szwager_z_laband
19.03.09, 15:59
Der Seelenglaube des oberschlesischen Volkes gehört
zu den interessantesten Gebieten der heimischen
Volkskunde. In diesen geheimnisvollen Vorstellungen
offenbaren sich die tiefsten Regungen der Volksseele.
Wir müssen deshalb gerade solchen Erscheinungen
und Spuren, soweit wir sie heut noch finden, unsere
besondere Aufmerksamkeit widmen.
Sagen über nächtliche Versammlungen von
Toten, wunderbares Licht und Messe lesende
tote Priester.
Aus dem Jahre 1000 nach Christus und aus der Gegenwart
mit besonderer Beziehung auf Ober-Schlesien.
Von Pfarrer Dr. Johannes Chrz!szcz,
Vorsitzender des Oberschlesischen Geschichtsvereins.
Unter der Überschrift „Nächtliche Versammlung
in der Kirche“ berichtet der bekannte Sagenforscher
Professor Dr. Kühnau in dem Werke
„Sagen aus Schlesien“ 1914 S. 7:
„In der Nähe von Zabrze ging eine Frau am Abend
des Allerseelentages (2. November) bei einer Kirche vorbei.
Da sah sie ein Licht darin brennen. Als sie neugierig
näher trat und bis an die Tür kam, gewahrte sie die
g anz e Ki r che v o l l kni e ende r Ge s t a l t en. Eine
von diesen trat auf die Frau zu und sagte ihr: „Gevatterin,
r e t t e t Euch, indem Ihr Euch schleunigst entfernt.
Wenn Euch die anderen erblicken, z e r r e i ß en s i e
Euch. Denn, während Ihr Menschen alle Tage die Kirche
betreten könnt, ist es uns armen Seelen nur einmal
im Jahre am Allerseelentage gestattet. Da wollen wir
aber Ruhe haben und ungestört bleiben“.
Mit dieser Erzählung ist einigermaßen eine andere
verwandt, welche derselbe Verfasser unter
der Überschrift „Gespenstischer Priester“ bringt
(S."5). Er berichtet:
Ein Sammelpater, ein Bruder, der für sein Kloster
sammeln geht, kommt einmal auf eine Pfarrei, wo er
übernachten will.
Als es Abend wird, spricht er zum Pfarrer: „Ich
möchte gern einmal in der Kirche über Nacht bleiben“.
Und als der Pfarrer erstaunt ist über diesen Wunsch,
fährt er fort: „Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich
habe so ein Verlangen, in der Kirche zu bleiben“.
Nun, wenn es Ihnen Vergnügen macht, in Gottes Namen.
Hier haben Sie die Schlüssel, spricht der Pfarrer.
Der Sammelpater nimmt also ein Licht und sein brevier
und geht in die Kirche. Dort setzt er sich in eine der
hintersten Bänke und betet. Er wird auch nicht müde
und fürchtet sich nicht.
Da tut sich die Sakristeitür auf und ein P r i e s t e r
kommt mit dem verdeckten Kelch, wie um zu zelebrieren
(Messe zu lesen). Aber weil kein Ministrant da ist
–"den Sammelpater bemerkt er nicht – dreht er wieder
um und verschwindet in der Sakristei.
Am anderen Morgen erzählt der Sammelpater die
Geschichte. Da spricht der Pfarrer: offenbar sei er, der
Sammelpater, bestimmt, die arme Seele zu erlösen und
er solle in der nächsten Nacht wieder hingehen. Das tut
er auch und kniet sich jetzt ganz vorn hin beim Altar, um
gleich zur Hand zu sein, wenn etwa der Priester komme.
Um #"12 Uhr geht es wie gestern. Der Priester tritt
durch die Sakristeitür und geht nach dem Altar. Der
Sammelpater steht sofort auf und schickt sich an, zu ministreren
(bei der Messe zu dienen). Als dann das heilige
Opfer dargebracht ist, da gehen sie beide nach der Sakristei
zurück und hier erklärt der Priester: Nun seien sie
beide erlöst: 52 Jahre sei er allnächtlich zum Altare gegangen,
aber immer umsonst, weil er nie einen Ministranten
gefunden. Das sei die Strafe gewesen dafür, daß
er einmal eine Messe unterlassen.
Als der Priester das spricht, bemerkt der Sammelpater,
daß an seiner – des Priesters – einen Hand die
schwarze Fingerspitze, die er vorher bemerkt hatte, ganz
weiß geworden ist wie der andere Körper des nun ganz
verklärten Priesters. Damit verschwand der Priester,
denn sein Leib war nur ein „geistlicher Leib“.
Soweit die Erzählung.
Bei der ersten Erzählung ist charakteristisch,
daß ein Licht von der Kirche kam und die Kirche
mit Toten angefüllt war, welche beteten, denn sie
feierten ja. Die Toten litten aber nicht den Anblick
einer lebenden Person, denn sie hätten dieselbe
zerrissen. Bei der zweiten Erzählung ist charakteristisch
der tote Priester, welcher die Messe lesen
will, dann aber umkehrt, dann aber wirklich Messe
liest und erlöst wird.
Ganz Ähnliches berichtet der Bischof Thietmar
von Merseburg, gestorben im Jahre 1018. Er
war von Geburt ein Deutscher, mit dem deutschen
Kaiserhause verwandt, sein Bistum Merseburg
aber war sprachlich und national gemischt, genau
wie Oberschlesien heute noch. Woher hat nun
Thietmar seine Anschauungen, die ich bald mitteilen
will, hergenommen, von den Deutschen oder
von den Slaven?
Thietmar erzählt nun in seinem berühmten
Werke „Die Chronik“, kurz vor seinem Tode, also
1018 verfaßt, Folgendes:
„In der Stadt Wallislevo hat sich in Wahrheit
dieses zugetragen. Der Priester der dortigen Kirche
pflegte beim Anbruch des Tages in der Morgendämmerung
die Frühmesse zu lesen. Als er nun
einstmals auf den Kirchhof kam, sah er auf demselben
eine große Schaar, welche einem Priester,
der vor der Tür der Gotteshauses stand, Opfergaben
darbrachte. Staunend blieb er zuerst stehen,
dann aber verwahrte er sich mit dem zeichen des
hl. Kreuzes und ging angsterfüllt durch sie alle
hindurch auf die Sacristei zu, ohne auch nur Einen
zu erkennen. Da fragte ihn eine Jüngstverstorbene,
die ihm wohlbekant war, was er hier wolle? Und
als sie erfuhr, weshalb er hergekommen sei, sagte
sie, das alls hätten sie schon verrichtet, und verkündete
ihm dabei, daß er nicht lange mehr leben
werde. Dies erzählte er darauf seinen Nachbarn
und erwies hinterher durch seinen Tod die Wahrheit
desselben.“
Hier liest der tote Priester auch die Messe, aber
nicht in der Kirche, wie der obige Priester, sondern
vor der Kirche auf dem Friedhof. Die Toten sind
um ihn versammelt, wohnen der Messe bei und
i dalyj sam:
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