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Trügerischer Anschein des Scheinbaren

17.01.05, 22:40
Trügerischer Anschein des Scheinbaren

Von Bastian Sick

Morgens um sieben ist die Welt anscheinend noch in Ordnung. Oder ist sie es
nur scheinbar? Allem Anschein nach ist der unscheinbare Unterschied zwischen
scheinbar und anscheinend nicht hinlänglich bekannt. Dabei verbirgt sich
hinter dem anscheinend Ähnlichen nur scheinbar Gleiches.

Morgens um kurz nach sieben springt der Radiowecker an, und eine notorisch
gut gelaunte Stimme quäkt: "...lässt Dieter in gewohnter Manier die Hosen
runter, und nach anfänglichen Startschwierigkeiten mausert sich sein zweites
Buch jetzt scheinbar zu einem richtigen Verkaufsschlager." Der Schlag auf die
Schlummertaste kann gar nicht hart genug sein, wenn es gilt, nervende
Quasselstrippen auf Radiosendern zum Schweigen zu bringen, die
angeblich "kein Gelaber" senden. Erst recht, wenn sie sich in
hilfsbedürftigem Deutsch über hilflose Literaturversuche verbreiten. Leider
währt die Ruhe nur wenige Minuten. Und bei der nächsten Weck-Attacke tut er
es tatsächlich wieder: "...zwei zu null, die Gastgeber hatten sich scheinbar
gut auf dieses Spiel vorbereitet."

Der Bedeutungsunterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" ist offenbar
selbst Radiosprechern nicht immer geläufig. Dabei ist er alles andere als
gering. "Anscheinend" drückt die Vermutung aus, dass etwas so ist, wie es zu
sein scheint: Anscheinend ist der Kollege krank, anscheinend hat keiner
zugehört, anscheinend hat der Chef mal wieder schlechte Laune. "Scheinbar"
hingegen sagt, dass etwas nur dem äußeren Eindruck nach, nicht aber
tatsächlich so ist: Scheinbar interessierte er sich mehr für die Nachrichten
(in Wahrheit wollte er bloß seine Ruhe haben); scheinbar war der Riese
kleiner als der Zwerg (weil der Zwerg ganz weit vorne stand und der Riese
ganz weit hinten); scheinbar endlos zieht sich die Wüste hin.

In den meisten Fällen, in denen scheinbar gebraucht wird, ist in Wirklichkeit
anscheinend gemeint. Sätze wie "Das ist ihm scheinbar egal" oder "Scheinbar
weiß es keiner" sind häufig zu hören, doch leider - meistens - falsch.
Richtig muss es heißen: "Das ist ihm anscheinend egal" und "Anscheinend weiß
es keiner". Andernfalls würde es bedeuten, die Gleichgültigkeit und die
Unwissenheit wären nur vorgetäuscht.

In besonders romantischen Momenten steht die Zeit scheinbar still. Hier ist
scheinbar richtig, denn es handelt sich nur um einen "gefühlten"
Zeitstillstand und keinen echten. Doch wo immer sich jemand scheinbar geirrt
hat, da hat er sich höchstwahrscheinlich bloß anscheinend geirrt. Zum
Beispiel Cäsar; der hatte sich anscheinend in Brutus getäuscht, sonst hätte
ihn dessen Beteiligung am Komplott nicht derart überrascht. Dass er kein
Misstrauen gegen Brutus hegte, lag daran, dass dieser ihm scheinbar
wohlgesinnt war. Pech für Cäsar, dass der Schein trog.

Ein noch berühmteres Beispiel liefert die griechische Sagenwelt: Im Kampf um
Troja waren die Belagerer scheinbar zum Rückzug bereit. Ihr hölzernes Pferd
sollte die Trojaner von ihrem Friedenswillen überzeugen. Über die Erkenntnis,
dass zwischen Anschein und Wirklichkeit oft brutale Lücken klaffen, versank
Troja in Schutt und Asche.

Der Duden weist darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen scheinbar und
anscheinend "relativ jung" ist: Erst im 18. Jahrhundert wurden die beiden
Wörter "gegeneinander abgegrenzt und differenziert". Da sich diese
Differenzierung auch im 21. Jahrhundert noch nicht vollständig
herumgesprochen hat, kann man sich ungefähr ausrechnen, was das für andere
Differenzierungen bedeutet, die bedeutend jünger sind: Die Rechtschreibreform
beispielsweise wird sich demnach auch im 23. Jahrhundert noch nicht endgültig
durchgesetzt haben.

Die Hartnäckigkeit, mit der sich scheinbar am falschen Fleck behauptet, ist
möglicherweise auch mit der gestiegenen Beliebtheit der Endsilbe -bar
begründbar. Außerdem ist scheinbar anscheinend praktischer, zumal um eine
Silbe kürzer. Und das Wichtige, der "Schein", kommt gleich als Erstes und
nicht erst in der Mitte. Der Gebrauch des Wortes anscheinend verlangt dem
Benutzer einen winzigen Moment des Nachdenkens ab, scheinbar hingegen ist was
für Schnellsprecher, die sich beim Reden nur ungern durch Nachdenken
aufhalten lassen.

Dazu gehört anscheinend auch der scheinbar ständig gut gelaunte Radiosprecher
vom Sieben-Uhr-Weck-und-Schreck-Kom mando. Denn der plappert unbeirrt
weiter: "Von seiner letzten Platte verkaufte er gerade mal zwei Millionen
Exemplare. Scheinbar will ihn keiner mehr hören." Was morgens um sieben
wirklich keiner hören will, ist dummes Geschwätz. Das ist weder scheinbar so
noch anscheinend; das steht völlig außer Zweifel. Höchste Zeit, sich einen
anderen Sender zu suchen.


MfG

C.
Obserwuj wątek
    • ewiku Re: Trügerischer Anschein des Scheinbaren 20.01.05, 17:28
      ...wozu das ganze?...
      • Gość: autor Re: Trügerischer Anschein des Scheinbaren IP: *.dip.t-dialin.net 20.01.05, 17:39
        zeby sie pochwalic jak to sie umie:
        CTRL+C a potem CTRL+V


        hi hi
      • tiggerific Re: Um etwas Interessantes 20.01.05, 18:35
        zu lesen und dabei was lernen. Nicht jedermanns Geschmack allerdings!

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