IP: *.dip.t-dialin.net 06.06.02, 16:28
Der gewollte Krieg der USA

Eine ökonomische Analyse


Die Kriegsvorbereitungen der US-Regierung nach den Angriffen auf die Symbole
ihrer ökonomischen und militärischen zeigen das ganze Ausmaß der inzwischen
erreichten Militarisierung der Außenpolitik. Kriege sind spätestens seit den
Militärschlägen gegen den Irak und Jugoslawien ein tolerables Mittel der
Politik.

In den gegenwärtigen Kriegsvorbereitungen, die sich nach Ausrufen des Nato-
Bündnisfalls auf Deutschland erstrecken, zeigen sich zwei Fronten: eine innere
und eine äußere. Zu der inneren Front gehören die zahlreichen Kundgebungen,
nicht zuletzt die Veranstaltungen vor dem Brandenburger Tor am vorigen Freitag,
auf denen unter Anleitung hochrangiger Staatsfunktionäre (u.a. Rau, Schröder,
Fischer) nationale Solidarität geübt wurde. Eine besondere Rolle spielen die
Medien, die seit Beginn der Angriffe zu einer solchen Einheitsfront getrommelt
haben. Die Botschaft ist immer die gleiche und läßt sich treffend mit den
geflügelten Worten Wilhelm II. zusammenfassen, mit denen er die nationale
Solidarität zu Beginn des Ersten Weltkrieges einforderte: "Ich kenne keine
Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Worauf die Sozialdemokratie brav
erwiderte: "Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich".
In Amerika tritt aller Parteienstreit zurück, alle Verfassungsorgane legen ihre
Macht in die Hand des Präsidenten.

Die innere Front muß fest stehen, wenn die Schmerzen des Krieges eintreten.
Dazu zählen nicht nur die zu erwartenden blutigen Opfer, auch die ökonomischen
Lasten muß die Heimatfront wegstecken können. Präsident Bush darf 20 Mrd. $ auf
Kosten der "kleinen Leute" zusätzlich ausgeben, größere Summen mit entsprechend
größeren Opfern könnten schon bald folgen. Um dies ohne Aufruhr zu ertragen
bedarf es einer nationalen Sonderbehandlung, eines ausgeprägten Patriotismus
mit vielen amerikanischen Nationalflaggen an den Häusern all der Opferbereiten.
Deren Herzen müssen für die "große nationale Sache" schlagen, wenn die Söhne
oder Väter auf den künftigen Kriegsschauplätzen abgeschlachtet oder wenn das
Volk in den heimatlichen Arbeitshäusern der Konzerne verheizt wird.

Die äußere Front scheint sich auf die Bekämpfung des Terrorismus zu
konzentrieren. Dies ist zumindest der offizielle Ausgangspunkt, der Anlaß für
die Kriegsvorbereitungen. Darin liegt nichts Besonderes: Bereits der Erste
Weltkrieg entzündete sich an einem Terrorakt, dem der österreich-ungarische
Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin zum Opfer fielen. Den
deutschen Faschisten dienten die angeblichen Terrorakte der Polen gegen die
Deutschen (als Höhepunkt wurde der "Bromberger Blutsonntag" gesehen) und
schließlich der selbst inszenierte Überfall auf den Sender Gleiwitz als
Ausgangspunkte ihrer schrecklichen Mission. Der Überfall auf Polen wurde als
Verteidigungsakt verschleiert. ("Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen. Und von
jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten..Ich werde diesen Kampf...so lange
führen, bis die Sicherheit des Reiches und seine Rechte gewährleistet sind".
Hitler am 1. Sept. 1939)

Die heutigen propagandistisch aufgebauten "Terroristen" wie Bin Laden sind
wichtig für die Kriegsstrategie, das Volk zu Mitmachen zu bewegen, taugen aber
nicht, den eigentlichen Kriegsgrund zu entschlüsseln. Wie überall in der
Politik spielen auch hier die wirtschaftlichen Interessen eine zentrale Rolle.

Eine ökonomische Analyse des Krieges stößt sehr schnell auf das Kapital, das
den Krieg in seiner Bewegungsform auf vielfältige Weise einschließt. Da ist
erstens der Krieg der Klassen, der sich als Kampf um höhere Löhne, um
Arbeitszeitverkürzung, um Erhalt der Arbeitsplätze und schließlich als Kampf
gegen die gesamte Lohnsklaverei zeigt. Zweitens steht jedes Kapital mit einem
anderen im Krieg, toben Übernahmeschlachten zwischen den Konzernen, werden
Feldzüge geplant, um den lästigen Konkurrenten auf den Absatzmärkten
zurückzudrängen. In dieser kriegerischen Welt des Kapitals gibt es zwei Punkte
der Solidarität: einerseits im gemeinsamen Kampf gegen die Lohn- und
Gehaltsempfänger einschließlich deren Ersatzleute (Arbeitslose), welche den
gesamten Reichtum zwar schaffen, jedoch möglichst wenig davon bekommen sollen,
da der Profit der Unternehmer im umgekehrten Verhältnis zum Lohn/Gehalt steht,
andererseits im Kampf gegen die Interessen ausländischer Kapitale. Hier nun
liegt drittens die eigentliche ökonomische Ursache aller moderner
zwischenstaatlicher Kriege.

Gemeinsam wollen die Kapitale eines Landes den Erhalt und die Ausweitung
profitabler Absatzmärkte im Ausland, spannen ihre Politiker für die Öffnung
ausländischer und den Schutz heimischer Märkte ein, begehren preisgünstige
Rohstoffe etc. Die verschiedenen Länder treten in ein Konkurrenzverhältnis, in
den Handelskampf, der nicht nur Schutzzölle beinhaltet sondern zu Handelskriege
oder selbst zu militärische Gewalt führt.

Hier nun kommt ein wichtiger ideologischer Zusammenhang herein, der unbedingt
erforderlich ist, um das Volk zum Mitmachen für die Interessen der vermögenden
Minderheit zu bewegen. Der schmutzige Krämergeist des gegenüber dem Ausland
punktuell vereinten Kapitals erhält die höhere Weihe eines gemeinschaftlichen,
allgemein menschlichen Anliegens. Die US-Amerikaner verwenden dafür gern
Begriffe wie Freiheit und Menschenrechte, die es gelte, rund um den Globus zu
tragen; faktisch meinen sie ihre Waren bzw. ihr Kapital, das überall hin soll,
um sich möglichst viel Profit anzueignen. Dies bildet zum einen die
ideologische Form, zum anderen den ökonomischen Inhalt des amerikanischen
Nationalinteresses. Vergleichbares gilt natürlich für die übrigen Nationen.

Die politische Ökonomie des bevorstehenden US-Kriegs verweist also auf die
ökonomischen Interessen der USA, in erster Linie auf die Ölquellen des
mittleren Ostens, aber auch auf die Absatzmärkte in Fernost, von denen Amerika
durch den Aufstieg Chinas allmählich herausgedrängt wird. Rohstoffe wie z.B. Öl
sind zentral, nicht nur für eine reibungslose Kapitalakkumulation sondern
ebenso für die Profitrate, deren Höhe im umgekehrten Verhältnis zum Preis der
Rohstoffe steht.

Die US-Regierung hat deshalb nicht ohne Grund Bin Laden zum eigentlichen
Übeltäter aufgebaut. Er eignet sich aufgrund der internationalen Präsenz seiner
allerdings sehr bescheiden ausgerüsteten Befreiungskräfte ganz ausgezeichnet,
um militärische Interventionen in jeder ökonomisch gewünschten Region zu
rechtfertigen. Afghanistan könnte aufgrund der Nähe zu den Ölquellen, der
strategisch günstigen Lage an der Südflanke Rußlands und der Nähe zu China ein
wichtiges Aufmarschgebiet bilden.

Wie auch immer die geopolitischen Strategen in Washington entscheiden, der
bereits angekündigte US-amerikanische Feldzug wird mit großer Sicherheit andere
Länder herausfordern, die dann um ihr bisheriges Einflußgebiet bangen und zur
Wahrung ihrer globalen Interessen Gegenmaßnahmen einleiten werden. Erst einmal
in die globale ökonomische Konkurrenz gestaltend eingetreten, wird der Krieg zu
einem allgemein verwendbares Mittel, das jedes Land schon zur Abwehr
kriegsbedingter Verschlechterung der Konkurrenz einsetzen muß. Die gegenwärtige
US-Kriegspolitik schafft also wichtige Voraussetzungen für einen Dritten
Weltkrieg.

Nur eine entschlossene Antikriegsbewegung könnte die absehbare Barbarei des
Krieges aufhalten. Es genügt dabei nicht, die Rückkehr des "Friedens"
einzufordern. Der Krieg wäre nur auf sein normales Maß zurückgestutzt, ohne daß
die Gefahr einer Kriegsspirale ausgeräumt wäre. Der Krieg der Klassen ginge
ebenso weiter wie die permanenten Handelskriege innerhalb und zwischen den
Ländern. Das Kapitalverhältnis selbst als universeller Kriegsgrund steht zur
Disposition.



Autor: Günther Sandleben, Berlin, 16.09.200
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    • Gość: Sascha Re: Krieg IP: *.dip.t-dialin.net 06.06.02, 16:43



      Autor: Günther Sandleben, Berlin, 16.09.2001
      Quelle: © Philosophischer Salon
      www.kalaschnikow.de
      Update: Berlin, Di., 18.09.2001

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