hanys_hans
09.03.08, 16:07
Gleiwitz nach dem ersten Weltkriege
Von Oberbürgermeister a. D. Dr. Greisler
Die Stadt als kulturelle Bastion an der oberschlesischen Grenze
Die Bevölkerung von Gleiwitz bildete im Gefüge der Nachbar Städte Hindenburg
und Beuthen ein wichtiges Kernwerk des Grenzlanddeutschtums. Hierunter
verstehen wir aber nicht eine besondere Art von Deutschen, denn Deutsche
bleiben Deutsche. Jedoch zwingt die Nähe eines feindlichen Nachbarn — diese
Tatsache war in den drei polnischen Invasionen 1919 bis 1921 zum Ausdruck
gekommen — jedes Volk dazu, aus seinem Volkstum nationale Eigenschaften
besonders zu entwickeln, welche ohnie kriegerische Mittel einen Schutzwall
gegen die Bedrohung der heimatlichen Grenze darstellen. Im Westen war dies
nicht in dem Maße erforderlich, weil keine nachbarliche Bedrohung vorlag.
Heute sehen wir,. daß ,die Erbfeindschaft mit Frankreich begraben ist und
beiderseits alle Kräfte bemüht sind, eine dauernde Freundschaft auszubauen.
Wie könnte aber dieses Beispiel auf unsere Beziehungen zu Polen Anwendung
finden? Freilich haben die Polen nationale Interessen — aber auf unsere Kosten
—, für deren Verwirklichung1 sie sogar noch deutsche Hilfe und Mitarbeit
benötigen und wünschen! Hierbei geht es ihnen einmal um den Aufbau unserer
geraubten und verwüsteten deutschen Ostgebiete durch deutsche Investitionen
und Fachkräfte. Denn schon wird das geraubte Gut den Räubern zum Verhängnis
durch eine katastrophale Wirtschaftslage infolge vollständiger Unfähigkeit.
Welches sind nun die besonderen Eigenschaften unserer Grenzbevölkerung
gewesen, um einen Schutzwall ohne Waffen zu errichten? Einmal war es die tiefe
Religiosität der Bevölkerung, welche so eingewurzelt war, daß in einem
lebensbedingten Zusammenhang die Familie fast zu einer kleinen Kirche und
diese Kirche sich zu einer großen gemeinsamen Familie gestaltet hatte. Darum
richtete sich der Angriff der kongreßpolnischen Eindringlinge in den Jahren
1919 bis 1921 mit aller Erbitterung und Hinterhältigkeit gegen den Frieden in
Kirche und Familie. Selbst das Heiligste war ihnen nicht heilig unjd1 bis-iri
die Stille der glücklichen Heime der gläubigen Bevölkerung trugen sie
Verwirrung und Zwietracht. Auch das geistliche Gewand achteten sie nicht,
getreu den Haßparolen ihres Führers Korfanty. Den evangelischen Geistlichen
riefen sie zu: „Fort mit dem protestantischen Preußentum!". und die
katholischen Geistlicheni beschimpften sie als „kirchenfeindliche Handlanger
eines unchristlichen deutschen Staates". Zur Zurückweisung der Vorwürfe, daß
die Seelsorge zu politischen Zwecken mißbraucht würde, mögen die Namen der
damals führenden Geistlichen in Gleiwitz genügen, nämlich auf katholischer
Seite: Peter und Brylka und auf evangelischer Seite: Pastor Schmidt. Als
einmal das Gerücht ging, ein katholischer Kaplan habe seinen Namen unter einen
haßerfüllten Aufruf der Polen gesetzt, sagte mir Prälat Ulitzka, dessen
führende Rolle im Deutschtumskampf ja schon Geschichte geworden ist, „Wenn das
wahr wäre, würde ich diesem meinem Amtsbruder nicht mehr die Hand geben".
Dabei war unbestritten, daß die Kirche ebenso dem Polen wie dem Deutschen das
Naturrecht auf den Gebrauch der Muttersprache im kirchlichen Leben, z. B. im
Beicht- und Kommunionunterricht wie für den Gottesdienst zuerkannte. In
Gleiwitz kam es nur ganz vereinzelt vor, daß jemand auf .der Pfarrei erschien,
um sich für den kirchlichen Unterricht in polnischer Sprache zu melden. Und
selbst hierbei konnte man daraus noch keineswegs auf ein Bekenntnis zum
polnischen Volkstum schließen, denn oft lagen dafür traditionelle Gründe vor.
Damals also war den Polen weltliche Propaganda mit kirchlichen Mitteln gerade
gut genug. Dafür sind sie heute schwer gestraft worden, denn heute ist Polen
ein kommunistischer Staat.
Eine weitere schützende Eigenschaft unseres Grenzlanddeutschtums war der
unerschütterliche Wille zu nationaler und persönlicher Freiheit, welche sich
in gesamtdeutscher, landsmannschaftlicher und kommunaler Selbstbestimmung
verwirklichte. Die heimischen Eigenarten der Bevölkerung konnten sich frei
entwickeln, ohne daß hierdurch dem gesamtdeutschen Zusammenhalt Abbruch
geschah. Im Gegenteil, wie oft haben Kenner unserer Grenzlandverhältnisse
jetzt noch versichert, daß in unserem heimatlichen Lebensraum im Gegensatz zu
vielen Binnendeutschen ein besonders stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl
zum deutschen Reich bestand und noch besteht. Heute noch sprechen unsere in
der Heimat verbliebenen Landsleute weniger von der Bundesrepublik oder von der
Deutschen Demokratischen Republik, sie sprechen aus ihrem Zugehörigkeitsgefühl
zu Deutschland vom Reich.
Im Rahmen dieser freien kommunalen Selbstbestimmung gestaltete sich auch das
Verhältnis zur Kirche bestens. Dies geschah vor allem durch finanzielle
Beihilfen für Kirchenbauten, wobei im katholischen Bereich besonders die
Patronatskir-chen bedacht wurden, im evangelischen der Erweiterungsbau der
evangelischen Pfarrkirche auf der Bahnhofstraße und des -Wi-chernhauses, des
evangelischen Waisenhauses am Peter-Paul-Platz. Im Einvernehmen mit den
Kirchengemeinden und der jüdischen' Gemeinde würde auch die von der
Elternschaft im freien Entscheid geforderte konfessionelle Volksschule
eingeführt, wozu die städtisschen Körperschaften ihre Zustimmung gaben., in
der Stadtverordnetenversammlung allerdings nur mit geringer Mehrheit.