laband
09.11.04, 08:25
Wanderrednerin der SPD
Die Frauenrechtlerin Agnes Wabnitz
Von Klaus Kühnel
Ein kleines Mädchen, eine Gastwirtstochter im oberschlesischen Gleiwitz in der
Mitte des 19. Jahrhunderts, hat einen sehnlichen Wunsch, den sie immer wieder
in ihr Abendgebet einschließt: Lieber Gott, gib mir Verstand. Was wird aus so
einem Kind, das so genau weiß, was gut sein muss? Es interessiert sich für
Politik, für sozialistische Ideen, jedenfalls damals. Agnes Wabnitz, so hieß
das Kind, wurde eine berühmte Agitatorin der SPD in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts. Am vergangenen Sonnabend vor 110 Jahren starb sie.
Hier ruht unsere unvergeßliche Genossin Agnes Wabnitz, geboren: 10. Dezember
1842, gestorben: 28. August 1894.
Edelsinn, Biederkeit war deine Zier,
Wahrheit, Gerechtigkeit hieß dein Panier.
Ob du im Grab auch liegst
Es klinget fort und fort
wacker dein Losungswort
Freiheit du siegst!
Nein, geboren ist sie nicht am 10. Dezember des Jahres 1842, wie es auf ihrem
noch erhaltenen Grabstein steht, das richtige Geburtsdatum von Agnes Wabnitz
ist der 10. Dezember 1841, ein Freitag. Es ist einer Biographie zu entnehmen,
die noch im Sterbejahr 1894 erschienen ist und von Bertha Glogau geschrieben
wurde, einer Freundin der Verstorbenen. Bestätigt wird diese Angabe in der
Weihnachtsausgabe 1841 "Des oberschlesischen Wanderers", der Gleiwitzer
Heimatzeitung. Dort wird unter der Rubrik "Geburten. Heirathen. Todesfälle."
berichtet
Gleiwitz. Gastwirt Wabnitz eine Tochter, Agnes, geboren den 10. Dezember 1841.
Wie das falsche Datum auf den Grabstein gekommen ist, kann heute nicht mehr
geklärt werden, aber fest steht: Agnes Wabnitz erblickte 1841 das Licht der
Welt. In Gleiwitz, wie gesagt, seit 99 Jahren im Besitz Preußens. Friedrich
II. hatte die Stadt damals "ins Reich geholt". Die meisten Einwohner waren
Katholiken. Protestanten und Juden bildeten Minderheiten, wurden toleriert und
lebten in Frieden nebeneinander. Jedenfalls werden von christlichen Eltern im
oberschlesischen Wanderer immer wieder Hauslehrer "gern auch jüdischen
Glaubens" gesucht, was wohl nicht der Fall ist, wenn man wie Hund und Katz
miteinander verkehrt. Die oberschlesische Metropole liegt an dem Flüsschen
Klodnitz, durch einen gleichnamigen Kanal erweitert.
Von den äußeren Vorgängen ihres jungen Lebens hat mir Agnes nur einen erzählt,
mit dem leisen, ein wenig melancholischen Schelmenlächeln, das ihr so gut
stand. Als sie einst auf dem Rückweg aus der Schule nach ihrer Gewohnheit
tanzend und kreiselnd die Klodnitz-Brücke passierte, fiel sie in den Kanal.
Ein Jude wurde ihr Lebensretter. Die dankbaren Eltern ließen an der
Uferstelle, wo Held und Kind gelandet waren, ein schönes Kreuz errichten, und
die katholische Bevölkerung der umliegenden Dörfer wallfahrte zu seiner
Einweihung. "Ich selber protestantisch, der gute Retter mosaisch, und für uns
Beide brachten römische Christen dem unbekannten Gotte Dankgebete! Es ist mir
zum Symbol geworden. Meine Seele hat später an allen drei Konfessionen
herumgegrübelt, bis sie in der Anschauung unserer frei-religiösen Gemeinde
Ruhe fand."
Leider gibt es für diese schöne und ergreifende Variante der Lessing' schen
Ringparabel aus der Biographie von Agnes Wabnitz keine sonstige Bestätigung.
Als Kind freilich hat Agnes zum "lieben Gott" der Evangelischen gebetet, und
zwar in merkwürdiger Wiederholung stets das Eine: Gib mir Verstand! "Diese
eine Gebets-Erhörung hab ich freilich erlebt, sagte sie zu mir, bald nach
meines Vaters frühem Tode verloren wir Haus und Vermögen, und der Verstand,
nach dem ich mich immer gesehnt hatte, war plötzlich da.
Als Mantelnäherin kam sie um 1870 nach Berlin, Agnes Wabnitz wohnte im
Haushalt ihres jüngeren Bruders, der sich und seine Familie inzwischen als
fliegender Buchhändler, als so genannter Kolporteur, durchs Leben schlug.
Der Kolporteur Wabnitz hatte sich während der Zeit des Sozialistengesetzes
illegal für die Partei engagiert, hatte Pamphlete verteilt, Geld gesammelt und
Versammlungen abgehalten, war verraten und der Stadt verwiesen worden.
Schwester Agnes füllte die entstandene Lücke in der Parteiarbeit aus. Ging
das? Die Historikerin Dr. Christl Wickert gibt darauf folgende Antwort:
Das ist ein gängiges Phänomen, dass in Zeiten der Verfolgung und illegaler
Tätigkeit Frauen dann die Position von Brüdern, Ehemännern, Vätern ersetzt
haben. Das hatte einen ganz großen Vorteil: Da die Verfolgungsbehörden
zunächst Frauen ja auch nicht für politisch eigenständige Wesen für voll
genommen haben, haben sie sie ja auch nicht verfolgt, weil sie sich nicht
vorstellen konnten, dass sie Flugblätter verteilen, dass sie agitieren und so
weiter. Das heißt, es war für Frauen leichter, Dinge zu erreichen in der
Illegalität als für Männer - zumindest teilweise.
Die Karriere der wandernden Parteirednerin Agnes Wabnitz begann übrigens mit
einem Misserfolg:
Das war bei der Sedanfeier im Jahre 1880. Ich sagte unter anderem: Es kann der
deutschen Mutter ebenso wenig gleichgültig wie der französischen sein, wenn
ihr Sohn auf dem Schlachtfelde verblutet.
Agnes Wabnitz wurde ausgepfiffen, denn das war Verbrüderung mit dem Feind,
jedenfalls selbst in den Augen vieler Sozialdemokraten damals. Für Agnes
Wabnitz war es nicht so: Ihr Feind konnte niemals ein Arbeiter sein, egal,
welcher Religion oder Rasse er angehörte. Bald waren ihre Startschwierigkeiten
überwunden. Agnes Wabnitz hielt überall in Deutschland stark beachtete Reden,
begeisterte große Massen, denn sie sprach aus, was die Menschen dachten:
Die kapitalistische Produktionsweise wüthet ärger als Löwen und Hyänen, denn
sie verschlingt ihre eigenen Kinder,
hatte sie beispielsweise in Frankfurt am Main gewettert und dabei auf "Die
Solidaritätspflicht der Arbeiter" hingewiesen, weshalb sie wegen Beleidigung
und Verrufserklärung zu drei Tagen Haft verurteilt wurde. Kaum aus dem
Gefängnis entlassen, war sie schon wieder eingekerkert. Diesmal hatte sie die
Frauen ermuntert, einen eigenen Verein zu gründen, gleichen Lohn für gleiche
Arbeit zu fordern, den Neun-Stunden-Tag und eine gesetzliche Regelung dafür
verlangt. Der Verein war zwar gegründet aber schon zwei Monate später wieder
verboten worden: Es stand Frauen damals nicht zu, sich politisch zu betätigen
und Forderungen nach gesetzlicher Regelung war "politische Betätigung". Der
"Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" habe eine politische
Zielsetzung und verstoße schon deshalb gegen geltendes Vereinsrecht,
behauptete die Staatsanwaltschaft und Agnes Wabnitz wurde wieder verurteilt.
Diesmal zu acht Tagen, verweigerte jede Nahrungsaufnahme, denn sie hatte ihrer
Mutter geschworen:
Lieber eines Hungertodts zu sterben als jemals Gefängnißkost zu essen.
Trotz ihrer ständigen Reden und mehreren Vereinsgründungen wissen wir nicht,
ob Agnes Wabnitz eingeschriebenes Mitglied der SPD war:
Bis 1891 war es auch nicht möglich, dass Frauen in der SPD Mitglied waren.
Erst mit den Beschlüssen des Erfurter Parteitages war es -trotz eben des
preußischen Vereinverbotes- Frauen möglich, dass sie inoffiziell
Parteimitglied wurden und auch als solches geführt wurden. Damit war die SPD
überhaupt die erste politische Partei in Deutschland, die Frauen die
Mitgliedschaft ermöglicht hat. Sozialdemokratinnen oder Frauen, die sich als
solche verstanden haben, waren bis dahin eben nicht Parteimitglied oder aber
sie wurden unter den Namen ihres Ehemannes aufgenommen und als solches geführt.
Immer wieder griff Agnes Wabnitz in ihren Reden das unchristliche Verhalten
der Kirche an:
Hoch verehrt wird die Jungfrau Maria mit ihrem unehelichen Sohn Jesus, aber
wenn die Arbeiterin ein Kind vor der Ehe bekommt, läuft sie Spießruten in der
Kirche und wird verstoßen.
Allein dieser Satz hätte ausgereicht, ein neues Gerichtsverfahren gegen Agnes
Wabnitz einzuleiten. Verächtlichmachung der Kirche und Gotteslästerung hieß