ramon6
30.11.05, 08:30
30. November 2005, Neue Zürcher Zeitung
Das historische Buch
Doppelter Dammbruch
Richard Overy über die Diktaturen Hitlers und Stalins
1949, vier Jahre nach dem Ende von Hitlers und vier Jahre vor dem Ende von
Stalins Herrschaft, schrieb der Jurist und Historiker Hans Kohn, der
Totalitarismus in Russland und Deutschland habe «die Deiche der Zivilisation»
durchbrochen. Bis heute stehen die Namen Hitler und Stalin stellvertretend
für zwei der unmenschlichsten Diktaturen der Menschheitsgeschichte, für
Unterdrückung, Leid und Tod in zuvor ungekanntem Ausmass. Doch nicht über
den «Wettbewerb» darum, wer von beiden die grössere Schreckensbilanz
vorzuweisen hat, will der britische Historiker Richard Overy urteilen; er
fragt vielmehr danach, welche Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen beiden
totalitären Regimen bestanden und wie sie als «persönliche Diktaturen»
funktionierten. Dass die Geschichte des Nationalsozialismus aufs Engste mit
Hitler verbunden ist, bedarf keiner Erläuterung. Doch auch das
bolschewistische Regime von Ende der zwanziger bis zum Beginn der fünfziger
Jahre war so eng mit Stalin verknüpft, dass es einer ganzen Epoche und einem
Herrschaftstyp den Namen gab. Nach 1953 existierte die Sowjetunion noch fast
vierzig Jahre als brutale Diktatur, ohne nochmals jenen Grad an Amoralität zu
erreichen, der Stalins Herrschaft kennzeichnete.
Feindliche Brüder
Anders als Alan Bullocks Studie von 1991, «Hitler and Stalin: Parallel
Lives», ist Overys opulentes Opus keine chronologisch strukturierte
Doppelbiografie. Stattdessen legt Overy grossen Wert auf die spezifischen
Zeitumstände, in denen Hitler und Stalin ihre Herrschaft errichteten: Nur
durch den Ersten Weltkrieg und die von ihm hervorgerufenen Erschütterungen
lässt sich verstehen, warum in zwei so unterschiedlichen Ländern wie
Deutschland und Russland in vieler Hinsicht ähnliche, auf Personenkult,
Erlösungsglauben, Einparteienherrschaft und schrankenlosem Terror aufbauende
Diktaturen an die Macht kamen, die sich Geschichte nur als fortgesetzten
Kampf mit zu vernichtenden Feinden vorstellen konnten. Daher kennzeichnet
Overy das System der Lager in beiden Diktaturen auch als «die logische
praktische Konsequenz einer Ideologie, die in der Dichotomie von
Zugehörigkeit und Ausgrenzung wurzelte». Eine weitere Gemeinsamkeit war das
hohe Mass an utopischer Energie und populärer Zustimmung, das beide Regime
zumindest über lange Strecken ihrer Existenz kennzeichnete. Zwar kamen sie
ohne Terror nicht aus, doch wurden sie keineswegs nur dadurch
zusammengehalten. Vor allem das Versprechen einer goldenen, konfliktfreien
Zukunft machte beide Regime attraktiv.
Der gewichtigste Unterschied zwischen Stalins Sowjetunion und Hitlers
Deutschland ergibt sich nach Overy aus dem jeweiligen Stellenwert des
Nationalismus und des Rassismus. Zwar zeigte sich auch Stalin keineswegs frei
von nationalistischen Ressentiments und von einem gewalttätigen
Antisemitismus; dennoch war die Sowjetunion nicht nach rassistischen
Kriterien strukturiert, denn dem totalen Machtanspruch der kommunistischen
Führung waren alle Einwohner dieses Vielvölkerreiches grundsätzlich
gleichermassen unterworfen. In Deutschland dagegen war das gesamte Leben
explizit nach rassistischen Kriterien strukturiert. Die Radikalität, mit der
die Juden verfolgt und ermordet wurden, übertraf daher an Monstrosität selbst
Stalins millionenfachen Mord an angeblichen «Klassenfeinden» wie den Kulaken.
So bleibt einmal mehr der Befund, dass im Nationalsozialismus der Holocaust
die «logische» Konsequenz einer die Ungleichheit der Menschen behauptenden
Ideologie war, während Stalins genozidähnliche Verbrechen in einem Gegensatz
zur offiziellen Utopie - der Ideologie einer auf der Gleichheit aller
Menschen beruhenden Zukunftsgesellschaft - standen.
Doch woraus speiste sich die Kultur des Hasses in beiden Ländern? Overy macht
dafür einen nicht mehr durch die Dämme der Humanität
gebändigten «Szientismus» verantwortlich, dem die menschliche Gesellschaft
als rational planbar erschien, wobei jede Gewaltausübung mit dem Hinweis auf
vermeintliche soziologische oder biologische Gesetzlichkeiten gerechtfertigt
erschien. Gewalt war daher in beiden Diktaturen nicht etwas Zufälliges,
sondern untrennbar mit der eigenen Ideologie und Utopie verflochten. Nicht
nur dadurch erscheinen Stalinismus wie Nationalsozialismus gleichermassen als
Gegenentwürfe zum Liberalismus.
Diese Erkenntnisse vermittelt Overy in einer plastischen, Anekdoten,
Erzählung und Analyse geschickt verbindenden Darstellung, die prinzipiell
Bekanntes zu einer beeindruckenden Gesamtdarstellung verbindet. Die
Konzentration auf die Personen Hitlers und Stalins hat allerdings auch ihren
Preis, denn Overy muss alle Spezifika der jeweiligen Regime mit ihren
Galionsfiguren verknüpfen. Dadurch entsteht bisweilen der Eindruck einer
personalisierenden Verengung der Perspektive. Immer wieder zeigt Overy, wie
stark sich das NS-Regime und Stalins Sowjetunion aufeinander bezogen,
gegenseitig beobachteten und aneinander massen. Dadurch jedoch erscheint der
Globus auf diese beiden Länder reduziert. Weder andere faschistische
Diktaturen noch die liberal- demokratischen Staaten in Westeuropa und
Nordamerika werden von Overy in nennenswertem Umfang vergleichend
herangezogen. Ebenfalls unerörtert bleibt die Frage, warum die Sowjetunion
auch nach Stalins Tod weiterbestand, ohne nochmals ähnlich stark von einer
einzigen Person geprägt zu werden.
Mängel
Auch einige sprachliche und editorische Unachtsamkeiten sind zu bemängeln. So
erscheint die Unterscheidung zwischen einem normativen «Ideal» und dem als
analytisches Werkzeug zu gebrauchenden «Idealtypus» im Sinne Max Webers
unscharf. Bisweilen bleiben Sachverhalte unerklärt, deren Kenntnis bei einem
breiteren Lesepublikum nicht vorausgesetzt werden kann. So erfährt man zwar,
dass SS-Führer Heinrich Himmler 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres
ernannt wurde, nicht aber, dass dies die Folge des gescheiterten Attentats
vom 20. Juli war. An anderer Stelle zitiert Overy die Beobachtungen eines
Berliner Jurastudenten namens Raimund Pretzel, doch erst aus der
dazugehörenden Fussnote kann der Leser erschliessen, dass sich dahinter der
spätere Emigrant und Publizist Sebastian Haffner verbirgt. Diese Monita
ändern freilich nichts daran, dass Overy eine hervorragende, wenn auch
bisweilen redundante Analyse jener Schreckensherrschaften gelungen ist, deren
düsteres Erbe bis heute auf der Welt lastet.
Christoph Jahr
Richard Overy: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Russland. Aus dem
Englischen von Udo Rennert und Karl Heinz Silber. Deutsche Verlagsanstalt,
München 2005. 1023 S., Fr. 82.80.