ballest
08.04.06, 11:02
"TOD IM GAZA-STREIFEN
Gericht erklärt Doku-Filmer zum Mordopfer der israelischen Armee
Von Sebastian Borger, London
James Miller drehte vor drei Jahren im Gaza-Streifen einen Film über
palästinensische Kinder, als ihn eine tödliche Kugel traf. Ein Londoner
Gericht stellte nun fest, dass es sich um keinen Unfall handelte. Millers
Witwe beklagt israelische Lügen und britische Saumseligkeit.
In der Nacht, als ihr Mann starb, ging Sophy Miller früh zu Bett. Die junge
Mutter des knapp dreijährigen Alexander und des sechs Monate alten Säuglings
Charlotte hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Als mitten in der Nacht
das Telefon läutete, wollte sie erst gar nicht antworten. "Aber dann schaute
ich auf den Wecker und merkte, dass da was nicht stimmte." Am anderen Ende
der Leitung war eine Freundin und Kollegin ihres Mannes mit der
Nachricht: "James ist tot."
Getty Images
Witwe Sophy Miller: "Merkte, dass da was nicht stimmte"
Knapp drei Jahre nach der schrecklichen Nacht zum 3. Mai 2003 hat Sophy
Miller wieder geweint. Aber diesmal waren es keine Tränen der Trauer, sondern
des Zorns und der Erleichterung. Einstimmig hat die Jury des Zentral-Londoner
Untersuchungsgerichts von St. Pancras Ende dieser Woche den renommierten
Dokumentar-Filmer James Miller, 34, zu einem Mordopfer erklärt -
"unrechtmäßig getötet" durch einen Leutnant der israelischen Armee im
Flüchtlingslager von Rafah. Es sei ein bedauerliches Faktum, fügt die Jury-
Sprecherin noch hinzu, "dass die israelischen Behörden diese Untersuchung
nicht unterstützt haben". Der Untersuchungsrichter hat einen Brief an den
Generalstaatsanwalt Lord Goldsmith angekündigt. Dieser muss nun prüfen, ob
die Anklagebehörde ein Verfahren gegen Leutnant Haib einleiten und dessen
Auslieferung beantragen soll.
Der Fall des erschossenen Journalisten beleuchtet nicht nur die
Leichtfertigkeit, mit der israelische Soldaten im Frühjahr 2003 Menschenleben
aufs Spiel setzten oder gar auslöschten. Die anschließenden Untersuchungen
sind auch ein Musterbeispiel dafür, wie ein Rechtsstaat seine Glaubwürdigkeit
verspielen kann - und wie die britische Regierung im Nahen Osten Realpolitik
praktiziert. Dabei müsste der Genfer Konvention zufolge, argumentiert Millers
Anwältin Louise Christian, die Tötung des unbewaffneten Dokumentarfilmers als
Kriegsverbrechen gelten.
"Genau und gründlich ins Visier genommen"
Fast ein Jahrzehnt lang hatte James Miller aus verschiedenen Kriegsgebieten
berichtet - aus Algerien, Tschetschenien und Afghanistan. Kollegen wie der
BBC-Reporter Fergal Keane erlebten ihn als "sensiblen und nachdenklichen
Journalisten, keinen Kriegs-Junkie". Im Gaza-Streifen spürten Miller und
seine langjährige Arbeitskollegin Saira Shah dem Alltag dreier
palästinensischer Kinder nach - das Ergebnis, der TV-Film "Tod in Gaza",
erhielt später drei Emmy-Preise.
Am Abend des 2. Mai 2003 verließ das Kamerateam gegen 23 Uhr das Haus einer
Palästinenser-Familie und näherte sich einem gepanzerten Fahrzeug der
israelischen Armee. Miller trug eine weiße Fahne und beleuchtete sie mit
einer Taschenlampe. Plötzlich peitschten einzelne Schüsse durch die Nacht.
Der zweite Schuss traf den Briten tödlich. Unmittelbar nach dem Zwischenfall
behauptete ein Armee-Sprecher, Miller sei ins Kreuzfeuer zwischen Israelis
und Palästinensern geraten und durch einen Querschläger in den Rücken getötet
worden. Doch die Obduktion ergab: Miller starb durch einen einzigen gezielten
Schuss von vorn in den Hals. "Da hat ihn jemand genau und gründlich ins
Visier genommen und getötet", sagt Millers Witwe Sophy. "Das ist am
schwersten zu ertragen." Bis die israelische Regierung aber zugab, dass ein
israelisches Projektil den unbewaffneten Journalisten getroffen hatte,
vergingen Wochen.
AFP
James Miller in Rafah: Getötet von der israelischen Armee
Der Versuch, die Schuld an Millers Tod auf die Palästinenser abzuwälzen, war
der Anfang einer langen Reihe von Merkwürdigkeiten. Dass die Familie auf der
Anwesenheit eines britischen Gerichtsmediziners bei der Obduktion bestand,
hielt der britische Botschafter in Jerusalem für "eine Verschwendung von
Steuergeldern". So besagt es ein Telefonprotokoll von James Millers
Schwester, der Rechtsanwältin Anne Waddington, das dem Untersuchungsrichter
vorlag. Wenige Tage nach dem Todesschuss wurde der Tatort planiert. Erst nach
wochenlangem Drängen durch den Anwalt der Millers ließ die israelische
Militärstaatsanwaltschaft die Waffen der beteiligten Soldaten einziehen. Die
Vernehmung der britischen Augenzeugen fand mit zweimonatiger Verzögerung
statt. Einer Palästinenser-Familie, deren Zeugenaussagen den Tathergang
bestätigten, drohten israelische Soldaten "mit der Zerstörung ihres Hauses",
sagt Sophy Miller.
Die "gründliche und intensive Untersuchung", so ein Armee-Sprecher, durch die
israelische Militärpolizei dauerte beinahe zwei Jahre. Ergebnis: Der
Kommandeur der Patrouille vor Ort, Leutnant Haib, hatte sein Gewehr
abgefeuert und dabei "gegen die Richtlinien der Armee verstoßen". Es sei aber
nicht möglich gewesen, das Gewehr und die tödliche Kugel in zweifelsfreien
Zusammenhang zu bringen.
Ein Streit ums Geld
Der militärische Generalstaatsanwalt, Brigadegeneral Avichai Mandelblith, sah
deshalb im März 2005 von einer Anklage ab, ordnete aber ein
Disziplinarverfahren gegen Leutnant Haib an. Dieses wurde binnen weniger
Wochen niedergeschlagen, Mandelbliths Einspruch abgewiesen.
Unterdessen hatte der Richter in London seine eigene Untersuchung eröffnet.
Dafür verweigerten ihm die israelischen Behörden jede Zusammenarbeit. Der
britische Außen-Staatssekretär Kim Howells zeigte sich "nicht überrascht" vom
Ausgang der Untersuchung. Die Regierung sei "enttäuscht" über das Verfahren
in Israel. "Wir unterstützen James' Familie bei ihrem Antrag auf eine
Entschädigungszahlung." Womit der Tod des jungen Dokumentarfilmers auf einen
Streit ums Geld reduziert wäre.
Das sieht die Familie anders. James' Vater Geoffrey Miller diente 33 Jahre
lang in der britischen Armee, zuletzt als Oberst. Seine Regierung, sagt der
alte Herr, habe sich "vollkommen gleichgültig und ineffizient" verhalten. Sie
selbst hätten ja genug Unterstützung bekommen, um den Fall auszufechten, fügt
James' Mutter Eileen hinzu. "Die Palästinenser können das nicht, und es hat
Hunderte von Toten gegeben unter den Palästinensern."
No i co Wy na to?