ggigus
25.08.07, 17:23
Tono Eitel, ehemaliger Diplomat und heute Unterhändler in Sachen Kulturgüter,
fordert die Rückgabe angeblicher "Beutekunst" von Polen. Aber: Polen hat nie
Kriegsbeute in Deutschland gemacht
VON GABRIELE LESSER
In der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek liegen Briefe von Goethe, Schiller und
Luther, Notenblätter von Mozart, Bach und Beethoven, seltene Landkarten und
illustrierte Handschriften aus dem Mittelalter. Auch die deutsche
Nationalhymne von Hoffmann von Fallersleben liegt in Polen. Die Bibliothekare
der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin hatten die wertvollen Bestände aus
Angst vor Luftangriffen der Alliierten nach Niederschlesien gebracht. Nicht
vorausahnen konnten sie allerdings, dass die Grenzen Polens auf der Potsdamer
Konferenz 1945 nach Westen verschoben würden. Die wertvollen Kisten der
Preußischen Staatsbibliothek befanden sich somit 1945 auf polnischem Boden. Im
allgemeinen Nachkriegschaos - Deutsche flüchteten und wurden vertrieben,
KZ-Überlebende und Zwangsarbeiter kehrten zurück, polnische Vertriebene aus
Ostpolen kamen an - gelang es polnischen Bibliothekaren, den kostbaren Schatz
aus Berlin vor Plünderungen und der Deportation in die Sowjetunion zu retten
und sicher nach Krakau zu bringen.
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Von "Beutekunst" in Polen war bislang nie die Rede. Nun aber wirft Tono Eitel,
ehemaliger deutscher UN-Botschafter in New York und seit fünf Jahren mit den
Kulturgüter-Verhandlungen betraut, den Polen vor, den Deutschen etwas
gestohlen zu haben. In einem Sammelband namens "Kulturgüter im Zweiten
Weltkrieg: Verlagerung - Auffindung - Rückführung" schreibt der 75-Jährige:
"Grundsätzliche Beutekunstprobleme haben wir nur mit zwei ehemaligen
Kriegsgegnern: Russland und Polen. Alle übrigen Staaten, auch von der
Wehrmacht schrecklich verheerte wie die Ukraine, haben sich für eine Politik
der Restitution entschieden."
Das Problem aber ist: Russland und die Ukraine geben tatsächlich Beutekunst
zurück, die von der Roten Armee im besetzten Deutschland 1945 beschlagnahmt
worden ist. Polen aber hat niemals Kriegsbeute in Deutschland gemacht. Es gibt
also auch keine "Beutekunst" in Polen - und das weiß auch der ausgebildete
Jurist Eitel. Dass er nun dennoch diesen schweren Vorwurf erhebt, hat wohl mit
der niederschmetternden Bilanz der bisherigen Verhandlungen zu tun: In
fünfzehn Jahren hat Deutschland absolut nichts erreicht.
Dabei ist die Interessenlage klar: Die Deutschen möchten die wertvolle
Sammlung gerne wieder in Berlin sehen, während die Polen eine Kompensation für
die enormen Kulturverluste anstreben, die sie durch die Nazis im Zweiten
Weltkrieg erleiden mussten. Von Warschaus Forderung nach Wiedergutmachung der
polnischen Kulturverluste aber will Eitel nun gar nichts wissen. Zwar seien
der Kunstraub und die massenhafte Zerstörung polnischer Kulturgüter durch die
Nazis völkerrechtswidrig gewesen, so Eitel, aber die Reparationsfrage sei
bereits geregelt. Polen stehe keine weitere Wiedergutmachung für die
Nazi-Verbrechen zu.
In Polen sieht man das anders. Auch wenn die "Berlinka", wie die Sammlungen
der Preußischen Staatsbibliothek in Polen genannt werden, nur ausgelagert
wurde, um sie in Sicherheit zu bringen, so befand sie sich doch 1945 auf
polnischem Boden und wurde somit zu polnischem Eigentum. Einen rechtmäßigen
Anspruch auf die Berlinka haben die Deutschen aus polnischer Sicht nicht.
Dennoch sind Verhandlungen über eine Rückkehr möglich. Solange aber die
Deutschen nicht wahrhaben wollten, dass sie im Zweiten Weltkrieg das polnische
Kulturerbe systematisch vernichtet hätten, werde es keinerlei Bewegung im
Kulturgüterstreit geben. Ohne eine großzügige Geste der Deutschen, ohne
irgendeine Form der Wiedergutmachung werde die Berlinka niemals nach
Deutschland zurückkehren.
Die Glasurne mit den Ascheresten eines verkohlten Buchs kennt auch Eitel. Von
der einst berühmten Krasinski-Bibliothek in Warschau ist nur dieses
Aschehäuflein übrig geblieben. Die Urne gilt als Symbol der deutschen
Kulturverachtung gegenüber Polen. Nach dem Warschauer Aufstand 1944 zerstörten
die Nazis drei Monate lang Polens Hauptstadt, fackelten die Nationalbibliothek
Polens ab, hunderte anderer Bibliotheken sowie Archive mit wertvollen
mittelalterlichen und neuzeitlichen Handschriften. Von Polens Kulturerbe blieb
nur ein riesiger Trümmerhaufen übrig. Zuvor hatte bereits die
"Haupttreuhandstelle Ost" im Auftrag von Reichsmarschall Göring Museen und
Schlösser, Gutshäuser und Stadtpalais in Polen ausgeraubt. Ziel der Nazis war
es, die Juden physisch und die Polen kulturell zu vernichten. Experten
schätzen allein die materiellen Kulturverluste Polens im Zweiten Weltkrieg auf
einen Wert von heute rund 20 Milliarden Dollar.
Dass die Deutschen plötzlich von "Beutekunst" in Polen sprechen und der
Pflicht des ehemaligen Kriegsgegners, diese zurückzugeben, sei so, als würde
"ein Einbrecher unser Haus ausrauben, es dann in Brand setzen, bei der Flucht
seinen Mantel verlieren - und ihn heute als sein rechtmäßiges Eigentum
zurückfordern", schreibt der bekannte Kunsthistoriker Wlodzimierz Kalicki in
der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. "Zurückgeben will uns der Einbrecher nur
das, was er heute noch in seiner Wohnung findet, aber auch nur unter der
Bedingung, dass wir ihm zuerst seinen Mantel aushändigen. Über unser
verbranntes Eigentum will er erst gar nicht reden, da es sich ja ohnehin in
Rauch aufgelöst hat." Niemals werde sich Polen auf eine Rückgabe der Berlinka
ohne Wiedergutmachung der eigenen Kulturverluste einlassen.
Schon vor Jahren hatte Kalicki in seinem Buch "Der letzte Kriegsgefangene des
großen Krieges" eine politische statt einer juristischen Lösung des Konflikts
vorgeschlagen: Deutschland könne beispielsweise eine Stiftung mit einem
großzügigen Stammkapital ausstatten, von dessen Zinsen Polen dann weltweit
Kunstwerke ankaufen könne, wie sie einst von den Nazis zerstört wurden.
Tono Eitel aber beharrt darauf, dass Polen die Haager Landkriegsordnung von
1907 verletzt und nach 1945 völkerrechtswidrig deutsches Kulturgut gestohlen
hätte. Vor zwei Jahren brachen Polens Diplomaten entnervt die Verhandlungen
ab. Für sie verkörpert Eitel den Typ des arroganten Deutschen, der die
angeblich minderwertige Kultur der einstigen "slawischen Untermenschen" bis
heute verachtet.
Als die FAZ vor ein paar Tagen über die gescheiterten Verhandlungen berichtete
und den Polen dafür die Schuld in die Schuhe schob, brach an der Weichsel ein
Sturm der Entrüstung los. Es handle sich um eine gezielte Provokation der
Deutschen. Schon der Titel "Rückgabe von Beutekunst. Die letzten deutschen
Kriegsgefangenen" zeige dies. Die polnische Armee habe niemals Beute in
Deutschland gemacht. Zudem sei die Berlinka jedem Forscher, der nach Krakau
komme, jederzeit zugänglich. Außenministerin Anna Fotyga gab sogar eine
offizielle Erklärung ab: Die Deutschen versuchten einmal mehr, "die
Unterschiede zwischen Tätern und Opfern zu verwischen".
taz vom 23.8.2007, S. 16, 235 Z. (TAZ-Bericht), GABRIELE LESSER
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