pistulka2
11.01.06, 00:28
Die Generaloffensive der Roten Armee am 12. Januar 1945 leitete die
Niederlage und den Verlust der ostdeutschen Provinzen
von Heinz Magenheimer
Die Gesamtlage gestaltete sich zum Jahresbeginn 1945 für Deutschland derart
nachteilig, daß es kaum mehr eine Chance auf eine Wende gab. Nachdem die
Offensive in den Ardennen am 24. Dezember 1944 als gescheitert gelten konnte,
war sich die oberste Führung uneins, wie die noch vorhandenen Reserven
einzusetzen wären. Hitler befahl in der Nacht zum 1. Januar einen neuen
Angriff im nördlichen Elsaß, um die Initiative, die man mühsam errungen
hatte, nicht einzubüßen. Doch es drohten andere Gefahren.
Der Heeresgeneralstab unter Generaloberst Heinz Guderian bestand auf einer
Verstärkung der Ostfront, wo seit Wochen die sowjetischen Angriffs-vorberei
tungen erkennbar waren. Guderian wurde mehrmals bei Hitler und General Jodl,
seinem Chefberater, vorstellig und verlangte, möglichst viele Kräfte nach
Osten zu werfen. Doch Hitler, der zu diesem Zeitpunkt bereits den Eindruck
eines zermürbten und deprimierten Mannes machte, konnte sich nur zur Freigabe
von zwei Divisionen entschließen. Dazu kam, daß ein kampfstarkes SS-
Panzerkorps in Ostpreußen herausgelöst und nach Ungarn verlegt wurde, um Buda
pest zu entsetzen, das seit dem 24. Dezember von sowjetischen Kräften einge
schlossen war. Doch der Entsatzangriff scheiterte. Damit wurden wertvolle
Panzerkräfte gebunden, die bitter fehlen sollten, als die sowjetische Groß
offensive losbrach.
Ein letzter Versuch, mit dem Einsatz von über 1.000 Kampfflugzeugen am 1.
Januar 1945 die Luftlage im Westen zu wenden, scheiterte verlustreich. Die
Alliierten gaben ihre Luftherrschaft nicht mehr aus der Hand und gingen zum
Gegenangriff gegen den weit nach Westen ragenden Einbruchskeil in den
Ardennen über. Der deutsche Rückzug ab dem 8. Januar kam zu spät, um noch
namhafte Kräfte freizumachen.
Die Vorbereitung der Abwehrschlacht zwischen der Memel im Norden und den
Beskiden im Süden war gründlich und begann schon im September 1944. Die
beiden eingesetzten Heeresgruppen (HGr.) Mitte und A entwarfen ein
ausgeklügeltes Abwehrverfahren. Die Truppe legte drei hintereinander liegende
Stellungen an, wobei die beiden vorderen kurz vor Beginn des Feindangriffs
geräumt werden sollten, um das gefürchtete Vorbereitungsfeuer wirkungslos
verpuffen zu lassen. Die Fronttruppe sollte auf die "Großkampfstellung"
ausweichen und dort, gestützt auf örtliche Reserven, den Angriff abwehren,
während die Artillerie Sperrfeuer auf das geräumte Vorfeld schoß. Käme es
trotzdem zu Durchbrüchen, so war es Aufgabe der gepanzerten Reserven, diese
aufzufangen und abzuriegeln. Das Problem lag darin, daß die höheren
Kommandostellen den bevorstehenden Feindangriff erkennen mußten, um der
Truppe das rechtzeitige Ausweichen zu befehlen. Im tiefen Hinterland hatte
man obendrein mehrere Stellungssysteme angelegt, die von Ostpreußen bis Südpo
len verliefen und der Truppe Rückhalt bieten sollten. Allerdings fehlten Trup
penteile, um diese Stellungen zu besetzen.