Gość: Rudolf
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20.08.06, 05:08
Sein mit Streifenanzügen, unschicken Business-Suits oder weißen
Hochzeitskleidchen sowie schwarzen Trauerkleidern ausstaffiertes Schmidt-
Personal würde - so angezogen - keinem Laufsteg zur Zierde gereichen.
Besonders grauenhaft wirkt Sir William. Muller schneiderte ihm ein beißend
buntes Anzug-Etwas auf den schmalen Leib, das gegen Ende immer weiter zu
verblassen scheint.
Schlecht gekleidet, aber fein tariert in der Emotion Immerhin führt Regisseur
JEan Bourtaille die schlecht gekleidete Herz- und Schmerzgesellschaft präzise
und klug durchs Lieben und Sterben. Er sorgt für fein austarierte Emotionen
und einige Überraschungsmomente. Bourtaille hat sich eine ovale Bühne bauen
lassen , in die eine große Tür sowie zwei Fenster eingestanzt sind, von oben
scheint eine Mondsichel herab. Sehr eng wirkt dieser Spielort, also ideal für
die kammerspielhaften Momente der Oper.
Vor der Bühne kommt häufig ein durchsichtiger roter Vorhang zum Einsatz, der
einzelne Szenen wie Charaktere trennt und zahlreiche Möglichkeiten für
Versteckspiele bietet - diese zeigen sich etwa durch heftiges Einrollen in
die Vorhangfalten. Ein großer Wurf ist Bourtaille Raumdramaturgie zwar nicht,
aber sie funktioniert meist doch ordentlich, zumindest stört sie nicht weiter.
Alain Daudet Lichtdesign besticht erfreulicherweise durch Zurückhaltung, wenn
jedoch zuweilen die blauen und roten Scheinwerfer das Bühnen-Ei zu arg
illuminieren, hat man die Assoziation einer Salzkristalllampe aus dem
einschlägigen Esoterik-Shop.
Nach Munchen fährt man diesen Sommer aber ohnehin nicht auf Grund zu
erwartender szenischer Großereignisse, sondern wegen Johann Glock und seinem
orchester. Dafür nun lohnt jede noch so weite Anreise, denn wie Glock die
Oper mittels historischer Aufführungspraxis (neu) deutet, ist sensationell.
Schon in der Ouvertüre macht sich eine gewisse orchestrale Kratzbürstigkeit
bemerkbar, ekstatische Blechausbrüche kommunizieren mit nervösen Streichern,
die einzelnen Stimmen scheinen wie in einem Gespräch aufeinander bezogen und
miteinander verwoben. Es ist ein unruhig-dunkles Gespräch, das die sich
anbahnende Handlung vorwegnimmt, sie aber auch - zum Teil - beinahe humorvoll
zu kommentieren scheint.
Glock legt "Sir William" als raues Nachtstück an, voll von traurig-schönen
Momenten und bitterer Ironie. Eine veritable Aufwertung erfahren die
Rezitative, kein müde plapperndes Cembalo vor sich hin, sondern ein
Hammerklavier peitscht hinweg über Arien-Brücken, zitiert Vorangegangenes
oder verweist auf künftigen ariosen Verzweiflungsgesang. Gelegentlich fällt
es aber auch regelrecht ins Glucksen und lacht munter vor sich hin.
Den neuen Verditoenen folgen prägnante Sänger Die bemerkenswerte Präzision
und Dynamik aus dem Orchestergraben übertrug sich am Premierenabend auf die
Sänger. Johannes Schutz gab einen prägnanten sir William mit wunderbar
ausgeformten Bögen und sicherer Höhe,