arnold7
27.04.04, 23:35
Im Volkslied klingt und singt die Seele einer Landschaft und ihrer Bewohner.
In ihm spiegeln sich Denken und Fühlen unmittelbar und unverfälscht wider, so
dass man daraus wie aus einer Charakterkunde seine Eigenschaften, seine
Lebensgesinnung, seine Beziehungen zur Umwelt und den Mitmenschen geradezu
ablesen kann. Hierbei ist dann noch die Feststellung besonders
aufschlussreich, welche Lieder sich erhalten haben und in vielfältiger
Neufassung immer wieder gern gesungen werden. Und man möchte meinen, dass
sich mit diesen Liedern auch die Beständigkeit der Charakterwerte des
schlesischen Menschentums in der Vertreibung erweist und sich weiter beweisen
wird. Es sind zwar nicht mehr viele Lieder aus dem großen vergangenen
schlesischen Volksliedgut, die im lebendigen Bewusstsein unserer Landsleute
leben und gesungen werden, aber diese wenigen sind dafür um so
kennzeichnender. Recht erfreulich ist die Feststellung, dass die schlichte,
herbkeusche Innigkeit und Heimatgläubigkeit des Liedes "Und in dem
Schneegebirge von keinem der vielen sentimental-süßlichen
Riesengebirgslieder, die nach ihm, vor allem um und nach der letzten
Jahrhundertwende entstanden sind und als Heimatlieder starke Verbreitung
fanden, nicht verdrängt werden konnte. Es ist im Gegenteil das einzige, das
auch immer wieder in den Liederstunden nicht schlesischer Chöre zu hören ist.
Von "Lieb und Treu" singt der Schlesier nicht in selbstverzehrender
Leidenschaft. Er wirbt um die Liebste mit zärtlicher Poesie. Er trifft
sie ‚In meines Vaters Garten" oder "Gestern Abend im Mondenschein' Auch
versteckt er das süße Erlebnis geheimnisvoll lächelnd in ein Gleichnis wie
das Lied "Es stand ein Bäumlein im tiefen Tal" . Untreue lässt ihn keineswegs
hoffnungslos verzweifeln. Unerwiderter Liebe begegnet er mit Stolz und weiß
sich bald zu trösten. Sein Verzicht ist schnell und klar, wie es der
tanzmäßige Zwiegesang "Rosel, wenn du meine wärst" verrät. Seine Freude am
Leben ringt sich immer wieder durch. Deshalb haben sich bezeichnenderweise in
erster Linie die Geselligkeitslieder erhalten. Lob und Preis des Essens und
Trinkens stehen ihnen obenan. In dem vielgesungenen "Schlesischen
Bauernhimmel" malt er sich in echt barocker Sinnenfrohejt die leiblichen
Genüsse, die ihn nach dem Tode erwarten, fast wie die ewigen Seligkeiten aus.
Und er weiß auch, dass sich darin alle Mitmenschen ohne Unterschied des
Ranges gleichen, denn nach seiner Meinung müssen alle in das "Himmelloch
hinein", wie es in dem Liede "Der Fleischer mit der Fleischbank" heißt.
Bereits die schlesischen Kinder sangen ja schon im Kanon "Kasabrut, doas
schmeckt gott, oan a Kannla Bier drzune, doas schmeckt gutt' Verschmitzt
lächelnd gibt er auch heute noch immer wieder zu, dass er "immer vor awink
bemm Kratschn schtin geblieben ist",,,wann er Sunntichs ei de Kerche ging':
Und so wünschte er sich auch immer: "Wenn ock immer Kermes wär, on der Bauch
voll Kucha wär': Die Kirmes war ja doch eine der wichtigsten Stationen im
Jahresablauf des schlesischen Bauern. Und in der geselligen Runde blühte auch
die echte schlesische Fröhlichkeit, der Humor, der so gern Spott trieb. Den
Grottkauern hängt das Lied von ihrer "Vasper" noch an. In der Grafschaft
Glatz wurde der Stadt Neurode in dem Lied "Wie giehts denn ei dam Schtaatla
zu do druwa zu Neurode" wenig schöne Dinge nachgesagt. In den heute ebenfalls
noch bekannten und gesungenen Liedern "Es saß ein Käfer aufm Bäumel" und in
der beliebten "Vogelhochzeit" sucht er im Naturleben humorvolle Gleichnisse
für seine eigenen Wünsche und Hoffnungen. Unvergessen ist auch die lustige
Geschichte von unsrem "Bruder Malcher", der gern ein Reiter werden wollte.
Aber der Schlesier sang nicht allein vom fröhlichen Leben. Viele Ständelieder
zeugten auch von seinem Arbeitsstolz und seiner Arbeitsfreude. Die
gesellschaftlichen Veränderungen haben viele von diesen Liedern vergessen
lassen, auch die vielen Weberlieder, die von der Mühsal ihrer Arbeit
berichteten, und die frohen Maurerlieder, die von der Freude an ihrem
Handwerk zeugten. Gesungen wird noch das selbstbewusste Bauernlied "Im Märzen
der Bauer", in dem sich der Schlesier der hohen Bedeutung seines
Bauernstandes bewusst bleibt, und die verschiedenen Bergmannslieder, die
gerade dem Oberschlesier besonders teuer in der Erinnerung an den Wert ihrer
Heimat sind. Zu erwähnen wären noch manche Brauchtums jeder, wie
das ‚Sommersingen", das unsere Kinder mitgebracht und an vielen Orten der
neuen Heimat wieder zur beachteten volkstümlichen Übung eingeführt haben.
Noch manches Lied aus unserem reichen Schatz wartet auf seine
Wiedererweckung, damit es von echtem schlesischen Wesen künde.