
geprägt von Mitgefühl für das Schicksal der entrechteten Deutschen. Etwa
ein Dutzend Bücher zum Thema erschien auf Polnisch.
Heute aber werden in der polnischen Presse diejenigen, die für einen Dialog
mit den betroffenen Deutschen plädieren, angegriffen oder lächerlich
gemacht. Dass aber in der Bundesrepublik außer rechtsradikalen Gruppen
niemand die deutsche Kriegsschuld leugnet, erfahren die polnischen Leser
nicht. Ebenso wenig wird ergründet, warum auch prominente liberal und links
orientierte deutsche Politiker und Publizisten die Aufarbeitung des Themas
fordern.
Vielmehr wird die Vertreibung mit Eigentumsansprüchen in Zusammenhang
gebracht. In der Tat haben BdV-Politiker eine "Preußische Treuhand"
gegründet, die Polen mit Sammelklagen überziehen möchte. Nun wird erwartet,
dass die Initiatoren des Zentrums gegen Vertreibung sich unmissverständlich
von diesen Bestrebungen distanzieren. Anders dürfte eine Wiederaufnahme des
Dialogs kaum möglich sein. Von vielen Deutschen aber wird dieser für Polen
fundamentale Aspekt ignoriert, stattdessen interpretieren sie die
ablehnende Haltung der Polen als schlechtes Gewissen.
Polnische Soziologen sehen als Grund für das derzeitige Klima an der
Weichsel allerdings auch die Verunsicherung am Vorabend des EU-Beitritts
angesichts einer Arbeitslosigkeit von 20 Prozent. Es fehlt an Politikern,
die Orientierung geben, die für Ideale und für Moral stehen: die
postkommunistische Führung ist durch eine Kette von Korruptionsskandalen
gelähmt, die aus der Solidarnosc hervorgegangenen Gruppen sind zerstritten.
Und der Papst im fernen Rom ist alt und krank.
THOMAS URBAN