szwager_z_laband
17.09.06, 15:00
SYMPOSION.ORG
Internetforum von Dr. Stefan Scheil
IV. Fünf plus Zwei - die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte
und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs
Ein Auszug aus dem Kapitel "Von Paris nach Gleiwitz - Der Briand-Kellogg-Pakt
und der Kriegsausbruch":
"Am Ende dieser Zwischenbetrachtung soll nicht unerwähnt bleiben, daß der
Briand-Kellogg-Pakt und seine juristischen Implikationen im Spätsommer 1939
keine besondere Rolle mehr spielten. Er versagte im entscheidenden Augenblick
als Instrument der Friedenssicherung. Deutschland benutzte ihn nicht
offiziell als Begründung für den Angriff auf Polen, obwohl sich Hitlers
Lamento über die polnische Generalmobilmachung und die öffentliche Behauptung
vor dem Reichstag, es habe Grenzübergriffe regulärer polnischer Truppen
gegeben, als Versuche in diese Richtung deuten lassen:
"Polen hat nun heute nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium
auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt
zurückgeschossen!"
Das später vom Auswärtigen Amt herausgegebene Weißbuch listete dann für die
Nacht vom 31. August auf den 1. September insgesamt fünf solcher Vorfälle mit
Beteiligung polnischer Truppen auf. Der später so berühmt gewordene
gefälschte Überfall auf den Sender Gleiwitz gehörte nicht dazu. Er wurde im
Weißbuch offiziell als Aktion "polnischer Aufständischer" eingestuft und von
der deutschen Regierung nicht als Beweis für einen Angriff polnischer
regulärer Truppen herangezogen. Das gilt auch für die beiden anderen von der
SS inszenierten Überfälle in Pitschen und Hoflinden. Pitschen wird im
Weißbuch gar nicht erwähnt, Hoflinden wird ebenfalls als Aktion "polnischer
Aufständischer" eingestuft, nicht als Angriff regulärer Truppen. Praktisch
die gesamte Geschichtsschreibung zu diesen Ereignissen geht insofern am Thema
vorbei, als sie sich auf diese drei Aktionen beschränkt und zu den
Grenzzwischenfällen, die das deutsche Weißbuch tatsächlich schildert, nichts
zu sagen weiß. Das gilt ebenso für Jürgen Runzheimers Aufsatz über: "Die
Grenzzwischenfälle am Abend vor dem deutschen Angriff auf Polen", wie für
Alfred Spieß' und Heiner Lichtensteins Darstellung des Vorgangs als
sogenanntes "Unternehmen Tannenberg", wo diese, nach offizieller deutscher
Darstellung einzigen Grenzzwischenfälle mit polnischen regulären Truppen
ebenfalls nicht erwähnt werden. Darstellungen aller Art gehen regelmäßig über
diese Fakten hinweg. Eine gewisse Ausnahme macht Walther Hofer, der immerhin
erwähnt, daß Gleiwitz in Hitlers Rede nicht vorkam, es dann aber versäumt,
den anderen Vorgängen nachzugehen.
So erscheinen diese Inszenierungen nicht nur als rätselhaft groteske
Unternehmen, sondern auch als erstes Anzeichen dafür, daß die SS-Führung
nicht nur während des Polen-Feldzugs, sondern bereits vor seinem Beginn damit
begonnen hatte, sich von jeder politischen Kontrolle zu lösen und eine
unabhängige Größe zu werden. Gerade aus dem Umkreis der SS wurde dann
gelegentlich behauptet, Hitler habe im Reichstag am 1. September 1939
Gleiwitz erwähnt. Weder er noch das amtliche deutsche Weißbuch sprachen aber,
wie bereits gesagt, von einem dortigen Angriff polnischer Truppen, ja nicht
einmal der Völkische Beobachter verstieg sich zur Behauptung, es habe dort
einen Überfall polnischer Soldaten gegeben. Auch die halboffiziöse
Darstellung der nationalsozialistischen Außenpolitik durch Freytagh-
Loringhoven schreibt nichts dergleichen, ebensowenig das bald nach dem 1.
September erschienene dünne Reklambändchen Wilhelm Zieglers über den
Kriegsausbruch. Auch Harald Laeuens umfangreiche Schilderung des Vorgangs,
die vom Januar 1940 datiert, verzichtet auf "Gleiwitz". Die inszenierten
Überfalle wurden von der deutschen Regierung nicht als Begründung für den
Krieg gegen Polen herangezogen. Als Übergriff "regulärer Truppen" existierten
sie in der Öffentlichkeit offenbar überhaupt nicht. Sie stehen unverbunden
neben vielen anderen Ereignissen des Sommers 1939 und können kaum etwas
anderes beweisen als das interne Chaos des deutschen Staates unter dem NS-
Regime und die mangelnde Bereitschaft der Geschichtswissenschaft zu
kritischen Nachfragen in ungewohnte Richtungen.
Da außer den oben genannten drei Fällen nichts von weiteren deutschen
Inszenierungen bekannt ist, muß es sich bei sämtlichen im Weißbuch
aufgeführten Vorfällen mit regulären polnischen Truppen entweder um
Falschmeldungen oder vielleicht auch um jene polnischen Übertritte auf
deutsches Gebiet handeln, von denen Außenminister Beck seinen Pariser
Botschafter am 6. September informierte. Das Original der im deutschen
Weißbuch veröffentlichten Liste mit Grenzüberfällen wurde von dem für
Osteuropa zuständigen Vortragenden Legationsrat der politischen Abteilung des
Auswärtigen Amtes Dr. Schliep zusammengestellt. Es gilt als verschollen. Auch
waren die Nachforschungen Schlieps von Anfang an nicht leicht, da sich in
Deutschland bei den zuständigen Stellen niemand für Gleiwitz interessierte.
Vom Heer kam die Antwort, es sei nichts zu diesem Thema zusammengestellt
worden, und sogar die Gestapo ließ mitteilen, "sie wisse vom Gleiwitzer
Sender nichts." So liegen die Einzelheiten dieser Grenzzwischenfälle vom 31.
August also weiter im Dunkeln."
www.stefanscheil.gmxhome.de/Gleiwitz.htm