hanys_hans
18.11.07, 16:18
Ein verschwundener Löwe
(Oder: Das Rätsel um den schlafenden Löwen)
Obwohl Gleiwitz nicht Lwow (Lemberg, auch wörtlich: "der Löwen", v.Ü.) ist,
liegt für viele Einwohner die Assoziation mit dem König der Tiere, besser mit
den Löwen nicht fern. Genauer gesagt mit drei Löwen, nämlich ihren in Eisen
gegossenen Ebenbildern. Zwei von ihnen, aus dem Meißel von Johann Gottfried
Schadow, liegen stolz vor dem Gleiwitzer Palmenhaus in der ehemaligen
Promenade, während der dritte – ein Werk von Theodor Kalida – stolz von seinem
Postament vor dem Gleiwitzer Museum herabschaut. Nicht viele der Gleiwitzer
erinnern sich daran, daß noch bis in die 60-er Jahre ein weiterer Löwe - der
„schlafende Löwe“ - auch ein Werk von Kalida, die Stadt schmückte. Dieser Löwe
schlief an mehreren Stellen der Stadt, bis er plötzlich für immer aus dem
Stadtbild verschwand.
Die Geschichte des schlafenden Löwen reicht in die Hälfte des XIX.
Jahrhunderts. Im Oktober 1846 stattete der preußische Herrscher, Friedrich
Wilhelm der IV, der Stadt einen Kurzbesuch ab. Er besuchte u. a. die
Königliche Eisenhütte, in deren Hof der eben gegossene Löwe schlummerte. Der
König war enzückt, so von der Schönheit der Skulptur wie auch der Gießerkunst.
Er beschloß, daß der Löwe die Grabstätte der 65 preußischen Soldaten zieren
soll, welche während der napoleonischen Kriege in Gleiwitzer Lazaretten
starben und hier begraben wurden. Der König entschloß sich das Denkmal zu
bezahlen und auch für die Kosten der Umzäunung und den Bau des Objektes
aufzukommen. Die feierliche Enthüllung des Denkmals fand drei Jahre später, im
Jahre 1849, ganau am Tage des königlichen Geburtstages statt. Es stand auf dem
heute nicht mehr existierenden Friedhof, unweit des Gleiwitzer Bahnhofes, fast
vis-a-vis der bis heute erhaltenen jüdischen Begräbnisstätte auf der
Löwenstraße, welche seit jener Zeit ihren Namen trug (heute besteht sie nicht
mehr).
Zum Ende des XIX. Jahrhunderts, beschloß man im Zuge des Stadtausbaues die
Auflösung dieses Soldatenfriedhofes. Das Grab mit dem das Denkmal zierenden
Löwen verlegte man in die gerade entstehende Promenade. Im Jahre 1980 wurden
die sterblichen Überreste der Soldaten nochmals exhumiert, sie fanden ihre
neue Bleibe zusammen mit dem Denkmal an einer anderen Stelle der Promenade,
nämlich im Zusammenlauf der Miethe- und Mentzelstraße (ul.Berbeckiego und ul.
Sienkiewicza).
Schlafender Löwe
Der Löwe auf einer alten Postkarte
www.gk-1997.de/Photos/Schlafender.jpg
Eine feierliche Neubeerdigung im Beisein von Vertretern dreier
Religionsgemeinschaften: einem katholischen Priester, einem evangelischen
Pfarrer und einem jüdischen Rabbiner fand statt.
Das Denkmal überstand glücklich die nächsten 55 Jahre. 1945 war der Löwe Zeuge
des Einmarsches sowjetischer Truppen in die Stadt, welche sich aber zum Glück
nicht für das gegossene Denkmal interessierten und es so einer Verwüstung
entging. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn die Rote Armee länger die
Stadt regiert hätte; denn viele der deutschen Denkmäler wurden mit
Schweißbrennern zerschnitten um als Schrott in den Hütten der fernen
Sowjetunion zu landen. So geschah es zum Glück hier nicht. In Gleiwitz faßte
die polnische Admninistration Fuß, die es sich u. a. zur Aufgabe gemacht
hatte, die Stadt möglichst schnell zu polonisieren. Damit verbunden die
sogenannte „Entdeutschungsaktion“. Zuerst entfernte man vom Postament des
Denkmals alle deutschen Inschriften und entschied, dem Löwen eine anderen
Platz zuzuweisen. Kurz sah man ihn noch in der Nähe des Museums auf der
Niederwallstraße, wo schon der zweite Löwe von Kalida stand. Jedenfalls
unterlag der Löwe jetzt der Obhut der Grünabteilung der Stadtverwaltung. Aber
in den sechziger Jahren verschwand der Löwe plötzlich. Diese Angelegenheit
ruft bis in die heutigen Tage Polemiken und Streit hervor. Seiner Zeit
erzählte man sich, daß der Löwe in einem der Warschauer Parks gesichtet sein
sollte. In den achziger Jahren wiederum sagte man, daß er aufgrund einer
Anweisung des ZK der PZPR (Vereinigte Polnische Arbeiterpartei) einem Badeort
auf der Krim, in welchem sich die Bonzen der verbrüderten kommunistischen
Parteien erholten, geschenkt worden war. Auch Vermutungen, daß der Löwe die
Privatresidenz von jemanden aus der Nomenklatura schmückte, fehlten nicht. In
jedem Fall braucht die Angelegenheit bis heute ihre Klärung – ist doch ein
gegossenes Denkmal keine Nadel im Heuhaufen.
Die zweite, nicht geklärte Angelegenheit ist der Verbleib der unter dem
Denkmal begrabenen preußischen Soldaten. Ich vertrete hier voll die Ansicht
des dieses Thema untersuchenden Przemyslaw Nadolski, welcher schrieb: „...weil
dieser Friedhof seinerzeits nicht exhumiert wurde, bleibt er auch angesichts
der Rechtslage weiterhin ein Kriegsfriedhof und das verpflichtet die
Verwaltung zu der Auszeichnung des Platzes wie auch der Obhut über ihn.“ In
den achziger Jahren als in der Promenade Erdarbeiten durchgeführt wurden,
konnte man in den Stein- und Erdhaufen, zwischen verrotteten Wurzelstücken
auch menschliche Knochenreste finden. Es ist nicht bekannt, ob es die
sterblichen Übereste der 1945-er Kriegsopfer oder der preußischen Soldaten waren.
Boguslaw Tracz
Übersetzung: Karl Mosler