raport_z_niemiec
07.08.03, 19:44
Identitätssuche
Die Schlesier - ein Volk?
Von Teresa Kudyba
In Polen wurden die Ergebnisse der allgemeinen nationalen Volkszählung
veröffentlicht. Es stellte sich heraus, dass von 38,4 Millionen Bürgern rund
173.000 angaben, dass sie "schlesischer Nationalität" seien. Laut polnischer
Gesetzgebung gibt es sie aber gar nicht. Zudem setzt sich seit einigen Jahren
die Bewegung "Ruch Autonomii Śląska" (RAŚ) für Autonomie ein.
Die größte nationale Minderheit: die Deutschen
Die kommunistische Propaganda im Nachkriegspolen ließ nicht zu, dass sich die
Bürger zu einer anderen als der polnischen Nationalität bekannten. Offiziell
galt die Volksrepublik Polen als Nationalstaat. Die Polen störten sich an der
deutschen Orientierung der schlesischen Landsmannschaft und an dem als
primitiv empfundenen schlesischen Dialekt. Nach der Wende in den 90er Jahren
wurden nationale Minderheiten offiziell anerkannt. Laut bisherigen
Schätzungen stellten neben den Ukrainern (350.000) die Deutschen mit ca.
500.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Minderheit in Polen dar. Diese
sind seit der letzten Volkszählung obsolet, denn in der letzten Erhebung
bezeichneten sich gerade einmal 153.000 als Deutsche. Die meisten der Polen-
Deutschen leben in der oberschlesischen und schlesischen Woiwodschaft um
Oppeln und Kattowitz. Lange galt es als selbstverständlich, dass diese
Schlesier "deutsch" waren. Als Deutsche in Polen bekam die schlesische
Landsmannschaft so auch viel Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendungen von
deutscher Seite. So erhielt der Verein Deutscher Gesellschaften (VDG) mit
Sitz in Oppeln dank des deutsch-polnischen Vertrages von 1991 bisher jährlich
mehrere Millionen Mark von der deutschen Regierung zur Förderung der
kulturellen Entwicklung, zur Pflege der Sprache, zur Entwicklung der
kommunalen Infrastruktur und für soziale Tätigkeit. Seit 1990 flossen
insgesamt über 100 Millionen Euro als Hilfe an die deutsche Minderheit in
Polen.
„Polen“ mit deutschem Pass
Dank des deutschen Passes arbeiten die Schlesier legal in den Ländern der EU.
Hunderttausende verrichten seit Mitte der 90er Jahre Saisonarbeit u.a. in
deutschen Automobil-Konzernen und Baufirmen. Dank der Vermittlungsagenturen
sind sie auf den größten Baustellen Berlins anzutreffen, Frauen pflanzen in
holländischen Plantagen Erdbeeren an oder sortieren Blumen. Die Schlesier
geben aber heute zu, dass obwohl sie rote Pässe haben und legal in
Deutschland arbeiten dürfen, sie sich dort fremd fühlen. Die Deutschen
bezeichnen sie als „Polen mit deutschem Pass“. In Polen dagegen werden sie
als nicht ausgebildete primitive Arbeiter belächelt, die den Deutschen die
Hauptstadt aufbauen. Doch was sind sie dann? Rund 173.000 wussten bei der
Volkszählung 2002 die Antwort: "schlesisch!" Immer mehr - auch
Deutschstämmige - wollen also weder Deutsche noch Polen sein, sondern sie
selbst - Schlesier.
Weder Deutscher noch Pole
Der schlesische Senator Kazimierz Kutz, ein bekannter Regisseur, ist
Befürworter des Verbandes der Bevölkerung mit schlesischer Nationalität. Er
hält das Ergebnis der Volkszählung für einen großen Sieg der Demokratie: „Die
Menschen haben endlich keine Angst mehr zuzugeben, wer sie sind. In Schlesien
kamen und gingen Regierungen und Staaten und die Menschen hier waren nur zum
Arbeiten da. Jetzt haben sie ein Zeichen gesetzt, dass es sie gibt, und es
ist wichtig, dass die polnische Regierung dies endlich begreift. Denn sie
scheint es nicht zu begreifen.“ Senator Kutz leugnet auch nicht, dass er sich
bei der Volkszählung als Schlesier eingeschrieben hat.
„Die Nationalität ist eine Sache des Bekenntnisses. Sie stützt sich auf das
persönliche Empfinden eines Jeden. Die Entscheidung, ob unsere Nationalität
polnisch oder nicht polnisch ist, liegt ausschließlich bei uns. Keine
Regierung und kein Gericht hat das Recht, für uns über unsere Nationalität zu
entscheiden oder uns eine einzureden“ – sagt Prof. Adolf Kühnemann von der
Universität Oppeln, ebenfalls Mitglied der deutschen Minderheit. Kühnemann
ist der Meinung, dass man gleichzeitig Deutscher von der Abstammung her und
Schlesier laut eigener Wahl sein kann. Er behauptet, dass in einer
Grenzregion eine klare Teilung der Menschen nach Nationalität gar nicht
möglich sei. Die Schlesier wissen, dass sie „von hier“ sind und interessieren
sich nicht für amtliche Verordnungen, die für sie entscheiden wollen, wer sie
sind. Deswegen haben sie in der Rubrik „Nationalität“ rechtswidrig schlesisch
angegeben.
Oft werden in Schlesien die Worte des Priesters Emil Schramek zitiert, der
behauptete, dass in den Grenzgebieten eine spezifische Persönlichkeit
entsteht, die zum Nationalitätswechsel neigt. Entweder wechseln die Menschen
dort ihre Identität, oder sie verweigern das Bekenntnis, indem sie sich auf
ethnische Wurzeln berufen. Gerade das passiert jetzt in Schlesien. Kristian
Czech – Direktor eines der Oppelner Kulturhäuser und Chef des populären
Ensembles „Silesia“ - das in schlesischem Dialekt singt, sagt, dass das
Erzwingen eines eindeutigen nationalen Bekenntnisses in einer Grenzregion
nicht fair sei. „Ich selbst habe das Recht zu sagen, dass ich von der
Abstammung her Pole, Deutscher, Tscheche und Schlesier bin, weil dies die
Einflüsse in meiner Familie sind. Nach deutschem Recht (Artikel 116 der
deutschen Verfassung) habe ich das Recht auf einen deutschen Pass, aber erst
jetzt lasse ich ihn mir ausstellen. Ich habe ihn bis jetzt nicht gebraucht,
aber die Kinder wollen eine legale Arbeit in Deutschland bekommen“, gibt
Czech offen zu, wie auch Tausende anderer Schlesier, die dank deutscher
Papiere die polnische Arbeitslosigkeit überwinden.
Republik Silesia
„Nur“ Schlesier - also weder Deutsche noch Polen - wollen heute besonders die
jungen Menschen, die Mittelklasse und die schlesische Intelligenz sein. 1998
lehnte das Oberste Gericht die Registrierung des Verbandes der Bevölkerung
mit "schlesischer Nationalität" ab, mit der Begründung, ein solcher Verband
könne nicht geschaffen werden, da „es die schlesische Nationalität nicht
gibt“. Neben der ZLNŚ klagte auch Jerzy Gorzelik vom "Ruch Autonomii Śląska"
(RAŚ) daraufhin in Straßburg und erklärte: „Wir sind eine Minderheit, denn
wir haben eine eigene Sprache, eine eigene Kultur und wir fühlen uns als
Gemeinschaft. Mit der Ablehnung der Registrierung des Verbandes der
Bevölkerung mit schlesischer Nationalität wurde das Recht der Bürger, sich zu
vereinigen, verletzt."
„Da in Polen eine juristische Definition für eine Minderheit nicht existiert,
ist das Procedere der Anerkennung einer Minderheit sehr vage und es lässt
sich abhängig von der politischen Konjunktur manipulieren“, sagt der
Rechtsanwalt von Gorzelik. Heutzutage bewertet das Gros der Historiker,
Soziologen und Politiker das Bekenntnis von 173.000 Menschen zur schlesischen
Nationalität als Ergebnis der Frustration, als Zeichen der Unzufriedenheit
mit der polnischen Armut und als Resultat der Nichteinhaltung
der „Warschauer“ Versprechungen gegenüber Schlesien.
Der Abgeordnete Henryk Kroll wirft dem Chef der Bewegung für die Autonomie
Schlesiens vor, das sich gerade vereinigende Europa zu teilen. Er sagt
weiter, dass sich die Absichten der Leute um Gorzelik in den Vorteilen
begründen, die das Wahlrecht mit sich bringt. Nationale Minderheiten haben
keine 5 Prozent-Wahlklausel zu überwinden, um ins Parlament zu kommen.
Ähnlich wie die deutsche Minderheit, die im polnischen Parlament vom
Abgeordneten Kroll vertreten wird. Die schlesischen Autonomisten berufen sich
auf die Tatsache, dass im tschechischen Teil Schlesiens laut der Volkszählung
aus dem Jahre 1991 40.