Gość: ballest
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28.07.03, 21:40
MEIN OPA WAR VÖLKERMÖRDER...
Die Wehrmachtssoldaten waren 'das einfache Volk' an der Front, kämpfend für
die Umsetzung des kollektiven Vernichtungsprojektes, das keinesfalls allein
Projekt der Nationalsozialisten war, sondern Unterstützung durch alle
Deutschen erfuhr, die ihre Freiräume zur Verweigerung absichtlich nicht
nutzten. So wird die Ausstellung von rechtskonservativer Seite
als „Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk“ (Bayernkurier) angesehen
und
auch aus der 'Mitte' der Gesellschaft heraus angegriffen, von denjenigen,
die
wie Gerhard Schröder ihren Papas und Opas in Wehrmachtsuniformen verzeihen
wollen, und für die weiße Weste der deutschen Soldatenehre einstehen. Diese
revanchistischen Pöbeleien sind allerdings nur die eine Hälfte. Die
Wehrmachtssaustellung funktioniert ebenso perfekt im Vergangenheitsdiskurs
eines 'aufgeklärten' Deutschlands. Der Umgang mit ihr erzeugt
Geschichtsbilder, historisiert NS-Verbrechen, versucht diese aufzurechnen
oder
durch Einordnung des NS in ein 'Jahrhundert der Gewalt' vergleichbar zu
machen.
Die Debatten, in deren Kontext der Wehrmachtsaustellung auch von offizieller
Seite Anerkennung zukommt, stehen unter dem Zeichen von 'Verantwortung'
und 'Aussöhnung zwischen den Generationen' oder den 'Völkern'. Verständnis
für
Opferschicksale bedeutet hier aber auch gleichzeitig Verständnis für
Täterschicksale; alles wird munter in einen bunten Matsch aus 'Verbrechen'
gemischt, von dem Deutschland sich nun positiv absetzen kann, und welcher im
Anschluss an den Krieg gegen Jugoslawien es Deutschland zum Beispiel
erlaubt „nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“ Kriege zu führen, eben
standortgerechte Instrumentalisierung der deutschen Geschichte für
militaristische (Außen-)Politik zu betreiben. So ersetzt ‚deutsche
Verantwortung’ den Begriff der Schuld. Verantwortung ist interpretierbar und
verwendbar für eigene Zwecke, als Imperativ um, jeweils der Situation
entsprechend, sich für Krieg oder Frieden stark zu machen. Deutschlands
Täterschicksal bedeutet, dass es nun aufgrund seiner Vergangenheit handeln
muss, allerdings nicht im Sinne der Opfer, sondern aus eigener Perspektive.
Plakativ demonstrierte Abgrenzung zum 'schlechten' Deutschland des
Nationalsozialismus erlaubt neue nationale Selbstfindung.
Dieser Komplex ist kein Modell der 'Eliten' oder der 'Kriegstreiber' sondern
ein gesamtgesellschaftlich verankerter. Schuldabwehr funktioniert
schließlich
am besten bei denen, die selbst genau wissen, dass sie im Notfall sich dem
Täterkollektiv zuordnen würden. ' Verantwortung & Frieden' aus dem Deutschen
übersetzt, bedeutet Schuldabwehr mit dem Ziel der Wiedergeburt des
Kollektivs,
dessen Verbrechen nicht zu leugnen sind. Die Konsequenz, welche die
Deutschen
daraus ziehen ist denkbar einfach. Man betrauert sich selbst und erstarrt
selbstmitleidig in unterwürfiger Lethargie der Besiegten bis zur nächsten
Gelegenheit, wie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Spätestens in Kriegs-
und Krisenzeiten dann (wie jüngst angesichts des 3. Golfkrieges oder der
Flutkatastrophe), bricht das (Nicht-)Bewusstsein der Krise wieder durch, man
rekurriert in Deutschland ganz real zum „wir sind ein Volk“, der
Verschmelzung
von Staat und Gesellschaft, zur autoritären, antisemitischen oder
antiamerikanischen Gemeinschaft, in der Überzeugung endlich aus dem
permanenten Opfer und Krisenstatus ausbrechen zu können.
Ziel der Angriffe werden dann die als 'Kriegsverbrecher' titulierten
alliierten Befreier. Die Bombardements von deutschen Städten werden von
SPIEGEL und Jörg Friederichs Bestseller ‚Der Brand’ zum ‚Krieg gegen die
Deutschen’ erklärt, der militärisch sinnlos gewesen sei. Fakt ist, dass,
ausgehend von der These, dass es in Deutschland keine wesentlichen
Unterschiede zwischen Führer und Geführten gebe, die massiven Luftangriffe
den
Durchhaltewillen der Deutschen, welche fest geschlossen im Luftschutzkeller
auf den Endsieg warteten, brechen sollten. Jene hatten allerdings anderes im
Sinn als aufzugeben. Man trauert der verlorenen Heimat im Osten nach,
beklagt
den 'hinterhältigen Angriff' auf die 'Wilhelm Gustloff' und empfindet
Mitgefühl für die deutschen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in der
Sowjetunion. Empört wird sich über alles, was nach der militärischen Wende
an
der Ostfront in Stalingrad den Volksdeutschen und Wehrmachtssoldaten
wiederfahren ist. Die Bombardierung Dresdens steht hier als „Symbol des
Untergangs, des Grauens und des Leidens (...), das jener Krieg über die
Menschheit brachte" wie es der Intendant der Dresdener Musikfestspiele
ausdrückte. Ob nun Luftkrieg oder Vertreibung, jedes dieser Ereignisse war
notwendig, um Deutschland in die Knie zu zwingen, jedes war Teil des
Programms
antifaschistischer Gegenwehr.
Dass gerade an diesen Themen sich aktuell der Volkszorn bricht, beweist die
Notwendigkeit antifaschistischer Intervention, neben militanter Gegenwehr
gegen Nazis, die Deutschen niemals ihre Niederlage vergessen zu lassen, sie
in
ihrer nationalen Schmach klein zu halten, als unterwürfige, lethargische
Wesen
einer permanenten Nachkriegsgesellschaft deren Horizont hinter ihrem
Gartenzaun aufzuhören hat. Aufklärung funktioniert hier nicht; das Gegenteil
hätte innerhalb der letzten 58. Jahre bewiesen werden