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31.07.07, 12:06
Die Geheimnisse des letzten lebenden Hitler-Vertrauten
Von Ralf Simon
Im Mai 1945 quittierte Rochus Misch seinen Dienst im Führerbunker. Jahrelang
hatte er im Umfeld Hitlers gelebt und gearbeitet. Heute wird der letzte noch
lebende Zeitzeuge aus der Entourage des Diktators 90 Jahre alt - und will
sich letzte Geheimnisse bewahren.
Berlin - Das Verrückteste waren, sagt er, die zwei Gitarrenspieler im U-
Bahnhof "Kaiserhof". "Ich komme aus einem Todesbunker, das ganze Drama, und
da ist Musik. Die spielten Hawaii-Musik!" Es ist der 2. Mai 1945 in Berlin,
gegen sechs Uhr morgens. Nahe der Reichskanzlei verlängern französische SS-
Männer und deutsche Wehrmacht noch immer das Sterben im Zweiten Weltkrieg,
und Rochus Misch versucht, dieser Hölle zu entkommen. Lebendig.
ROCHUS MISCH: HITLERS BODYGUARD
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Eine Stunde vorher hatte Misch, damals 27 Jahre alt, seinen Dienst
für "Führer, Volk und Vaterland" im sogenannten Führerbunker unter der
Reichskanzlei quittiert - natürlich ordnungsgemäß, wie es sich für einen
Soldaten gehört. Er habe Goebbels gefragt, ob noch was für ihn zu tun
sei. "Herr Reichskanzler, ich möchte doch mit den Kameraden weg." Zu dem
Zeitpunkt ist die Rote Armee vielleicht noch 200 Meter von Mischs
Arbeitsplatz der letzten sechs Jahre entfernt. Misch war Adolf Hitlers
Leibwächter und Telefonist - und einer der letzten, die den Bunker verließen.
Und er hat alle überlebt. Er ist der letzte Zeuge.
Rochus Misch wohnt in einem Zweifamilienhaus in Berlin. Die Gegend hat etwas
Dörfliches, die Nachbarn kennen und grüßen sich, es ist, eigentlich, eine
ruhige Ecke. Nur bei Rochus Misch nicht. Das Telefon klingle dauernd, beklagt
er sich, und auf dem Tisch stapelten sich schon wieder die Briefe. Selbst aus
Japan, Spanien und den USA bekäme er Post. Mit Geldscheinen drin und mit
Anfragen nach Autogrammen. Erst neulich habe er wieder einen Satz Fotos
bestellt. Die unterschreibe er dann und schicke sie zurück. Die Fotos zeigen
Misch in Uniform, vor zwei Bunkern, vor 65 Jahren. Der Krieg lässt Misch
nicht los.
Geboren 1917 im oberschlesischen Oppeln (heute Opole in Polen), wird Rochus
Misch mit zwei Jahren Vollwaise. Er wächst bei den Großeltern auf, wird nach
dem Schulabschluss Werbemaler. Und tritt 1937 in die sogenannte
Verfügungstruppe ein, dem Vorgänger von Hitlers SS-Leibstandarte. Während des
Krieges in Polen wird er schwer verwundet, als er die Übergabe einer
polnischen Kampfstellung verhandeln soll. Danach beginnt das, was Misch noch
heute lapidar "Soldatenschicksal" nennt.
"Ich hatte Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen"
Während seiner Genesungszeit empfiehlt ihn sein Kompaniechef
dem "Führerbegleitkommando", weil der letzte Verbliebene einer deutschen
Familie nicht an der Front stehen solle. Man habe ihn in ein Auto gesetzt und
in die "Führerwohnung" nach Berlin gebracht, in die Reichskanzlei, erzählt
er. Dort wurde er vom Chefadjutanten Hitlers eingewiesen. "Und ich hatte
Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen. Der Führer war doch für mich 'der
Führer', wie für alle Deutschen." Und dann ging der Chefadjutant zur Tür, und
dahinter stand: Hitler. Ihm sei eiskalt gewesen, sagt Misch, und dass Hitler
ihm einen Brief für seine Schwester in Wien gegeben habe. "Das war die erste
Begegnung. Das war kein Monster, das war kein Übermensch, der stand mir
gegenüber wie ein ganz normaler Herr. Mit netten Worten."
Rochus Misch kennt viele solcher Momente, und er erzählt sie nun schon seit
Jahren. Oft sogar, das merkt man, wenn man Interviews vergleicht, in
denselben Worten. So, als ob sie sich eingebrannt hätten. Er erzählt sie den
japanischen Touristen, die unangemeldet vor seiner Tür stehen, ebenso wie den
Journalisten internationaler und lokaler Zeitungen. Willy Brandt sei bei ihm
zu Besuch gewesen, sagt er, und auch mehrere Filmemacher. Guido Knopp etwa,
aber auf ihn ist Misch nicht gut zu sprechen. Warum, will er nicht verraten.
Und auch nicht das letzte Geheimnis, das sich um die letzten Tage im Bunker
rankt.
Eigentlich ist jede Minute protokolliert, alles bekannt - nur nicht, wer
Hermann Fegelein, verheiratet mit Eva Brauns Schwester und damit so gut wie
Hitlers Schwager, erschoss. Fegelein war der Verbindungsoffizier Heinrich
Himmlers bei Hitler und hatte sich am 27. April unerlaubt aus dem Bunker
entfernt. Vom Reichssicherheitsdienst in seiner Berliner Wohnung in der
Bleibtreustraße verhaftet, wurde der SS-General am 29. April
hingerichtet. "Kriminalrat Högl, der Vertreter von Rattenhuber, hat den
Befehl gegeben, Fegelein zu erschießen. Das weiß ich von einem
Reichssicherheitsdienstbeamten, dessen Kollege Fegelein erschossen hat.
Dessen Namen weiß ich - aber der bleibt bei mir", sagt Misch.