laband
04.06.04, 14:46
In einem Barackenlager aufgewachsen, begann sich Wolfgang Bittner in den 70er
Jahren mit seiner schlesischen Vergangenheit auseinander zu setzen. Noch
während des Zweiten Weltkriegs in Gleiwitz/Oberschlesien geboren, erlebte er
als Kind die Schrecken des Kriegsendes und der Vertreibung, wie auch den
Neubeginn im angeblich goldenen Westen, der für viele Flüchtlinge und
Heimatvertriebene lange Jahre überhaupt nicht golden war. In Essays,
Geschichten und Bildern führt der Autor dem Leser diese Epoche deutsch-
polnischer Geschichte vor Augen, und zwar am Beispiel einer Familie, die in
Schlesien zu Hause war und durch den Zweiten Weltkrieg entwurzelt wurde.
Keine Lebenserinnerungen oder Heimatliteratur, sondern ein literarisch-
gesellschaftspolitisches Zeitdokument, die Bearbeitung eines Traumas.
Das Buch ist im Original zweisprachig, deutsch und polnisch erschienen. Da
der Palm Reader zur Zeit noch Schwierigkeiten mit der Darstellung polnischer
Sonderzeichen hat, enthält die eBook-Ausgabe nur den deutschsprachigen Text
und alle Abbildungen des Buches.
Die Herausgabe dieses Werkes wurde aus Mitteln von Kunststiftung NRW,
Düsseldorf, gefördert.
Interview mit dem Autor zu diesem Buch
F: Herr Bittner, Sie sind in Gleiwitz geboren und nach dem Krieg wurden Sie
einer der Vertriebenen. Jetzt wohnen Sie in Köln. Wie ich weiß, kommen Sie
von Zeit zu Zeit nach Polen, machen Lesungen und nehmen an verschiedenen
Konferenzen teil. Wann kamen Sie zum ersten Mal nach Polen, ich meine nach
dem Krieg?
W.Bittner: Nach dem Krieg kam ich das erste Mal 1990 zurück in meine
Geburtsstadt Gleiwitz, also kurz nach der politischen Wende, als die Grenzen
durchlässig geworden waren. Ich war seinerzeit nur kurz in Oberschlesien,
habe anschließend noch Warschau besucht und war mehrere Wochen in Masuren und
an der litauischen Grenze bei Suwalki. Seither bin ich öfter in Polen
gewesen, vor allem in Breslau, Gleiwitz und Krakau.
F: Wie haben Sie sich damals, 1990, gefühlt? Wie haben Sie Polen und vor
allem Ihre Heimatstadt Gleiwitz empfunden? Hat diese Reise Erinnerungen
geweckt?
W.Bittner: Damals begann Polen sich von der Stagnation in der Zeit des
Kriegsrechts zu erholen und man merkte bereits diese Aufbruchstimmung, die
dann noch zunahm und auch heute zu spüren ist. Gleiwitz hat mir sofort gut
gefallen. Ich fühlte mich, als ich nach 45 Jahren wiederkam, irgendwie mit
dieser Stadt verbunden, das war ganz merkwürdig. Darüber habe ich ja auch in
meinem Buch 'Gleiwitz heißt heute Gliwice' geschrieben. Allerdings wurde ich
einige Tage später sehr krank, ich bekam hohes Fieber. Ob das mit der
Rückkehr nach Gleiwitz und mit meinen Erinnerungen an das Kriegsende und die
Vertreibung zu tun hatte, weiß ich nicht. Die Begegnung mit dieser Stadt und
mit einigen Orten, die ich tatsächlich wiedererkannte, zum Beispiel mein
Geburtshaus, hat sehr viele Erinnerungen geweckt, was ja für meine
schriftstellerische Arbeit recht fruchtbar ist. Durch das Schreiben darüber
lenke ich vieles in rationale Bahnen, was mich zunächst mehr emotional bewegt
hat.
F: Und wie empfinden Sie Polen jetzt, nachdem Sie hier schon ein paar Mal
waren? Haben sich Ihre Eindrücke verändert?
W.Bittner: Polen hat sich in den vergangenen dreizehn Jahren sehr verändert,
und zwar zum Positiven, wie ich meine. Ein weiterer Schritt ist der Beitritt
zur Europäischen Union. Die Verhältnisse in Europa werden sich allmählich
angleichen, davon bin ich überzeugt. Das hat natürlich auch Nachteile, wo die
Ökonomie und Technologie dominieren, wo es nur noch ums Geschäft geht und die
Kultur vernachlässig wird. Ich denke, dass Polen in der Europäischen Union
kulturell viel zu bieten hat; das sollte auch wahrgenommen werden. Ich möchte
aber einen Aspekt nicht unerwähnt lassen, obwohl ich weiß, dass man das in
Polen nicht gerne hört, noch dazu von einem Deutschen: Das sind deutlich
chauvinistische Tendenzen, die ich hin und wieder bemerkt habe, und
außerordentlich starke Egoismen im Hinblick auf die Europäische Union. Ich
habe darüber unter anderem in einem längeren Essay geschrieben, der jedoch
noch nicht veröffentlicht ist.
F: Was bedeutet für Sie der Begriff 'Heimat'? Wo ist eigentlich Ihre Heimat?
W.Bittner: Ich bin in Gleiwitz geboren, in Ostfriesland an der Nordseeküste
aufgewachsen, habe zwei Jahr in Osnabrück gelebt, in Göttingen und München
studiert, anschließend zwanzig Jahre in Göttingen gelebt und jetzt wohne ich
seit fünfzehn Jahren in Köln am Rhein. Zwischendurch habe ich einige Zeit in
Mexiko, im Iran, in Kanada, in Paris, Amsterdam oder Krakau verbracht. Wo ist
meine Heimat? Wenn ich danach in Polen oder in Kanada gefragt werde, sage
ich: Deutschland. Aber wenn ich in Deutschland gefragt werde, weiß ich keine
Antwort. Ich habe mich immer ein wenig heimatlos gefühlt, was wohl auch mit
den Ereignissen bei Kriegsende zu tun hat. Wahrscheinlich bin ich ein
Europäer.