Gość: Ballest
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20.06.02, 13:07
OPPELN, 16. Juni. Was wäre, wenn der neue Fachmann für das Toreschießen in der
deutschen Fußballnationalmannschaft, "Miro" Klose, gebürtig aus Oppeln (Opole),
in Polen geblieben wäre? Würde er dann in der polnischen Nationalmannschaft
spielen? Weil seine Eltern in den achtziger Jahren aus Polen ausreisten und für
sie galt, was für viele Oberschlesier und insbesondere für die
Menschen in der Oppelner Region gilt, nämlich daß sie deutsche Verwandte oder
Vorfahren haben, spielt Klose mit deutschem Paß für Deutschland. Der polnischen
Zeitung "Gazeta Wyborcza" sagte Klose dieser Tage freilich, daß er, dessen
Vater einst in der polnischen Jugendnationalmannschaft gespielt hatte, nur
ungern gegen Polen anträte, weil in seinen Adern polnisches Blut fließe.
Polnisch kann er auch, und es soll immer wieder auch Kontakte zum polnischen
Fußballverband gegeben haben über die Frage, ob Klose vielleicht doch für die
Polen spielen solle.
Der Zeitung der deutschen Minderheit im Oppelner Land,
dem "Schlesischen "Wochenblatt", hatte der junge Mann aber schon vor Monaten
anvertraut, daß er am besten mit dem "Slonsakischen" zurechtkomme, also mit dem
Dialekt der Oberschlesier, der
polnische und deutsche Bestandteile hat und von manchen auch "Wasserpolnisch"
genannt wird. Ganz so einfach ist es mit der
nationalen Zuordnung von Oberschlesiern also nicht. Zum Glück für die Menschen
wird die Debatte darüber aber längst nicht mehr so verbissen geführt wie noch
vor einigen Jahren oder gar mit Waffengewalt ausgetragen wie im vergangenen
Jahrhundert. Seit der Wende hat die Debatte, wer Deutscher und wer Pole sei in
Oberschlesien, eine neue Qualität erlangt. Das Bekenntnis zur deutschen
Volksgruppe ist demnach Sache des einzelnen Bürgers, und der Staat hat sich zum
Schutz der minderheitenrechte verpflichtet. Klose hätte theoretisch daher wohl
auch dann in der polnischen Nationalmannschaft spielen können, wenn er
geblieben wäre und sich zur deutschen Minderheit bekannt hätte.
Immerhin bleibt allen Oppelnern, daß einer aus der Region, einer von ihnen,
weltweit für Aufsehen sorgt. Insgeheim erhofft man sich bei der deutschen
Minderheit aber, daß deutsche Spitzenpolitiker - dieser Tage wird Kanzler
Schröder im benachbarten Breslau
Wroclaw) erwartet - "auf dem Umweg über Klose" das nach Helmut Kohl rapide
gesunkene Interesse an den Deutschen im Oppelner Land, wo die deutsche
Minderheit kompakt siedelt, wiedergewinnen. Denn was man, so einer der beiden
deutschen Abgeordneten im polnischen Parlament (Sejm), Heinrich Kroll, dringend
benötige, sei moralische Unterstützung und
Zurkenntnisnahme von deutscher Seite. Mehr noch als materielle Zuwendungen zum
Wiederaufbau der deutschen Kultur. Sogar die
Polen, deren Politiker, wenn sie in Litauen sind, nicht versäumen, sich mit
Vertretern der polnischen Minderheit zu treffen, verstünden es nicht, daß
deutsche Spitzenpolitiker in der Regel einen Bogen um die Minderheit machen,
wenn sie nach Polen reisen. Dem Ansehen der deutschen Minderheit bei den Polen
und ihrem Bemühen, nicht nur toleriert, sondern als normaler Bestandteil des
politischen Lebens anerkannt zu werden, diene das nicht.
Trotz der immer mal wieder auflebenden Reibereien zwischen Mehrheit und
Minderheit auf lokaler oder regionaler Ebene wegen der
Aufschriften auf Kriegerdenkmälern oder im Zusammenhang mit dem Gedenken an die
Geschehnisse nach dem Ersten Weltkrieg, als
Oberschlesien geteilt wurde, ist die Minderheit kein Störfaktor in den deutsch-
polnischen Beziehungen. Sie verhält sich loyal zum polnischen Staat, und in der
Region hat sie mit den Geldern aus Deutschland nicht nur viel für die
Wiedergewinnung der ein halbes Jahrhundert verbotenen deutschen Sprache getan,
sondern die Mittel auch zum Wohle der mitwohnenden Polen eingesetzt - für
Wasserleitungen oder Krankenhäuser.
Die "Stiftung für die Entwicklung Schlesiens", welche die Gelder aus dem
Bundesinnenministerium verwaltet, hat genau das getan, was in Polen vielfach
versäumt wurde, indem sie mit Darlehen massiv bei Existenzgründungen half,
Kredite an Mittelständler vergab und dadurch zur Verbesserung der
Wirtschaftsstruktur im Oppelner Land beitrug. Völlig unverständlich ist ihr
daher, daß, wie es heißt, im deutschen Innenministerium daran gedacht wird,
diese Mittel zu streichen oder substantiell zu verringern. Eine Förderung für
die Menschen in dieser Region, über deren Köpfe hinweg sich die Grenzen
verschoben und die dennoch stillgehalten haben, nun aber auf Hilfe aus
Deutschland angewiesen sind, wäre nach Ansicht von Fachleuten sogar dann noch
möglich, wenn Polen der EU beitritt und Brüssel die Förderung der Regionen
übernimmt.
Wenn die polnische Verwaltung des Regierungsbezirks (Wojewodschaft) Oppeln
nicht über ein Jahrzehnt lang Obstruktionspolitik betrieben hätte, wäre wohl
auch in größerem Maße eingetreten, was man sich mit Blick auf deutsche
Investitionen nach der Anerkennung der polnischen Westgrenze und der
Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags zwischen Polen und Deutschland
erhofft hatte. Es zeigte sich aber, daß polnisches Mißtrauen größer war als das
Interesse, die Region wirtschaftlich voranzubringen.
Deutsche Unternehmer, die im Oppelner Land ein gutes Umfeld gefunden hätten,
wurden oft vergrault und engagierten sich daher lieber gleich in den
Ballungsgebieten Warschau oder Krakau. Andererseits gibt es auch Lichtblicke.
So hat es der polnische Staat ohne großes Theater hingenommen, daß viele
Deutsche aus dem Oppelner Land, obschon das die Gesetze eigentlich nicht
erlauben,
neben ihrem polnischen einen deutschen Paß besitzen, der ihnen ermöglicht, in
Deutschland zu arbeiten. Mindestens 70 000 pendeln zwischen Deutschland und dem
Oppelner Land. Hinzu kommt, daß im Parlament ein Minderheitenschutzgesetz
beraten wird, das
wohl noch vor dem Beitritt Polens zur EU verabschiedet wird.
Sicherlich ist die Offenheit gegenüber Deutschland und den mindestens 300 000
Deutschen in Polen dort größer, wo keine
Deutschen wohnen, das Problem des Zusammenlebens von Mehrheit und Minderheit im
Alltag also nicht besteht. Und nicht alles,
was in Warschau an Liberalität gegenüber den Minderheiten an den Tag gelegt
wird, wird auch am Ort gelebt. Das können nicht nur
Deutsche bezeugen, sondern auch Litauer, Ukrainer und Weißrussen im Land. Was
Oppeln angeht, so ist aber Besserung in Sicht.
Zum einen entwickelt sich unter den Deutschen eine neue, jüngere Elite aus
selbständigen Unternehmern und nachwachsender Intelligenz. Sie werden in der
Region künftig eine größere Rolle spielen, und irgendwann werden Deutsche in
ihrem kleinen Vaterland sicherlich auch in die Staatsverwaltung aufgenommen.
Bisher sind sie fast ausschließlich in den Selbstverwaltungsgremien vertreten.
Die deutsche Minderheit hat sich geschlossen für den Beitritt Polens zur EU
ausgesprochen, die Entwicklung des Landes im Blick.
Unter der Aufsicht des deutschen Wojewodschaftsmarschalls Galla ist man dabei,
Projekte vorzubereiten, die Brüsseler Geld ins Land bringen sollen, das allen
zugute käme. Und wenn die Deutschen mehr als nur zwei Abgeordnete im Parlament
haben wollen,
dann hilft das Wahlgesetz ihnen dabei, weil es die Minderheiten von den
Sperrklauseln befreit. Sie müssen sich nur aufraffen und zur Wahl gehen.