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11.03.06, 14:57
Den Haag (dpa) - Der als Kriegsverbrecher angeklagte ehemalige jugoslawische
Präsident Slobodan Milosevic ist im Gefängnis gestorben. Das UN-Tribunal in
Den Haag teilte mit, der 64-Jährige sei am Samstag leblos auf dem Bett seiner
Zelle im UN-Gefängnis in Scheveningen gefunden worden.
Ein sofort herbeigerufener Mediziner habe den Tod festgestellt. Ob Milosevic
eines natürlichen Todes gestorben ist, blieb zunächst offen. Die Europäische
Union nahm den Tod des Ex-Politikers zum Anlass, die Menschen in Serbien zur
Aussöhnung aufzurufen.
Milosevic war seit Ende Juni 2001 in Haft. Seit Februar 2002 lief ein
Völkermordprozess gegen ihn wegen der Bürgerkriege auf dem Balkan in den
neunziger Jahren nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens. Es war beabsichtigt,
die mündliche Verhandlung im Mai zu beenden. Das Gericht hatte kürzlich darauf
hingewiesen, dass ihm eine lebenslange Haft droht.
Milosevic litt unter häufigen Kopfschmerzen und Kreislaufproblemen, weswegen
der Prozess mehrmals unterbrochen werden musste. Erst Ende Februar hatte das
Gericht einen Antrag seiner Pflichtverteidiger abgelehnt, ihn zur Behandlung
in einer Spezialklinik vorübergehend nach Moskau zu entlassen. Das Gericht
hatte die Befürchtung geäußert, der Angeklagte werde nicht zur Fortsetzung des
Prozesses zurückkehren. In Moskau leben auch Frau und Sohn von Milosevic.
Der Bruder Milosevics gab dem UN-Tribunal die Schuld am Tod des Politikers.
«Die Verantwortung dafür liegt beim UN-Tribunal», sagte Borislav Milosevic am
Samstag in Moskau, wo er seit seiner Zeit als Botschafter lebt.
Milosevic hatte seit Mitte der achtziger Jahre bis zu seinem Sturz Anfang
Oktober 2000 die Geschicke Serbiens und Jugoslawiens maßgeblich bestimmt. Der
studierte Jurist war Bankier, kommunistischer Funktionär und schließlich
Staatspräsident.
Die Europäische Union appellierte an die Bürger Serbiens, sich nach dem Tod
ihres Ex-Präsidenten um eine dauerhafte Aussöhnung im Land zu bemühen.
«Politisch gesehen, ändert der Tod nichts an der Notwendigkeit für die Region
und für Belgrad, die Altlast der Vergangenheit zu bewältigen», sagte die
derzeitige EU-Ratspräsidentin, Österreichs Außenministerin Ursula Plassnik, in
Salzburg. «Eine Altlast, von der Slobodan Milosevic ein Teil war.»
EU-Chefdiplomat Javier Solana zeigte sich betroffen vom Tod Milosevics. «Ich
hatte für eine sehr lange Zeit eine sehr komplizierte Beziehung zu ihm. Er ist
in sehr intensiver Weise Teil meines Lebens gewesen», sagte Solana. Solana war
während des Kosovo- Krieges 1999 NATO-Generalsekretär.
Der Haager Gerichtspräsident Fausto Pocar ordnete eine Autopsie Milosevics an.
Vor einer Woche hatte sich der bereits verurteilte frühere serbische Politiker
Milan Babic im UN-Gefängnis das Leben genommen, als er darauf wartete, in
einem Prozess als Zeuge vernommen zu werden.