Gość: Dieter
IP: *.dip.t-dialin.net
03.02.02, 21:53
Erste Legende
Auf den oft besungenen Sudeten haust in friedlicher Eintracht der berufene
Berggeist, Rübezahl genannt, der das Riesengebirge berühmt gemacht hat. Dieser
Fürst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein kleines
Gebiet, von wenigen Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen.
Aber unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an und erstreckt
sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde.
Zuweilen beurlaubt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich
zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebiets und hat sein Wesen auf dem
Riesengebirge, treibt da sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern wie ein
froher Übermütiger, der, um einmal zu lachen, seinen Nachbarn zu Tode kitzelt.
Freund Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar;
bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste
Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit
sich selbst in stetem Widerspruch, albern und weise, schalkhaft und bieder,
störrisch und beugsam.
Von Olims Zeiten her toste Rübezahl schon im wilden Gebirge, hetzte Bären und
Auerochsen aneinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit grausendem
Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den steilen
Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er wieder seine
Straße durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von
neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und des Anblicks der
äußern Schöpfung zu genießen. Wie nahm's ihn wunder, als einst bei seiner
Rückkehr, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die
Gegend ganz verändert fand! Die düsteren undurchdringlichen Wälder waren
ausgehauen und in fruchtbares Ackerland verwandelt, wo reiche Ernten reiften.
Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer geselliger
Dörfer hervor, aus deren Schlot friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte;
hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhang eines Berges zu Schutz und
Schirm des Landes.
Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks ergötzten den
verwunderten Territorialherrn so sehr, daß er über die eigenmächtigen Pflanzer
nicht unwillig ward, noch ihrem Tun und Wesen sie zu stören begehrte, sondern
sie ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums ließ, wie ein gutmütiger
Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem überlästigen Spatz unter
seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Sogar ward er Sinnes, mit den Menschen
Bekanntschaft zu machen und mit ihnen Umgang zu pflegen, Er nahm die Gestalt
eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten
Landwirt. Alles was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der
Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr
war ein Prasser und Schlemmer, der ihm für seine Mühe und Arbeit wenig Dank
wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine
Schafherde unterstellte. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und
mehrte sich, kein Schaf stürzte vom Felsen herab das Genick, und keins zerriß
der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht
nicht lohnte wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Herde und
kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem
Richter als Herrenknecht, ward die Geißel der Diebe und frönte der Justiz mit
strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht,
richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug
der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und ward
in den Kerker geworfen, aus dem er jedoch auf dem gewöhnlichen Wege der
Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausweg fand.
Dieser erste Versuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben, konnte ihn
unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine
Felsenzinne zurück, überschaute von da die lachenden Gefilde und wunderte sich,
daß die Mutter Natur ihre Spenden an solche Brut verlieh. Desungeachtet wagte
er noch eine Ausflucht ins Land fürs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar
herab ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm die Gestalt
eines reizvollen Mädchens, lieblich anzuschauen, denn sie stieg eben ins Bad.
Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen im Gras gelagert an einem
Wasserfalle, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, scherzten und
kosten mit ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick
wirkte so wundervoll auf den lauschenden Berggeist, daß er schier seine
geistige Natur und Eigenschaft vergaß und sich das Los der Sterblichkeit
wünschte. Deshalb verwandelte er sich in einen blühenden Jüngling. Das war der
rechte Weg, ein Mädchenideal in seiner ganzen Vollkommenheit zu umfassen. Es
erwachten Gefühle in seiner Brust, von denen er seit seiner Existenz noch
nichts geahnt hatte; alle Ideen bekamen einen neuen Schwung. Ein
unwiderstehlicher Trieb zog ihn nach dem Wasserfalle hin, und doch empfand er
eine gewisse Scheu, durchs Gesträuch hervorzubrechen durch das sein Auge
gleichwohl eine verstohlene Aussicht auszuspähen strebte.
Die schöne Nymphe war die Tochter des schlesischen Pharao, der in der Gegend
des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen des
Hofes in den Hainen und Büschen des Gebirges zu lustwandeln und, wenn der Tag
heiß war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu
baden. Von diesem Berggeist an diesen Platz, den er nicht mehr verließ, und
täglich der Wiederkehr der reizenden Badegesellschaft mit Ungeduld
entgegenharrte.
Die Nymphe zögerte lange, doch in der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages
besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre
Verwunderung ging über alles, da sie den Ort ganz verändert fand; die rohen
Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr
in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele
Abstufungen gebrochen, mit sanften Gemurmel in ein weites Marmorbecken
herunter. Maßlieben, Zeitlosen und das romantische Blümlein Vergißmeinnicht
blühten an dessen Rande, Rosenhecken, mit wildem Jasmin und Silberblüten
vermengt, zogen sich in einiger Entfernung umher und bildeten das angenehmste
Luststück. Rechts und links der Kaskade öffnete sich der doppelte Eingang einer
prächtigen Grotte, deren Wände und Bogengewölbe mit mosaischer Bekleidung
prangten, von farbigen Erzstufen, Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd
und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge blendete.
Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da, wußte nicht, ob sie
ihren Augen trauen, diesen zauberhaften Ort betreten oder fliehen sollte.
Nachdem sie mit ihrem Gefolge in diesem kleinen Tempel sich sattsam erlustigt
und alles fleißig durchgemustert hatte lüstete sie, in dem Bassin zu baden.
Kaum war sie über den glatten Rand des Marmorbeckens hinabgeschlüpft, so sank
sie in eine endlose Tiefe. Laut ließ die bange Schar der erschrockenen Mädchen
Klage, Ach und Weh erschallen , als ihr Fräulein vor ihren Augen dahinschwand;
sie liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und wieder, indes das
Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem anderen
übergoß.