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24.02.06, 16:48
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24. Februar 2006 Druckversion | Versenden | Leserbrief
PIANIST KRYSTIAN ZIMERMAN
Samurai der Klänge
Von Johannes Saltzwedel
Tourneen plant er am Computer, geübt wird im Kopf: Der Pianist Krystian
Zimerman ist der diskreteste Besessene seines Fachs. Jetzt hat er sich den
schwersten Konzertbrocken von Johannes Brahms vorgeknöpft.
Die Maske des Gentlemans steht ihm perfekt. "Dieser Tee ist mir missraten",
murmelt Krystian Zimerman entschuldigend und besteht darauf, sogleich einen
frischen zu bestellen. Leise Töne, sanftes Lächeln, ein Jackett aus edlem
Tweed: Niemand würde in dem kleinen Herrn mit graumeliertem Bart den Furor
des kompromisslosen Künstlers ahnen - wären da nicht seine blauen Augen, aus
denen es manchmal hintergründig funkelt.
KASSKARA/DG
Pianist Zimerman: "Spiel nicht Klavier"
Zum Beispiel wenn er von der Stolperstelle mit Horn und Geigen erzählt. "Es
kann ja nicht funktionieren. Das Horn braucht die Atempause, es wird immer zu
spät sein. Aber Brahms war jung und unerfahren in der Instrumentation, er hat
es nun mal so geschrieben. Was tun?" Und dann schildert Zimerman, 49, wie oft
er schon große Dirigenten mit diesem winzigen Störfaktor in Brahms'
monumentalem erstem Klavierkonzert von 1859 hat kämpfen sehen.
An die 50 solcher Klippen ortete der Pianist, als er sich auf seine neue,
jetzt bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung vorbereitete - und
das in einem der gängigsten Stücke des Konzertrepertoires. Noch immer kann er
kaum glauben, dass sich offenbar niemand zuvor das Werk so gründlich
vorgeknöpft hat wie er. Viele Dutzend Aufnahmen hat er durchgehört, und
höflich, wie er ist, sagt er: "Die Kollegen haben etwas geleistet in den
letzten hundert Jahren." Trotzdem wollte er es natürlich besser machen als
sie alle.
Dass er es kann, braucht er nicht mehr zu beweisen. 1975 gewann er als
jüngster von 118 Teilnehmern den Warschauer Chopin-Wettbewerb und stieg damit
über Nacht in die Liga der weltbesten Pianisten auf. Seither hat der penible
Pole weniger konzertiert und veröffentlicht als die meisten seiner illustren
Kollegen. Nur 50 Konzerte im Jahr mag Zimerman sich zumuten. Aber jede seiner
raren Aufnahmen wird von den Kritikern bejubelt.
Phänomenalen "Sinn für klangliche Abschattierungen" entdecken sie darin,
kompromisslose Sorgfalt mit "Stimmen, Nebenstimmen und Hinterstimmen",
Ausdrucksehrgeiz bis ins "Unerhörte" und dennoch gleichbleibende "Noblesse
und Eleganz". Dafür gönnen ihm die Experten auch gern seinen "leichten Hang
zum Eigenbrötler" ("Süddeutsche Zeitung").
Konstruktion, Kreation, Obsession
Es ist eine der zartesten Untertreibungen, seit es Tasteninstrumente gibt.
Jeder Normalmensch würde, was Zimerman lange vor dem ersten Anschlag
unternimmt, wohl eher fortgeschrittenen Wahnwitz nennen. "Ich habe 22
Klaviaturen zu Hause für meinen Flügel. Gerade habe ich wieder eine gebaut,
die total ausgeflippt ist", erzählt er sachlich. "Auf jede Tournee schleppe
ich mehrere mit, die an verschiedene Komponisten angepasst sind, und baue sie
bei Bedarf ein." Dass er nur auf dem eigenen Instrument spielt, ist für ihn
sowieso selbstverständlich. Manchmal sitzt er mit einem Klaviertechniker
ganze Nächte im Studio, "und wir fummeln an dem Flügel herum". Niemand sonst
in seiner Zunft habe "die Zeit oder die Ausbildung oder zufällig den Vogel,
das zu machen".
Er schon. Er ist im polnischen Schlesien aufgewachsen. "Da gab es sehr viele
alte Instrumente aus der Vorkriegszeit, aber keine Ersatzteile. Und mein
Vater verdiente im Monat drei Dollar." Zum Glück befand sich in der Schule
eine große Werkstatt. "Wenn etwas am Flügel kaputtging, dann hat man eine
Handsäge genommen, ein Stück Holz, und hat das fehlende Teil angefertigt."
Noch heute arbeitet Zimerman, der seit 25 Jahren im reichen Basel wohnt,
möglichst überall nach diesem Do-it-yourself-Prinzip. Aufnahmen überwacht der
Technik-Fan unerbittlich. Selbst Tourneen plant er nahezu allein. Nie etwa
würde er erst in Wien und dann in Nürnberg spielen, weil die unterschiedliche
Akustik der Säle seinem Flügel nachhaltig die Laune, pardon: die Stimmung
vermiest. "Deshalb habe ich hier im Computer eine Datenbank zu allen
Konzertsälen drin."
Vom Material zur Musik
Dankt ihm jemand den ungeheuren Aufwand? Kann die Nuancen, um die er so
verbissen kämpft, überhaupt noch einer hören? "Ich mache doch alles gerade
deshalb, weil ich den Flügel ausschalten will im Konzert. Ich will den Flügel
nicht mehr wahrnehmen." Wie bitte? "Na sicher. Meinen Studenten sage ich: Hör
mal, spiel nicht Klavier. Mich interessiert nicht, dass du Klavier spielst.
Musik will ich hören." Erst recht, sobald die eigenen Finger arbeiten. Nur
wenn wirklich jedes Detail stimmt, kann er sich mental so "hochkurbeln", dass
er plötzlich mit dem Werk eins zu werden glaubt. Wie ein Samurai, der sich
ein Leben lang darauf vorbereitet, im entscheidenden Augenblick mit einem
Schwerthieb alles klar zu machen.
Dauernd herumzufuchteln braucht er dafür nicht. "Ich übe heute eigentlich zu
80 Prozent ohne Instrument", behauptet der diskrete Klangmystiker, und es
klingt glaubhaft. "Die Musik läuft bei mir die ganze Zeit, im Kopf. So muss
ich keine Kompromisse machen. Die machen hinterher die Hände von allein -
falls es noch nötig ist." Schließlich gehe es nicht um Noten, sondern darum,
was den Komponisten zwang, sie zu schreiben.
Wenn er sich dessen erst einmal sicher ist, lässt er einfach nicht locker,
bis man es wirklich hört. Darum, nur darum hat er sich 1997, nach einem
gelungenen Konzert, mit dem Dirigenten Simon Rattle zu einer neuen Brahms-
Aufnahme entschlossen. Weil seine erste von 1983, mit den Wiener
Philharmonikern unter Leonard Bernstein, für ihn immer noch ein Trauma ist.
"Mein Flügel hatte einen Autounfall, der Transporter blieb stecken. Ich
musste einen viel schlechteren spielen. Dann fand ich die Wände im Wiener
Musikvereinssaal mit einem dunklen Teppich zugehängt, wegen der Kameras.
Natürlich war so die Akustik weg. Endlich kam noch die Filmfirma und hat
gesagt: ,Du bist ja ganz grün im Gesicht.' Also haben sie mich mit
irgendeiner braunen Paste bestrichen. Damals hatten wir noch sehr heiße
Scheinwerfer. Nach wenigen Takten war ich klatschnass. Leider konnte ich
nicht verhindern, dass die Aufnahme erschien. Das Schlimmste aber war, dass
es manchen dann noch gefallen hat."
Die Kunst des Knalleffekts
23 Jahre später hat Zimerman endlich nach seinen eigenen Bedingungen arbeiten
können. Das majestätisch wogende musikalische Ergebnis spricht für sich -
gerade weil der Jugend-Brocken, an dem Brahms jahrelang herumwürgte, öfter
mal ziemlich herb tönt. "Ich suche eigentlich nicht nach schönen Klängen, ich
suche nach adäquatem Klang", sagt Zimerman. An ein paar Stellen habe er
sogar "reingehauen", ohne zu berechnen, welche Tasten er traf. "Es kam Brahms
auf den Knalleffekt an. Also muss es auch mir darauf ankommen."
Auf einmal bricht es aus ihm heraus: "Wenn alles stimmt, bin ich wirklich
wahnsinnig von der Musik. Da verglühe ich im Konzert manchmal. Und ich möchte
die Leute diese Besessenheit erleben lassen." Warum eigentlich? Wozu der
Aufwand für ein paar Töne? Schon ist Zimerman wieder ganz bedächtiger
Philosoph. Er lächelt. "Ja, warum sitzen 2000 Leute bei schlechter Luft zwei
Stunden lang mucksmäuschenstill da, nur weil vorne ein Typ in einen
Holzkasten haut? Das ist für mich fast dieselbe Frage wie die, was den Affen
zum Menschen machte. Werkzeuge? Nein. Weitblick? Kaum. Ich meine, letztlich
kann nur die Kunst es erklären. Kunst ist etwas Nutzloses. Aber der Affe hat
es gebraucht. Als der erste Affe anfing zu singen und nach Schönheit zu