Gość: kacper
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27.01.06, 18:58
ggigus.
Da die Diskursatmosphäre auf diesem Forum allmählich peinlich wird, schlägt
kacperek den Gesprächsteilnehmern folgende Lektüre vor. Dies ist ein Auszug
aus Jürgen Habermas.
Es wird um die Stellungnahme gebeten.
Hermeneutische und analytische Philosophie - Zwei
komplementäre Spielarten der linguistischen Wende
(...)
Humboldt unterscheidet drei Funktionen der Sprache: die kognitive Funktion,
Gedanken zu bilden und Tatsachen darzustellen; die expressive Funktion,
Gefühlsregungen auszudrücken und Empfindungen hervorzurufen; schließlich die
kommunikative Funktion, etwas mitzuteilen, Einwände zu erheben und
Einverständnis herbeizuführen. Unter dem semantischen Gesichtspunkt der
Organisation sprachlicher Inhalte stellt sich das Zusammenspiel dieser
Funktionen anders dar als unter dem pragmatischen Gesichtspunkt einer
Verständigung zwischen Gesprächsteilnehmern. Während sich die semantische
Analyse auf das sprachliche Weltbild konzentriert, steht für die pragmatische
Analyse das Gespräch im Vordergrund. Während Humboldt dort die kognitive
Funktion der Sprache im Zusammenhang mit den expressiven Zügen der Denkungsart
und der Lebensform eines Volkes behandelt, thematisiert er sie hier im
Zusammenhang von Diskursen mit Teilnehmern, die Antworten geben und
widersprechen können. Die Spannung zwischen einem Partikularismus der
sprachlichen Welterschließung und dem Universalismus einer sachorientierten
Verständigungspraxis zieht sich durch die ganze hermeneutische Tradition
hindurch. Weil Heidegger und Gadamer diese Spannung zur einen Seite hin
aufgelöst haben, ist sie für die nächste Generation zu einer Herausforderung
geworden
(...)
Humboldt behandelt die Übersetzung als den Grenzfall, der den Normalfall der
Interpretation beleuchtet, und betont beide Aspekte mit gleichem Nachdruck:
sowohl den Widerstand, den die Sprachverschiedenheiten dem Versuch
entgegensetzen, Äußerungen der einen Sprache in eine andere zu übersetzen, wie
auch das Faktum, daß sich dieser Widerstand überwinden läßt: "Die Erfahrung
bei Übersetzungen aus sehr verschiedenen Sprachen (...) zeigt, daß sich, wenn
auch mit großen Verschiedenheiten des Gelingens, in jeder jede Ideenreihe
ausdrücken läßt.Tatsächlich hat ja die hermeneutische Tradition die
Möglichkeit, Ausdrücke einer Sprache in alle anderen Sprachen zu übersetzen
lassen, nie prinzipiell in Zweifel gezogen; die Frage war nur, wie sich die
gleichsam
transzendentale Tatsache der Überbrückbarkeit beliebiger semantischer Abstände
erklären läßt: "Die lichtvolle Erkennung der Verschiedenheit fordert (vom
Interpreten) etwas Drittes, nämlich ungeschwächt gleichzeitiges Bewußtsein der
eigenen und der fremden Sprachform.
Humboldt postuliert einen "höheren Standpunkt", von dem aus der Interpret "das
Fremde sich und sich dem Fremden assimiliert." So begegnen sich Fremde, die
einander über sprachliche Distanzen hinweg verstehen lernen, von vornherein im
formalen Vorgriff auf einen solchen "dritten" Standpunkt. Diesen Standpunkt
müssen sie freilich im Hinblick auf dieselben Sachen einnehmen, über die sie
sich verständigen wollen. Der kommunikative Sprachgebrauch ist mit der
kognitiven Funktion der Sprache insofern verschränkt, als sich beide Seiten
aus ihrer je eigenen Perspektive auf den gemeinsam unterstellten
Konvergenzpunkt einer objektiven Welt beziehen müssen, um sich die fremde
Sprache verständlich zu machen. Fremde finden in dem Maße eine gemeinsame
Sprache und lernen, sich in dem Maße gegenseitig zu verstehen, wie sie sich
über dieselben Sachverhalte streiten oder gegebenenfalls erklären können,
warum andauernde Meinungsverschiedenheiten vernünftigerweise zu erwarten sind.
Man versteht sprachliche Ausdrücke erst in Kenntnis jener Umstände, unter
denen sie zu einer Verständigung über etwas in der Welt beitragen würden. Ein
gemeinsamer Blick auf die Wirklichkeit als ein zwischen den "Weltansichten"
verschiedener Sprachen "in der Mitte liegendes Gebiet" ist eine notwendige
Voraussetzung für sinnvolle Gespräche überhaupt. Für Gesprächspartner
verbindet sich der Begriff der Wirklichkeit mit der regulativen Idee einer
"Summe alles Erkennbaren".
Dieser interne Zusammenhang des Sprachverstehens mit der Möglichkeit der
Verständigung über etwas in der Welt erklärt, warum Humboldt an die
kommunikative Funktion der Sprache auch ein kognitives Versprechen knüpft. Im
Diskurs soll sich eine Weltansicht am Widerspruch der anderen in der Weise
abarbeiten, daß sich mit fortschreitender Dezentrierung der je eigenen
Perspektive die Sinnhorizonte aller Beteiligten erweitern - und immer
weitergehend überlappen. Diese Erwartung ist freilich nur begründet, wenn sich
in der dialogischen Form und in den pragmatischen Voraussetzungen von
Gesprächen ein kritisches Potential nachweisen läßt, das den Horizont einer
sprachlich erschlossenen Welt selbst affizieren und verschieben kann.
:-)
Your poor kacperle