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11.12.03, 15:23
Und Schlesier gibt es doch!
Von Marcin Pazurek
Die Ergebnisse der ersten allgemeinen Volkszählung in Polens dritter
Republik überraschten alle – 173.000 Personen erklärten ihre schlesische
Nationalität. Die Schlesier sind die größte nationale Minderheit, auf dem
zweiten Platz die Deutschen – mit 150.000. Aber eigentlich sind die
schlesischen Deutschen, jedenfalls die Mehrheit von ihnen, ebenfalls
Schlesier. Sogar wenn wir anerkennen, dass 300.000 Menschen in zwei
schlesischen Wojewodschaften - śląsk und Opole – das Polentum abgelehnt
haben, wobei das noch kein großer Prozentsatz ist, reicht das hin, um die
politischen und kulturellen Eliten unserer Region in helle Aufregung zu
versetzen.
Die Vertreter der schlesischen Autonomiebewegung (Ruch Autonomii śląska –
RAś) triumphieren. Jerzy Gorzelik, der Anführer der Bewegung, berief sich in
seiner schlüssigen Argumentation vor dem Europäischen Gerichtshof für
Menschen-rechte in Straßbourg am 2. Juli auf die gerade veröffentlichten
Ergebnisse der Volks-zählung. Dort forderte er die Registrierung des Bundes
der Bevölkerung schlesischer Nationalität (Związek Ludności Narodowości
śląskiej - ZLNŒ). Der Kom-mentar des Vertreters der polnischen Regierung war
eine Blamage – Professor Krzysztof Drzewicki redete an der Sache vorbei. Er
verlegte sich angesichts des für den Betrachter offensichtlichen Fehlens
vernünftiger Argumente aufs Scherzen. Zweifel an der Existenz einer
schlesischen Nationalität in dieser Situation, in der 173.000 Personen aus
freiem Willen ihre Zugehörigkeit zu eben jener erklären, zeigen das
Unbehagen der polnischen Behörden.
Im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Volkszählung lohnt es, an einen
anderen Fakt aus der zeitgenössischen Geschichte Schlesiens zu erinnern –
die Massenabwanderung der Oberschlesier nach Deutschland, die 1945 begann
und bis heute anhält. Die Schlesier haben nach dem Zweiten Weltkrieg mit den
Füßen abgestimmt. Heute kann man getrost sagen, dass mehr gebürtige
Oberschlesier und ihre Nachfahren in Deutschland wohnen als in Polen.
Wer und was sind schuld?
Die Resultate der Volkszählung geben Anlass zum Nachdenken. Warum wählten
fast 350.000 Einwohner Schlesiens eine andere Nationalität als die
polnische? Heute kann man im Unterschied zur Volksabstimmung in den
Nachkriegsjahren nicht alles auf die Zeiten der Germanisierung und Siedler
aus dem Inneren des Reiches abwälzen. Deutsche Siedler gibt es schon lange
nicht mehr, und nach dem Krieg hatten wir eine 50 Jahre andauernde und
wirksame Polonisierung. Ungeachtet dessen sind die Ergebnisse nicht
erfreulich. Welche Fehler im Verhältnis zu Schlesien und den Schlesiern
begingen polnische Regierung und Gesellschaft?
Um diese Frage zu beantworten, muss man auf die Zwischenkriegszeit
zurückblicken, als man ungeachtet des autonomen Charakters der Schlesischen
Wojewodschaft begann, den Schlesiern lediglich die eine „richtige“ Art des
Polentums aufzuzwingen. Die Schlesier, könnte man sagen, bescherten die
Polen sich selbst. Ein bedeutender Teil der Bewohner Oberschlesiens
unterstützte die Aufstände in dem Glauben, danach endlich selbst über sich
bestimmen zu können. Die schlesische Arbeiterklasse glaubte, dass mit dem
Anschluss Schlesiens an Polen die Ausbeutung durch das deutsche Kapital
enden würde. Es kam anders. Sogar wenn deutsches Kapital verschwand, wurde
es durch französisches, amerikanisches oder polnisches ersetzt.
Die Lage der schlesischen Arbeiter verschlechterte sich erheblich, anstatt
sich zu verbessern, insbesondere in der Krisenzeit seit den dreißiger
Jahren. Die Hoffnung darauf, dass die Schlesier endlich selbst über sich
entscheiden könnten, verschwand schnell.
Ungeachtet einer breiten Autonomie wurden die Behörden in der Schlesischen
Wojewodschaft durch von außen kommende Menschen beherrscht.
Nach Schlesien kamen Beamte, Lehrer, Priester und Militärs, besonders
während der Amtszeit des langjährigen Wojewoden Michał Grażyński [1926-1939 –
d. Übersetzer]. Willkürlich wurde eine Polonisierung durchgeführt, die die
Schlesier von ihrer Vergangenheit abschnitt. Mit der Überzeugung, alles in
Schlesien habe erst im Jahr 1922 begonnen, ignorierte man einen bedeutenden
Teil der Tradition und des Erbes Oberschlesiens. Die Beseitigung der
deutschen Wurzeln ging soweit, dass in Katowice von 1922 bis auf den
heutigen Tag keine Straße den Namen der Stadtgründer Grundmann und Winckler
trägt, nur deshalb, weil sie Deutsche waren.
Nationalistisch gefärbter Stalinismus
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr Schlesien die wahrscheinlich schlimmste
Art von Stalinismus in stark nationalistischer und revanchistischer Färbung.
Im Gegensatz zum Rest des Landes, wo die Repression vor allem Menschen in
Verbindung mit ihrer Klassenherkunft berührte, waren die Schlesier ohne
Charakterisierung ihrer Klassenzugehörigkeit Ziel des stalinistischen
Repressionssystems. So wie die Polen zur Zeit der Volksrepublik unter sich
über Katyn flüsterten, so flüsterten die Schlesier über die Lager in
świętochłowice, Jaworznia und Łambinowice. Bis heute erinnert man sich in
vielen schlesischen Häusern daran, wie bald nach dem Einmarsch der
Sowjetarmee vom Markt in Katowice, die Gliwicka-Straße entlang, über Chorzów
Tausende Einwohner schlesischer Städte nach Œwiêtoch³owice getrieben wurden.
An fast jeder Querstraße wurden es mehr. Die Mehrheit der nach
świętochłowice Vertriebenen kehrte nie in ihre Häuser zurück. Die Behörden
behandelten die Schlesier wie Verräter, begannen Massenprozesse, d.h.
erniedrigende Vorstellungen, während derer Familiemitglieder aufeinander
gehetzt wurden und Denunziation gefördert wurde. Die Angeklagten mussten ihr
Polentum nachweisen. Die Vertreibungsaktion hatte die Bestrafung von Nazi-
Verbrechern und NSDAP-Mitgliedern zum Ziel, um endlich alle so genannten
Verbrecher aus Schlesien hinauszuwerfen. Allerdings war die Mehrheit der
wirklichen, nicht vermeintlichen Verbrecher, wie hohe Funktionäre der NSDAP,
noch vor dem Einmarsch der Sowjetarmee aus Schlesien geflüchtet. Verbrecher
hätte man in der Tiefe des Reiches suchen sollen, aber nicht in Schlesien,
wo sie schon nicht mehr waren. Die traumatischen Erlebnisse der ersten Jahre
nach dem Krieg nahmen den Schlesiern wirkungsvoll die Zuneigung zum neuen
System. Bis heute besteht ein grundlegender Unterschied im Verhältnis zum
vergangenen System zwischen den Arbeitern aus Oberschlesien und den Menschen
aus dem benachbarten Revier Dąbrowskie. Die Menschen aus dem Re-vier werden
das ehemalige System mit sozialem Aufstieg und dem Ende der Angst vor dem
Okkupanten und Kapitalisten verbinden, im historischen Gedächtnis der
Schlesier bleiben Angst und ein Gefühl der Reserviertheit gegenüber dem
Neuen. Der soziale Aufstieg, der im Zuge der Entstehung der Volksrepublik
breite Schichten der Polen erfasste, betraf nur in sehr geringem Umfang die
Schlesier. Im Rahmen eines zentralistisch-sozialistischen Staates begann man
die Klassen-unterschiede auszugleichen und bei der Gelegenheit ebenfalls das
Lebensniveau in den verschiedenen Regionen des Landes. Die Schlesier haben
davon wenig profitiert, ehrlich gesagt, sie haben wohl eher verloren. Die
Wohnungen nach neuestem Standard waren für die Neuankömmlinge von außen
bestimmt, die Einheimischen warteten zehn und mehr Jahre auf solche
Wohnungen. Große Investitionen, die zur Zeit der Volksrepublik Oberschlesien
erreichten, konzentrierten sich hauptsächlich auf das Revier D¹browskie und
einige schlesische Städte: die Hauptstadt der Region – Katowice, daneben
Tychy und Jastrzębia-Zdrój. Große Investitionen umgingen viele
oberschlesische Städte wie Chorzów, Zabrze, Gliwice oder Bytom. Dutzende
Schulen, Parks, wie der wojewodschaftsei