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Arbeit für 4,90 Euro

IP: *.dip.t-dialin.net 24.07.04, 18:53
Erwerbslose sollen Billigjobs annehmen, fordert der Kanzler. Wie sehen diese
Jobs aus, und wie kann man davon leben?

Von Christian Tenbrock

Bis zu zwölf Stunden steht Susanne Schwab* auf den Beinen, schaut, prüft,
kontrolliert. Zwölf Stunden täglich, von morgens sechs bis abends sechs,
sechs Tage in der Woche, dann hat sie drei Tage frei. Schwab steht an einem
Eingang des Berliner Reichstags an der Röntgen-Schleuse, dort, wo die
Touristen und Bundestags-Besucher hereinkommen. Manchmal auch die Politiker.
Friedrich Merz von der CDU hat sie schon mal gesehen, auch Guido Westerwelle
von der FDP.

Für jede Stunde Arbeit bekommt Susanne Schwab vier Euro neunzig Cent. Etwa
240 Stunden kommen im Monat zusammen, das macht dann rund 1175 Euro – brutto.
Netto bleiben ihr weniger als 1000. Dafür steht sie morgens um halb fünf auf
und nimmt um fünf den Bus und die S-Bahn, um von ihrer Wohnung weit draußen
im Berliner Osten rechtzeitig zum Reichstag zu kommen. Abends die gleiche
Tour zurück. Zwei der fünf Kinder leben noch zu Hause.

Sie komme hin, sagt Schwab, gerade so eben, und nur, weil der Lebensgefährte
Arbeitslosengeld beziehe. Fleisch gibt es einmal die Woche, das Bierchen mit
den Kollegen einmal im Monat, neue Kleidung einmal im Jahr, und den Besuch im
Kino oder im Restaurant nie. Im Urlaub war die 46-Jährige zuletzt 1988. Zwei
Wochen an der Ostsee.

Susanne Schwab ist das, was in Deutschland „Billiglöhner“ heißt. Einer jener
Menschen, von denen es nach Meinung vieler Politiker und Ökonomen mehr geben
sollte. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, fordern sie, müsse der
Niedriglohnsektor in Deutschland ausgeweitet werden. Es müssten mehr Jobs her
mit einem Verdienst, der irgendwo zwischen der Sozialhilfe und dem
niedrigsten Tariflohn liegt. Und um die Menschen zu bewegen, solche Jobs
anzunehmen, müssten sie dazu gezwungen werden – durch weniger
Arbeitslosengeld und weniger Arbeitslosenhilfe. So will es auch der Kanzler
mit seiner Agenda 2010.

Obserwuj wątek
    • Gość: Bolo Re: Arbeit für 4,90 Euro IP: *.dip.t-dialin.net 24.07.04, 18:56
      Besonders vom Lohndumping betroffen ist die Wachschutzbranche. Mit Tariflöhnen
      knapp über fünf Euro Stundenlohn liegt sie sowieso ganz unten. Doch häufig
      werden Löhne unter Tarif gezahlt: 4,70 Euro, 4,30 Euro, 3,90 Euro - die
      Dienstleistungs-Firmen jagen in der Hauptstadt Berlin mit Dumpingpreisen um
      Aufträge. Zu Tariflöhnen haben sich nur die Mitgliedsfirmen des BDWS - des
      Bundesverbandes Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen e.V. - verpflichtet.
      Doch jüngsten Pressemitteilungen zufolge sollen inzwischen selbst BDWS-Firmen
      im Deutschen Bundestag unter fünf Euro Stundenlohn zahlen. Ohne Zuschläge,
      versteht sich.


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