hanys_hans
09.03.08, 14:00
Einiges aus der Vergegenheit von Gleiwitz-Richtersdorf
Von Walter Krause +
Wer heute von Gleiwitz aus nach Südwesten wandert und den Stadtteil
Richtersdorf mit seiner schönen neuen Kirche erblickt, bemerkt sofort, daß
dieser Stadtteil noch vor kurzer Zeit eine selbständige Ortschaft gewesen sein
muß. Schwerlich aber wird man erraten, daß Richtersdorf zu den ältesten
Dörfern des Gleiwitzer Kreises gehört. Und doch ist es so. Schon im Jahre 1294
stellt Herzog Kasimir von Beuthen eine Urkunde über die villa advocati (=
Richtersdorf) aus. Richtersdorf war damals - dem Wortlaut der Urkunde nach zu
urteilen - ein Bestandteil von Gleiwitz, muß aber wohl eben abgesondert und
zum selbständigen Dorf erhoben worden sein. In der Urkunde wird gesagt, die
kleinen Hufen von Richtersdorf seien in große verwandelt worden. Man
unterschied kleine oder flämische Hufen von etwa 30 Morgen und große oder
fränkische von größerer Ausdehnung. Die kleinen pflegte man in fruchtbarer
Gegend auszuteilen, die großen oder fränkischen bei schlechterem Boden oder
bei Boden, der noch mit Wald bestanden war und erst gerodet werden mußte. Aus
den knappen Mitteilungen der Urkunde vermögen wir mancherlei zu schließen.
Zunächst kommt uns dabei der Name des Ortes zu Hilfe. Villa advocati bedeutet
„Dorf des Vogtes". Den Vogt kann man auch als Stadtrichter bezeichnen!-. Da in
der Nähe von Richtersdorf die Stadt Gleiwitz liegt, haben wir es mit dem
Gleiwitzer Vogt oder Stadtrichter zu tun. Gleiwitz war aller
Wahrscheinlichkeit nach in der Mitte des 13. Jahrhunderts als deutsche Stadt
begründet worden. Gewöhnlich wurde derjenige, der eine Stadt errichtete, das
Land vermaß und an die Kolonisten austeilte. Erbvogt dieser Stadt. Kr bekam
verschiedene Freiheiten und Rechte, einen Teil der Gerichtseinkünfte und
mehrere Hufen Land. Zuweilen war der Landbesitz des Vogtes so groß, daß er den
Grund nicht allein bewirtschaften konnte, sondern ein Dorf gründen mußte,
welches sein persönlicher Besitz blieb. Die Bauern eines solchen Dorfes mußten
dem Vogt Zins zahlen. Ein solcher Vogtbesitz war nun auch unser Richtersdorf,
ähnlich entstand z. B. Voigtsdorf bei Grottkau, Vogtsdorf bei
Oppeln, die Freivogtei bei Leschnitz, das Vogteivorwerk bei Neustadt und
zahlreiche gleichbenannte Ortschaften in Mittel- und Niederschlesien.
Wenn nun 1294 die kleinen Hufen von Richtersdorf in große umgewandelt wurden,
so kann das nur darauf zurückzuführen sein, daß die Richtersdorfer Bauern auf
ihren kleinen Landteilen nicht bestehen konnten. Schuld daran trug die
mittelmäßige Beschaffenheit des Bodens. Hätten ihre Anteile in größerem
Umfange erst zu rodenden Wald getragen, so wären ihnen von Anfang an große
oder fränkische Hufen gegeben worden.
Woher kamen nun die Siedler? Entweder waren es Kolonisten aus
Mitteldeutschland oder einheimische slawische Schlesier aus der Umgebung.
Verschiedene Umstände sprechen für das erstere. Zunächst die Tatsache, daß der
Erbvogt, der Richtersdorf gründete, ohne Zweifel ein Deutscher war. Er hieß
nach einer Urkunde von 1286 Gertold Kleyzer, die Familie blieb noch längere
Zeit im Besitze der Gleiwitzer Erbvogtei. Weiter war der Name des neuen Dorfes
zu allem Anschein nach deutsch, es hieß Vogtsdorf. Ein untrügliches Zeichen
dafür ist neben schriftlichen Aufzeichnungen die uralte Benennung der
Schönwälder als ,-,Futsdrof"