ramon6
05.12.05, 12:40
w dzisejszym "Der Spiegel"
Nukleares Inferno
Bisher unbekannte Akten zeigen: Beim Generalstab des 1991 aufgelösten
Warschauer Paktes lagen gruselige Kriegspläne in den Schubladen. Immer wieder
spielten die Militärs nukleare Szenarien durch - so sollten polnische und DDR-
Truppen in Norddeutschland und Dänemark landen.
Hamburg - Darauf würde die Nato - so das Kalkül der östlichen Militärplaner -
mit einer Salve Atomraketen auf Posen, Breslau, Warschau und 40 weitere
polnische Städte reagieren. Der Gegenschlag des Kreml wäre noch
fürchterlicher ausgefallen - von Brüssel, Antwerpen, Bonn, Köln, Stuttgart
bis nach München hätten sowjetische Atomraketen ein nukleares Inferno
entfacht.
AP
Sowjetisches Atom-U-Boot im Atlantik (1986): Tonnenweise Akten aus Polen
Eine Europakarte mit einem solchen Schreckensszenario präsentierte der neue
polnische Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski jetzt der Öffentlichkeit.
Sie datiert aus dem Jahr 1979 und stammt aus den Archiven des östlichen
Militärbündnisses. Tonnenweise lagern Akten der früheren Allianz im Zentralen
Militärarchiv in Rembertów nahe der polnischen Hauptstadt.
Insgesamt 1700 Bände sollen nach dem Willen der neuen konservativen Regierung
schon bald dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), einer Art polnischer
Gauck-Behörde, übergeben werden. "Das bedeutet ein symbolisches Ende der Ära
des Postkommunismus in unserem Land, in der die Menschen noch nicht die volle
Wahrheit über die Vergangenheit erfahren durften", sagte Sikorski.
Wissenschaftler wie der Breslauer Historiker Pawel Pietrowski erhoffen sich
neue Erkenntnisse über die inneren Strukturen der kommunistischen
Militärmacht: "Polen und die anderen Länder im Warschauer Pakt waren keine
unabhängigen Staaten. Aber wie stark und umfassend war der Druck aus Moskau
wirklich?" Musste die Sowjetunion ihren Verbündeten dazu zwingen, bei der
Niederschlagung des Prager Frühlings zu helfen, oder drängten etwa polnische
Militärs darauf?
In den kommenden Wochen werden IPN-Wissenschaftler und Generalstäbler das
Archiv durchsehen und entscheiden, was publiziert werden darf und was aus
Gründen der "nationalen Sicherheit" geheim gehalten werden soll. Moskau ist
bereits entrüstet: "Das ist eine politische Provokation", schimpfte der
Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses der Duma in Moskau, Konstantin
Kossatschew. Der Schritt der Polen diene nur dazu, "die falsche Überzeugung
zu verbreiten, dass die Sowjetunion und Russland die Hauptquelle allen
Unglücks in Europa und Polen gewesen sind".