Gość: Hermann
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03.03.02, 10:43
Wie im ersten Kapitel gesehen konnten sich die slawischen Reichsbildungen auf
Dauer nicht gegen ihre mächtigen Nachbarn (Byzanz und Osmanisches Reich
einerseits, Ungarn und Hl. Römisches Reich andererseits) behaupten. Nur einem
Staat im östlichen Europa gelang es, sich dauerhaft zu etablieren: Polen.
Andererseits hat kein anderer Staat in seiner Geschichte so viele
Grenzveränderungen erlebt wie Polen.
Polen als Großreich und die Teilungen
Fürst Mieszko aus dem Geschlecht der Piasten einigte um die Mitte des 10. Jh.
die polnischen Stämme und ließ sich 966 taufen. Sein Sohn Boleslaw Chrobry (=
der Tapfere) wurde Polens erster König. Sein Staat erstreckte sich im Westen
bis etwa zu den Flüssen Oder und Neiße. Auf diese Grenze beriefen sich fast
1000 Jahre später polnische Politiker, als sie eine Angliederung dieser Gebiete
an Polen forderten, ein Polen "in den Grenzen des Boleslaw Chrobry".
Die Ausdehnung des Hl. Römischen Reiches nach Osten und der Aufbau des Deutsch-
Ordens-Staates in West- und Ostpreußen machte eine Expansion Polens nach Westen
und Norden schwierig. Es verbündete sich darum mit Litauen, das ein riesiges
Reich nach Osten aufgebaut hatte. Als 1386 die Kronerbin Polens den Großfürsten
Wladyslaw Jagiello von Litauen heiratete, entstand der damals größte Staat
Europas, der von der Ostsee bis fast ans Schwarze Meer reichte. Er wurde
beherrscht von der Dynastie der Jagiellonen.
Zugleich aber gewann im Inneren der Adel, organisiert im Sejm, dem Reichstag,
eine immer stärkere Stellung: Er bekam das Recht der Königswahl, die
Kompetenzen des Königs wurden stark eingeschränkt und Veränderungen der
Verfassung bedurften der Zustimmung des Sejm. Seit die Dynastie der Jagiellonen
1572 erloschen war, wählte der Adel politisch eher schwache Könige, um seine
eigene Stellung nicht zu gefährden.
Die inneren Zerfallserscheinungen machten sich im 18. Jh. die Nachbarn Polens -
Russland, Österreich und Preußen - zunutze. Sie schlossen ein Bündnis, die
Verfassung Polens, d.h. seine innere Zerrissenheit, aufrecht zu erhalten! So
stießen auch die Reformbemühungen des letzten polnischen Königs Stanislaw
August Poniatowski auf deren heftigen Widerstand. Aus Angst, Russland könne das
gesamte Polen unter seine Oberhoheit bringen, schlug Friedrich II. von Preußen
eine Teilung vor, da es ihm vor allem darauf ankam, Westpreußen zu erlangen und
den preußischen Kernstaat mit Ostpreußen zu verbinden. In einem förmlichen
Vertrag von 1772 einigten sich die drei Staaten über die Verteilung der Beute.
Das militärisch machtlose Polen musste tatenlos zusehen und verlor ein Drittel
seines Staatsgebietes.
Unter dem Schock dieser ersten Teilung raffte sich das Land nun zu ernsthaften
Reformen auf. Das Ergebnis war die erste kodifizierte Verfassung Europas - ein
halbes Jahr vor der französischen (Mai 1791). Sie enthielt Prinzipien wie
Volkssouveränität und Gewaltenteilung. Polen hatte sich damit die modernste
Verfassung Europas gegeben. Gerade dies aber weckte - während der Französischen
Revolution - unter den Nachbarn die Sorge, die "Französische Pest" könne sich
bei ihnen ausbreiten. Gegen ein russisches Heer im Verein mit konservativen
polnischen Kräften musste die polnische Armee unter Kosciuszko kapitulieren. Es
kam zur zweiten polnischen Teilung 1793. Auch ein verzweifelter letzter
Aufstand Kosciuszkos scheiterte nach acht Monaten erbitterten Kämpfens. König
Poniatowski wurde zum Rücktritt gezwungen, der letzte Rest Polens 1795 auch
noch geteilt. Polen war von der Landkarte verschwunden.
Polens Wiedergeburt
Im Ersten Weltkrieg hatte der amerikanische Präsident Wilson in seinem 14-
Punkte-Programm die Forderung nach Wiedererrichtung eines polnischen Staates
aufgenommen. Grundlage dieser Forderung war das Prinzip des
Selbstbestimmungsrechts der Völker: Alle Völker Europas sollten frei ihr
Schicksal bestimmen können und keinem anderen unterstellt sein.
Aber wo sollten die Grenzen des neuen Staates verlaufen? Wilson hatte von
einem "Gebiet mit unzweifelhaft polnischer Bevölkerung" gesprochen. Aber ab
wann war ein Gebiet unzweifelhaft polnisch oder unzweifelhaft deutsch? Die
ethnisch verzahnten Siedlungsgebiete ließen eine "saubere" Grenzziehung nicht
zu. Um eigene territoriale Ansprüche in umstrittenen Gebieten zu legitimieren,
versuchte jede Seite, die Bevölkerung als Angehörige der eigenen Nation
darzustellen. Die polnische Seite argumentierte, jeder der polnisch spräche,
sei Pole. Wie problematisch diese Gleichsetzung von Sprache und Volk ist, macht
der Auszug aus Horst Bieneks Roman (vgl. Anhang) deutlich. Ob sich jemand als
Deutscher oder Pole fühlte, war das Ergebnis einer Vielzahl sozialer,
wirtschaftlicher, religiöser, geschichtlicher Faktoren. Quer durch die Familien
bekannten sich die Einzelnen zu verschiedenen Nationalitäten. Die
Sprachzugehörigkeit bedingte nicht notwendig die Volkszugehörigkeit,
Sprachgrenzen deckten sich nicht mit Volksgrenzen. Eine objektive Festlegung
war nicht möglich.
Paradoxerweise haben die Polen ihre territorialen Ansprüche im Osten nach 1918
gerade nicht mit dem Hinweis auf die Sprache legitimiert, sondern mit einem
Bekenntnis zum polnischen Volkstum. Viele nicht polnisch sprechenden Einwohner
wurden so zur polnischen Nation gerechnet. Die Polen bedienten sich also
gegenüber den Gebieten im Osten derselben Beweisgründe, die sie den Deutschen
absprachen.
Der Kampf um die Grenzen
Der Versailler Vertrag legte folgende neue Westgrenze Polens fest: die
Provinzen Posen (mit 34% deutscher Bevölkerung) und Westpreußen (42%) wurden
ohne Volksabstimmung zu Polen geschlagen, obwohl man hier nicht von
einer "unzweifelhaft polnischen Bevölkerung" sprechen konnte, Danzig zu einem
Freistaat unter Verwaltung des Völkerbundes erklärt. Damit war der polnische
Korridor entstanden, Grundlage neuer Konflikte. Dagegen wurden in Oberschlesien
und dem südlichen Teil Ostpreußens (Masuren) Volksabstimmungen durchgeführt.
Die Abstimmung in Masuren erbrachte ein Votum für Deutschland mit beinahe 98%
und widerlegte damit die Anschauungen vom polnischen Charakter der Masuren, die
sich selbst vielmehr als polnisch sprechende Deutsche ansahen. Die Abstimmung
in Oberschlesien im März 1921 ergab 60% für Deutschland, 40% für Polen. Dies
führte nach zwei bereits vorangegangenen erfolglosen Aufständen zum dritten und
blutigsten polnischen Aufstand in Oberschlesien. Trotz des positiven Votums
wurden die östlichen und südlichen Gebiete, in denen die Mehrheit für Polen
gewählt hatte, von Oberschlesien abgetrennt. Oberschlesien verlor damit 80%
seines Industriegebietes.
Als Ostgrenze Polens hatten die Alliierten die so genannte Curzon-Linie (nach
dem englischen Außenminister Lord Curzon) vorgeschlagen, die in etwa der
heutigen Ostgrenze entspricht und über weite Strecken entlang des Flusses Bug
verläuft. Doch die Polen waren damit nicht zufrieden. Sie hatten bereits das
früher zur Donaumonarchie gehörige Galizien besetzt und in weiteren Kriegen
gegen die Sowjetunion erweiterte Polen seine Grenzen weit nach Osten, wo die
Masse der Bevölkerung nicht-polnisch war. Das Polen der Zwischenkriegszeit war
ein Vielvölkerstaat.
Nationalitätenpolitik und Vertreibung
Im 19. Jh. vergiftete der Nationalismus zunehmend das Verhältnis der Völker
zueinander. So betrieb das jeweils herrschende Volk in den Vielvölkerstaaten
Osteuropas Assimilierungspolitik gegenüber den eigenen Minderheiten, z.B. durch
Einführung seiner Sprache als alleiniger Geschäfts- und Unterrichtssprache
(siehe Auszug des Romans). Die neugegründeten Staaten nach dem Ersten
Weltkrieg - Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien - hatten aber
nun ihrerseits bedeutende nationale Minderheiten und verhielten sich ihnen
gegenüber nicht anders. Und zunehmend basierte die Politik nicht mehr auf
Assimilierung, sondern a