aptus
27.07.06, 21:37
Dariusz Stola
Das kommunistische Polen als Auswanderungsland
Gliederung:
1. Die Schließung Polens
2. Entstalinisierung und Emigration aus dem Polen des „realen Sozialismus“
3. Emigration in den Jahren der „langen Agonie“ der VR Polen (1980-1989)
4. Fazit
Anmerkungen
Angaben zum Autor
Zitierempfehlung
Text:
Migrationen sind ein wichtiger Bestandteil polnischer Geschichte des
vergangenen Jahrhunderts. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand
eine Massenemigration aus den polnischen Gebieten statt. Bis 1914 verließen
3,5 Millionen Auswanderer - Polen, Juden, Ukrainer und Deutsche - ihr
Zuhause, um überwiegend nach Nordamerika oder in die Bundesrepublik
Deutschland überzusiedeln. In der Zwischenkriegszeit reisten zwei Millionen
Menschen langfristig aus Polen aus; davon kehrte eine Million nicht mehr
zurück.1
Der deutsche Angriff auf Polen im September 1939 eröffnete die dramatischste
Dekade in der Geschichte der polnischen (und europäischen) Migrationen. In
ihrer überwiegenden Mehrheit waren es verschiedene Formen von Zwangs- oder
genötigten Migrationen: Deportationen, Aussiedlungen, Zwangsevakuierungen,
Flucht vor der Front etc.2 Sie umfassten massive Abwanderungen sowohl in den
Westen als auch in den Osten und erreichten in den Jahren 1939-1948 ein noch
nie dagewesenes Ausmaß. Auf polnischem Gebiet (in den Grenzen von 1939) waren
während des Krieges fünf Millionen Menschen betroffen. Nach dem Krieg und bis
1948 verließen über vier Millionen Menschen das neue polnische Territorium
(wie es in Jalta und Potsdam festgelegt wurde) - hauptsächlich Deutsche, die
aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße (in Polen als Westgebiete
bezeichnet) vertrieben wurden. Gleichzeitig immigrierten 3,8 Millionen
Menschen nach Polen (Rückmigrationen ehemaliger Kriegsgefangener und
Zwangsarbeiter, hauptsächlich aus Deutschland, Umsiedlungen aus den
Ostgebieten, die an die UdSSR abgetreten werden mussten, und Rückkehrer aus
anderen Ländern). Außerdem fand eine millionenstarke Bewegung aus
Zentralpolen in die Westgebiete statt, die formal als Inlandsmigration galt.
Neben den menschlichen Verlusten während des Krieges gestalteten
hauptsächlich diese Migrationen die polnische Nachkriegsgesellschaft. Ihre
Rolle bei der Zerstörung der vormaligen Gesellschaftsordnung, der
zwischenmenschlichen Beziehungen und Verwurzelungen ist kaum zu überschätzen;
sie erleichterten den kommunistischen Machthabern die Einführung einer neuen
Ordnung erheblich. Als Konsequenz dieser politischen Neuordnung brach nach
den größten Bevölkerungsbewegungen die Kontinuität polnischer Migrationen ins
Ausland abrupt ab.
Der vorliegende Aufsatz skizziert die Geschichte der Emigration aus Polen in
den Jahren 1949-1989. Insbesondere widmet sich der Artikel der Frage der
Grenzschließungen und -öffnungen. Darunter fallen die so
genannte „Passpolitik“ und ihre Entwicklung in den vier Jahrzehnten, ihre
Grundsätze und Instrumente (einschließlich der handelnden Institutionen).
Auch um die Sicherung der Grenzanlagen, die als Ergänzung der Passpolitik
erforderlich war, wird es im Folgenden gehen. In dieser politisch-sozialen
Geschichte der Auswanderung traten mindestens drei Gruppen von Akteuren auf:
erstens die kommunistischen Machthaber und ihr politisch-administrativer
Apparat, zweitens die tatsächlichen und potenziellen Emigranten (indirekt
auch andere mit den Migranten in Verbindung stehende Personen, die so
genannte Migrationsnetzwerke bildeten), drittens die Regierungen der
Zielländer, die eine mehr oder weniger freundliche Immigrationspolitik
betrieben.
2
Dieser Aufsatz beschäftigt sich vor allem mit der ersten Gruppe und - in
einem viel geringeren Maße - mit der zweiten, da die Sozialgeschichte der
Migration einen umfangreicheren Rahmen erfordern würde. Zunächst ist die
Frage zu klären, ob die Auswanderung aus der Volksrepublik Polen politisch
war; für eine befriedigende Antwort muss der Begriff der politischen
Emigration erläutert werden. Auf der einen Seite wurden zwar die
Menschenrechte in Polen andauernd verletzt, doch auf der anderen machte die
Gruppe derer, die selektiven Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren (so die
Definition eines Flüchtlings in der hier maßgeblichen UNO-Konvention),
zumindest ab 1956 nur einen kleinen Teil der Gesamtheit der Emigranten aus.
Die Frage kann aber entschieden positiv beantwortet werden, wenn die
politischen Bedingungen, die die Entscheidung zur Auswanderung bewirkten,
breiter definiert werden. In den kommunistischen Ländern kam es zu einer
Politisierung beinahe aller Lebensbereiche, insbesondere zur beispiellosen
Verstaatlichung der Wirtschaft. Auf diese Weise wurden auch jene Bereiche und
Auswanderungsgründe politisiert, die sonst als ökonomisch oder schlicht
privat gelten würden.
Die Zielländer, die dritte Akteursgruppe, werden in diesem Aufsatz am
wenigsten berücksichtigt, da eine gründliche Darstellung ihrer Rolle
zusätzliche Untersuchungen in Archiven außerhalb Polens erfordern würde. Im
Zeitalter des Kalten Krieges verfolgten die westlichen Staaten eine recht
freundliche Immigrationspolitik gegenüber den Auswanderern aus dem Ostblock,
darunter auch aus Polen. In einigen Jahren und Ländern betrieben sie sogar
eine Politik der aktiven Ermunterung zur Migration. Da die den Eisernen
Vorhang überschreitenden Migranten und besonders jene, die sich um Asyl
bewarben, ein lebendiger Beweis für die Überlegenheit des Westens waren, da
ihre Anzahl meist niedrig war und die Herkunftsländer die Last der
Migrationskontrolle übernahmen, konnten die Zielländer bei der Aufnahme der
Ankömmlinge aus dem Ostblock liberaler vorgehen als bei Menschen aus anderen
Teilen der Welt. So blieb es auch nach der restriktiven Wende in der
Immigrationspolitik der westlichen Industrieländer zwischen den 1960er- und
1970er-Jahren, selbst wenn es in den 1980er-Jahren für die Polen immer
schwerer wurde, Einreisevisa zum Beispiel für die USA zu erhalten. Mit der
fortschreitenden Liberalisierung der Passpolitik in der VR Polen verlagerte
sich die Migrationskontrolle auch zunehmend auf die Zielländer. Diese
reagierten - meist verspätet - mit verschiedenen Formen von Restriktionen.
Der Exodus Ende der 1980er-Jahre fand in einer Übergangszeit statt
(im „Fenster der Geschichte“), als die VR Polen bereits die meisten
Ausreiserestriktionen aufhob, die Regierungen der Zielländer jedoch noch
keine Einschränkungen eingeführt hatten, wie sie für andere
Immigrantengruppen galten. Am deutlichsten und folgenreichsten zeigte sich
das in der Bundesrepublik. Hier verursachte der Wechsel in der Politik
gegenüber den polnischen „Aussiedlern“ seit 1990 einen schlagartigen Rückgang
der Migrationswelle - von 250.000 im Jahr 1989 bis hin zu lediglich einigen
Tausend in den 1990er-Jahren. Die Regierung der Bundesrepublik wird im
Folgenden als Akteur zu berücksichtigen sein, da sie auf die VR Polen vor
1989 erfolgreich Druck ausübte, um den einheimischen Bewohnern der Gebiete,
die erst nach 1945 an Polen gefallen waren, die Emigration zu ermöglichen.3
1. Die Schließung Polens
Die großen Umsiedlungen der ersten Nachkriegsjahre überdecken eine wichtige
Tatsache: Die historische Kontinuität polnischer Migrationen, die 1939
abbrach, wurde nach dem Krieg nicht erneuert. Die internationalen
Migrationsströme, die sich seit dem 19. Jahrhundert gebildet hatten, sind
nicht wieder entstanden. Die Zeit, die nach der „schwarzen Dekade“ der
gigantischen Zwangsmigrationen folgte, war ihr genaues Gegenteil. Knapp acht
Jahre lang herrschten in Polen Ausreiserestriktionen, die genauso einen
Präzedenzfall darstellten wie die ihnen vorangegan