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18.02.03, 15:10
Herr Johnson, Sie gelten seit Ihrem Buch "Ein Imperium verfällt" neben dem
ehemaligen amerikanischen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski als einer
der profiliertesten Theoretiker eines amerikanischen Imperialismus.
Allerdings halten Sie die Übernahme einer imperialen Gesinnung durch Ihre
Landsleute für verhängnisvoll. Doch nach Ihrer Analyse hat dieser Prozeß
bereits begonnen - und zwar nicht erst seit dem 11. September 2001. Welche
Anzeichen sehen Sie dafür?
Johnson: Die USA unterhalten weltweit 725 Militärstützpunkte im Ausland. Wie
würden Sie das nennen, wenn nicht Imperium? Während des Kalten Krieges schien
unsere globale Präsenz noch gerechtfertigt, inzwischen ist die Sowjetunion
zerfallen, das US-Satellitensystem besteht aber immer noch. Daran wird
deutlich, daß es sich in Wirklichkeit nicht um ein Verteidigungssystem
gehandelt hat, statt dessen wird der tatsächliche imperiale Charakter dieser
Konstruktion sichtbar.
Fürsprecher der USA argumentieren, die Vereinigten Staaten stehen als einzige
Supermacht weltweit in der Verantwortung, deshalb müssen sie omnipräsent sein.
Johnson: Denken Sie doch einmal über die Verhältnismäßigkeit nach, die
Deutschen zum Beispiel haben mehr Kontakt mit den US-Truppen als die
Amerikaner selbst. Denn von den 32 Stützpunkten der US-Army in Europa
befinden sich alleine 27 in Deutschland, dazu kommen außerdem zwei
Fliegerhorste. Und das fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges! Die
Erfahrung zeigt, haben die USA erst einmal irgendwo Militärstützpunkte
errichtet, geben sie diese nach Möglichkeit nicht mehr auf. Denn es geht in
erster Linie um die Ausweitung der US-Militärpräsenz weltweit. Aber nicht nur
die Anzahl der Stützpunkte verrät die Absicht, sondern oftmals auch ihren
Charakter. So unterhalten wir auf dem Balkan zwei Stützpunkte, die für die
Friedensmission, die Amerika dort zusammen mit den Europäern durchführt,
völlig überdimensioniert sind. Die Frage ist also, zu welchem Zweck betreibt
man diesen Aufwand? Glauben Sie auch nicht, daß die Militärbasen, die nach
dem 11. September 2001 in Usbekistan und Kirgisien - wichtige Positionen an
der Südflanke Rußlands - vermeintlich nur zum Angriff auf Afghanistan bezogen
wurden, nach dem Abschluß der Militäroperation wieder geräumt werden. Ebenso
die Einrichtungen in Afghanistan, deren Nutzung keineswegs darauf beschränkt
ist, den Auftrag in Afghanistan zu erfüllen, sondern die als Ausgangspunkt
für neue Operationen dienen werden.
Der zentrale Begriff Ihrer Theorie ist das Wort "Blowback" - zu
deutsch "Rückstoß, Rückschlag" ,im Sinne von actio und reactio. Es handelt
sich um einen Terminus aus dem CIA-Jargon.
Johnson: Ja, Blowback beschreibt in der Sprache des US-Geheimdienstes die
unbeabsichtigten Konsequenzen geheimer außenpolitischer Maßnahmen der USA.
Denn oftmals handelt es sich bei dem, was die Tagespresse als verwerfliche
Akte von Terroristen, Drogenbossen, verbrecherischer Regime oder illegaler
Waffenhändler darstellt, lediglich um den "Rückstoß" früherer amerikanischer
Geheimdienst-Operationen. Da sie verdeckt durchgeführt wurden, erkennen die
Bürger die Zusammenhänge natürlich nicht und bleiben über den wahren
Charakter dieser Blowbacks, über ihren Zusammenhang mit der US-Außenpolitik,
im unklaren.
Ihr Buch erschien bereits 1999, Kritiker zollen Ihnen heute Respekt, weil
Ihre Theorie auf analytischem Niveau den 11. September im Prinzip
vorausgesagt hat.
Johnson: Der 11. September war ein klarer Blowback, das Problem ist, daß eine
ganze Reihe von Völkern uns Amerikaner von ganzem Herzen hassen, und daß sie
ein Motiv haben, Ungeheuerlichkeiten gegen Amerika zu begehen. Die Regierung
hat uns nie die Gründe der Attentäter von New York für ihren Angriff auf das
Welthandelszentrum genannt. Man hat erklärt, bei diesen Leuten handle es sich
um islamistische Übeltäter. Nach der amerikanischen Logik von Gut und Böse
haben Übeltäter keine Motive, denn ihr Wesen ist es schließlich, Übles zu
tun. Darin erschöpft sich jede Erklärung. Geben Sie sich aber mit solch einer
Darstellung zufrieden? Das sollten Sie nicht, denn die US-Regierung weiß,
warum sie die Darlegung der Motive lieber schuldig bleibt. Die USA dehnen
ihre Macht bis in den letzten Winkel der Erde aus und zwingen entlegenen
Völkern ihr Wirtschaftssystem auf. Wir Amerikaner schaufeln uns unser eigenes
Grab.
Der "Blowback" ist auch Ihr Ansatz zur Erklärung des vermutlich kurz
bevorstehenden Irak-Krieges.
Johnson: Es gibt in der kritischen Debatte in den USA drei
Haupterklärungsmodelle für den bevorstehenden Irak-Krieg. Das erste ist der
Hunger nach dem Öl. Die Verbindungen der Bush-Administration mit den Öl-
Multis ist hinreichend bekannt, und schließlich verfügt der Irak nach Saudi-
Arabien vermutlich über die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt. Das zweite
Modell ist die Nahost-Theorie, danach ist der vermutlich kommende Krieg eine
Folge der guten Kontakte, die viele Angehörige der gegenwärtigen US-Regierung
zum rechten Likud-Block im israelischen Parlament haben, der ein Interesse an
einer Konfrontation mit dem Irak hat. Das dritte Modell ist die Innenpolitik-
Theorie, die besagt, der Irak-Krieg sei nur ein außenpolitisches Abenteuer,
mit dem die Regierung von den enormen Problemen zu Hause ablenken will. Ich
halte Bestandteile aller drei Theorien durchaus für zutreffend. Allein diese
Zusammenhänge jeweils zu einer eigenständigen Erklärung zu verdichten, halte
ich für zu gewagt.
Beim Angriff auf den Irak handelt es sich doch nicht um eine Reaktion,
sondern um eine Aktion. Wie erklären Sie diesen Konflikt also nach
dem "Blowback"-Prinzip?
Johnson: Blowback bedeutet mehr als simple actio-reactio. Vor fünfzig Jahren
gab es die erste verdeckte CIA-Operation in der Golfregion, den Sturz des
demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh
1953. Mossadegh wollte die in der Hand der British Petroleum befindlichen
Ölquellen nationalisieren. Unter Schah Resa Pahlewi wurde statt dessen unter
Ausschaltung der Opposition eine neue, äußerst repressive Regierung
installiert. Der Blowback folgte 1979, als junge fundamentalistische Moslems
unter der Führung Ajatollah Khomeinis das Regime des Schah stürzten.
Ebenfalls 1979 marschierten die Sowjets in Afghanistan ein, woraufhin die USA
mit der Anwerbung islamischer Fundamentalisten als Mudschaheddin-
Freiheitskämpfer in der ganzen Welt begannen. Darunter ein gewisser Osama bin
Laden. Der nächste Blowback war programmiert. Die US-Politik für die Golf-
Region ruhte traditionell auf zwei Säulen: den reaktionären
Marionettenregimes in Saudi-Arabien und im Iran. Als die persische Säule
einstürzte, mußte man sich nach einer Ersatzkonstruktion umsehen, um den
Zugang zu den Ölvorkommen in der Region zu sichern. Da fügte es sich günstig,
daß ebenfalls 1979 der irakische Tyrann Saddam Hussein an die Macht kam, den
die USA in seinem Krieg gegen den Iran mit Waffenlieferung und
Satellitenaufklärung unterstützen. Doch nach Beendigung des 1. Golfkrieges
1988 besann sich der Verbündete der USA auf die traditionelle Haltung eines
jeden irakischen Staatschefs, nämlich, daß es sich bei Kuwait um unerlöstes
irakisches Gebiet handle. Mit der Invasion Kuwaits 1990 schlug die von den
USA betriebene Politik, Saddam gepäppelt zu haben, erneut gegen uns zurück.