Gość: rota
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18.06.03, 17:59
EU-Osterweiterung: »Hyperpatriotisches Getöse«
Deutschfeindliche Töne nicht nur aus Prag, sondern auch aus Warschau
Zur Zeit diskutiert man heftig über die deutschfeindlichen Aussagen des
tschechischen Ministerpräsidenten Zeman, der unlängst die Vertreibung
rechtfertigte, und attestiert den Tschechen in diesem Zusammenhang mentale
Unreife für einen Beitritt in die EU. Sehr zu recht.
Man sollte auf der Aufhebung der nationalegoistischen Benesch- Dekrete
bestehen. Vertreibungen sind mit europäischen Normen nicht vereinbar. Doch
einem ähnlichen Ansinnen Polens, nach dem EU-Beitritt Ausländern den
Bodenerwerb, also auch eine Ansiedlung zu untersagen, mit dem klaren Beisatz,
man befürchte, die Deutschen könnten ihr Eigentum zurückkaufen, mißt man viel
weniger Beachtung bei. Dabei entspringt diese Forderung dem gleichen
nationalistischen Ungeist.
In Polen kam leider, nachdem die rote Tünche verschwunden war, der
altbewährte polnische Patriotismus zum Vorschein, den Jan Josef Lipski als
polnische Megalomanie geißelte. Seine prägnanteste Ausformulierung ist vom
National-Demokraten Roman Dmowski bekannt, der Anfang des 20. Jahrhunderts
ein „Polen von Meer zu Meer“ forderte, von Lübeck bis Odessa.
Jeder an der Einigung Europas interessierte Europäer sollte sich jedoch
fragen: Wie kann man völlige Gleichstellung bei Zahlungen fordern und
gleichzeitig Ausnahmeregelungen für sich beantragen, die Ausländern den
Zugang ins Land versperren. Und: Wäre es nicht an der Zeit, insgesamt mit den
alten National-Mythen aufzuräumen und an ein europäisches
Gerechtigkeitsgefühl zu appellieren? Sollten die Polen nicht eher
insbesondere die Vertriebenen ins Land rufen und ihnen Grunderwerb zu
Sonderkonditionen anbieten? Denn nur das könnte sich mit dem „noblen
Verzicht“ der Deutschen auf ihre ihnen siebenhundert Jahre gehörenden Gebiete
vergleichen lassen, die Stalin den Polen zukommen ließ.
Und nur so wäre es wirklich europäisch gedacht. Wie kann man alles bekommen
und nichts geben wollen. Da sollten sich wohl die Polen an ihren
sprichwörtlichen Kali aus Henryk Sienkiewiczs berühmtem Jugendbuch „In Wüste
und Wildnis“ erinnert fühlen.
Da erklärt nämlich der kleine Afrikaner Kali seinem weißen Freund, was gut
und was böse ist. Er bekundet: Wenn jemand Kali etwas wegnimmt, ist böse.
Wenn Kali für sich nimmt, ist gut. Man sollte ebenso strikt gegen ein
europafeindliches Verbot des Landerwerbs auftreten wie gegen die Benesch-
Dekrete.
Es geht durchaus nicht darum, den Beitritt Polens zur europäischen
Gemeinschaft behindern zu wollen, sondern darum, diesen Beitritt nicht
mißglücken zu lassen. Dazu müßten sich die Gesprächspartner aber ein
realistisches Bild von ihrem Gegenüber verschaffen, damit dieses
Jahrhundertprojekt allen gleichermaßen dienen würde.
Dazu aber gehörte auch ein normales Selbstbewußtsein der Deutschen. Denn die
Deutschen sind an dem Verlauf der Dinge, wie wir ihn heute betrachten, selber
schuld. Noch kurz nach der Wende konnte man in einflußreichen polnischen
Zeitungen lesen, man betrachte die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete als
Danaer-Geschenk, das die Beziehungen zum Nachbarland erschwere. Auch von der
Einsicht, die Vertreibung sei ein stalinistisches Unrecht, das man
wiedergutmachen könne, war zu lesen.
Doch diese Stimmen gingen bald unter im allgemeinen neuen hyperpatriotischen
Getöse. Der Wandel vollzog sich auch, oder von allein, beim Anblick der
Deutschen, die ohne Tränen, ja, nahezu euphorisch auf ihre jahrhundertealten
Kulturlandschaften verzichteten.
Die übertrieben bußfertige Haltung der Deutschen, die auch auf europäisch
denkende Polen befremdend wirkte, hat den heutigen Nationalismus der
Nachbarvölker geradezu herausgefordert. Europäisch gesinnte Polen fragten,
was denn mit den Deutschen los sei, denn den Deutschenfeinden in Polen genüge
es, deutsche Autoren und Politiker zu zitieren.
So wundert man sich erst heute in Deutschland, daß polnische Politiker
versprechen, an der Nationalhymne „Rota“ festzuhalten, einer Kampfansage an
die Deutschen, in der vor allem von der Verteidigung des vaterländischen
Bodens und dem Widerstand gegen die Germanisierung die Rede ist. Wörtlich
übersetzt heißt es in der dritten Strophe: „Der Deutsche hat uns nicht ins
Gesicht zu spucken und unsere Kinder zu germanisieren.“ Diese Nationalhymne
singen Rekruten der polnischen Truppen, die der Nato angehören (!), zu ihrer
Vereidigung. Hat das bisher niemand in Europa bemerkt oder sich darüber
Gedanken gemacht?
In der heutigen Diskussion liegt es an der jeweils anderen Seite, die
Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, ehe es zu irreparablen Schäden kommt. Man
sollte endlich das Wunschdenken aufgeben und die Realitäten aufmerksam
betrachten. Es kann nicht nur um wirtschaftliche Hilfe gehen. Ehe sich nicht
ein tiefer greifender Mentalitätswandel bei den Nachbarvölkern vollzieht,
werden alle finanziellen Hilfen der europäischen Gemeinschaft in den Wind
gestreut sein.