ballest
15.11.05, 21:59
"Einst hatten die Ballestrems ein Schloss in Schlesien
Adelsfamilie flüchtete 1945 nach Bayern / 76-jähriger Graf blickt mit Wehmut,
aber ohne Bitterkeit nach Polen
Der Kriegswinter und die Kapitulation am 8. Mai 1945 markierten im Leben
vieler Menschen einen Wendepunkt: Soldaten gerieten in Gefangenschaft.
Familien wurden auseinander gerissen. Flüchtlinge verloren ihre Heimat und
all ihre Besitztümer. Die MZ hat vier ostbayerische Schicksale dokumentiert –
wie das der Grafen von Ballestrem, die in Bayern gestrandet sind.
Von Christine Schröpf, MZ
STRAUBING. Sie hatten ein prächtiges Schloss. Ein weltweit bedeutendes Montan-
Imperium. Die Grafen von Ballestrem waren über Jahrhunderte hinweg eine in
Deutschland höchst einflussreiche Familie. Das tief im katholischen Glauben
verwurzelte Adelsgeschlecht baute im 19. und 20.Jahrhundert in der
oberschlesischen Heimat für 50000 Mitarbeiter Kirchen, Krankenhäuser und
Wohnsiedlungen. Nach besten Kräften trotzte der Patriarch, Graf Nikolaus von
Ballestrem, in den 30er und 40er Jahren unter argwöhnischen Augen der SS den
braunen Machthabern, hielt Kontakt zu den Widerstandskämpfern vom 20. Juli
1944. Die Nazi-Schergen ließen den Grafen von seinem Kammerdiener bespitzeln,
konnten ihm aber nichts nachweisen.
Die Familie wurde in den letzten Kriegsmonaten von einer Serie persönlicher
Katastrophen erschüttert, erinnert sich der heute 76-jährige Valentin von
Ballestrem, ältester Sohn des Grafen Nikolaus: Lagi Gräfin Ballestrem,
geborene Solf – eine Tante, die sich im Widerstand engagiert hatte – wurde
von den Nazis in ein KZ deportiert, starb ein Jahr nach der Befreiung an den
Folgen der Lagerhaft. Rotarmisten ermordeten in einem oberschlesischen
Kloster eine andere Tante, die Nonne Marie Gabrielis. „Unsere Familie verehrt
sie als Märtyrerin“, sagt der 76-Jährige. Marie Gabrielis hatte einen
russischen Soldaten umklammert, der eine Ordensfrau vergewaltigen wollte. Der
Mann konnte sich losreißen und tötete sie mit einem Kopfschuss.
Die letzten Kriegsmonate – sie sind für die Ballestrems so eng mit Tragödien
verwoben, dass für sie der 8. Mai 1945 an Bedeutung verloren hat. „Das
Kriegsende liegt für mich sehr viel früher: Als die russische Front im Januar
1945 Oberschlesien überrollte“, sagt Graf Valentin. Kurz zuvor hatte er mit
seinem Vater ganz allein Weihnachten gefeiert – das letzte gemeinsame
Fest. „Es waren traurige Gespräche über die Zukunft. Wir ahnten, dass unser
Leben bedroht ist“, erinnert sich der 76-Jährige. Seine Mutter Anna war mit
den sieben Geschwistern schon im Herbst nach Thüringen geflüchtet.
Der damals 16-jährige Valentin, der in Oberschlesien als Flakhelfer diente,
hatte zum Christfest einen Sonderurlaub bekommen. Nach der Rückkehr zur Front
musste seine Einheit am 22. Januar vor der russischen Armee
zurückweichen. „Mit Schneehemden aus Bettlaken flohen wir zu Fuß Richtung
Westen.“ Erst Richtung Ratibor, dann zur Kaserne Pardubitz, 80 Kilometer
östlich von Prag.
Der 16-Jährige wurde bald darauf aus dem Kriegsdienst entlassen. „Die
Wehrmacht wusste nichts mehr mit uns anzufangen.“ Graf Valentin schlug sich
auf eigene Faust nach Thüringen durch, kam dort völlig ausgemergelt bei
seiner Mutter und den Geschwistern an. „Gleichzeitig mit der Nachricht vom
Tod meines Vaters.“ Er war am 13. Februar 1945 mit drei kleinen Nichten und
Neffen dem Bombenhagel der Alliierten auf Dresden zum Opfer gefallen. Graf
Valentin wurde klar, dass er die Tragödie von weitem beobachtet hatte. Am 13.
Februar hatten ihn im Lager Pardubitz nachts Kameraden aus dem Schlaf
gerüttelt. „Da brannte es im Norden. Im Norden war Dresden. Dort verbrannte
mein Vater. Der ganze Himmel war rot.“
Wehmut, aber kein Groll
Als am 8. Mai die US-Soldaten anrückten, waren die Ballestrems zu erschöpft
für große Gefühlsregungen. „Wir waren nur erleichtert, dass es nicht die
Russen waren.“ Mit dem Dritten Reich ging auch das Ballestrem-Imperium unter.
Alle Besitztümer in Oberschlesien wurden von Polen annektiert. Im Sommer
flüchtete die Familie nach Bayern, baute sich nahe Regensburg mit dem
wenigen, was ihnen geblieben war, eine neue Existenz auf. Graf Valentin von
Ballestrem wurde Wirtschaftsjurist und zog nach Straubing, heiratete Gräfin
Elisabeth von Westphalen zu Fürstenberg. Das Paar hat fünf Kinder.
Mit Wehmut, aber ohne Groll denkt der 76-Jährige an die Reichtümer zurück,
die seiner Familie genommen worden sind. Das Schloss, das lange dem Verfall
preisgegeben war, ist inzwischen im Besitz der Diözese Gleiwitz, dient als
Bildungs- und Exerzitienhaus. Priester Krystian Worbs hat es Stück für Stück
restauriert. Vergangenen Herbst besuchte Ballestrem mit einem ZDF-Team wohl
ein letztes Mal den früheren Familiensitz, wurde von Worbs herzlich
empfangen. Der Graf stellt keine Rückgabeforderungen. Seine Haltung wurzelt
in einer Mischung aus Religiösität – die das Leben nicht allein an
materiellen Dingen fest macht – und Pragmatismus. „Was machen Sie mit so
einem Schloss, wenn Sie es plötzlich wieder kriegen?“, sagt der Graf. Der
Unterhalt würde ein Vermögen kosten. „Ich bin glücklich, dass es in so guten
Händen ist.“
Das bedeutet aber nicht, dass Ballestrem den Verlust des Familienbesitzes
nicht als Unrecht betrachtet. Doch die Versöhnung mit Polen hat für ihn
Vorrang vor allen Besitzansprüchen. „Das ist wie in einer zerrütteten Ehe: Es
ist völlig sinnlos, nach einer Trennung als erstes über das Vermögen zu
sprechen.“"
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