lutnik
03.06.03, 22:25
Montag, 2. Juni 2003
Der Job von US-Finanzminister Snow
von unserem Korrespondenten Bill Bonner
Ich bin derzeit noch in Baltimore � ich hatte ja an einer Investmentkonferenz
teilgenommen (wir hatten im Investor's Daily darüber berichtet) und bleibe
jetzt noch ein paar Tage in den USA, bevor es zurückgeht nach Europa.
Letzte Nacht fielen mir in Baltimore einige Werbeschilder auf. Eines davon
lautete: "Insolvenzerklärungen! Zwischen 50 und 100 Dollar."
Ich schloss daraus, dass in Amerika, das sich gerade zu Beginn des dritten
Jahres der Präsidentschaft von George W. Bush befindet, Insolvenzen derzeit
so populär geworden sind wie Werbungen für Gewichtsverlustmittel.
Die Zahl der Pleiten steht tatsächlich auf Rekordniveau, obwohl die
Wirtschaftspolitiker ihr Bestes geben, um die Wirtschaft zu managen.
In seiner Rede vor dem Kongress vorletzte Woche verbreitete Greenspan seine
üblichen Illusionen � dass zusätzliche Hypotheken gut für die Konsumenten
seien ... dass die Technologie eine Neue Ära für die gesamte Volkswirtschaft
eingeleitet hätte ... und dass die Produktivitätsgewinne von so
außergewöhnlicher Qualität seien.
Er trat damit in die Fußstapfen von John Snow, US-Finanzminister, der zu den
G8-Finanzministern Folgendes gesagt hatte:
" ... die USA wachsen nicht schnell genug, und keins Eurer Länder wächst
schnell genug, aber wir � die USA � wachsen immer noch deutlich schneller als
Ihr ... wir erhalten Beschwerden von unseren Freunden aus der ganzen Welt,
die sagen 'Euer Leistungsbilanzdefizit ist so groß.' Und unsere Antwort
ist: 'Ja. Und wisst Ihr, warum? Weil Ihr nicht genug von uns kauft. Und weil
wir die besten Renditen für Euer Kapital bieten, strömt aus der ganzen Welt
Kapital zu uns. Weshalb verbessert Ihr also nicht Eure Wirtschaftslage, damit
diese stärker wird und Ihr mehr von uns kauft? Und Ihr könntet auch darüber
nachdenken, die bei Euch erzielbaren Renditen zu verbessern, da dann nicht
mehr soviel Kapital in die USA fließen würde."
"Fakt ist", und an dieser Stelle könnte der US-Finanzminister mit seinem Kopf
ein paar Grad nach vorne genickt haben, "dass die amerikanische Wirtschaft
stark ist. Die Vorraussetzungen sind gut."
Und dennoch haben die Pleiten Hochkonjunktur.
Es gibt andere Signale dafür, dass die Vorraussetzungen der US-Wirtschaft
nicht so gut sind, wie Mr. Snow denkt. Zusätzlich zu den Pleiten und der
Arbeitslosigkeit kommt noch, dass die Unternehmensgewinne als Anteil am US-
Bruttoinlandsprodukt auf ihr niedrigstes Niveau der letzten 40 Jahre gefallen
sind.
Das ist weder vom Finanzminister noch vom Fed-Vorsitzenden erwähnt worden.
Und dennoch � warum sollten die Leute in Maschinen und neue Angestellte
investieren, wenn sie keine Gewinne machen? Wie kann die Wirtschaft dann
wachsen? Warum sollten die Aktienkurse dann steigen?
Eine weitere Frage, die man sich stellen sollte: Was passiert eigentlich? Wie
ist es möglich, dass eine Wirtschaft "stark" sein kann, und dennoch so viele
Pleiten wie nie stattfinden? Und die Unternehmen dennoch immer weniger Geld
verdienen?
Und warum gehen die Gewinne zurück � wo sich doch die Produktivität
verbesssert und es technologische Neuerungen gibt?
Da ich von den Autoritäten auf diese Fragen keine Antworten höre, habe ich
hier meine eigenen Antworten auf diese Fragen:
In den letzten 20 Jahren von Bretton Woods/des Goldstandards � von 1949 bis
1969 � sind die Zentralbankreserven weltweit um nur 55 % gestiegen. Aber dann
wurde der Goldstandard durch den Dollarstandard ersetzt . Dollar konnte man
leichter vermehren als Goldbarren. Deshalb stiegen die weltweiten
Zentralbankreserven in den nächsten 33 Jahren um 2000 %.
Weltweit gab es eine Orgie der Kreditexzesse bei Konsumenten und Investoren.
Bald waren alle "betrunken" davon.
Die Nixon-Adminstration beendete 1971 endgültig das System von Bretton
Woods/den Goldstandard. 4 Jahre später erreichten die Aktienkurse ihren
Boden, und danach begann der große Boom, der eigentlich bis 2000 ging.
Billionen von Dollar flossen um die Welt, sie schufen Aufschwünge ... und
dann Abschwünge. Japanische Gesellschaften, die ihre Waren in die USA
verkauften, waren die ersten, die zuerst gewanen � und dann leiden mussten.
Dann brachen die japanischen Aktienkurse ein, nachdem sie zuvor explodiert
waren. Andere asiatische Nationen folgten diesem Zyklus. Und dann war Amerika
an der Reihe. Bis in die späten 1990er hatte der US-Aktienmarkt geblüht �
gefolgt von Steigerungen am Immobilienmarkt und am Anleihenmarkt. Seit 2000
blühen die Aktienkurse in den USA nicht mehr � aber die Immobilienpreise und
Anleihenkurse weiterhin.
Die Amerikaner hatten einen großen Vorteil; sie waren die einzigen, die die
Reservewährung der Welt � den Dollar � einfach selbst drucken konnten. Aber
dafür musste ein Preis gezahlt werden; die Amerikaner machten ihre Tassen
voller als die anderen. Aber während sie tranken, tranken sie auch
gleichzeitig die Quelle ihres Reichtums.
Was die USA produzierten und exportierten, waren Bargeld und Kredite. Im Wert
von Billionen Dollar. Die Ausländer produzierten Autos, Fernseher, Essen,
Urlaubsangebote � alles, was sie für Dollar verkaufen konnten. Das ist der
Handel, auf den der US-Finanzminister Snow so stolz ist. Das hat dazu
geführt, dass sich in US-Häfen leere Container stapeln (sie kamen gefüllt
an ... aber bleiben da, weil Amerika nur wenig hat, was es exportiert, bis
auf Geld) und dass sich Berge von Dollar in Übersee stapeln.
Der US-Finanzminister scheint das nicht bemerkt zu haben. Das hat aber die
Profitabilität der US-Unternehmen ruiniert, es hat verhindert, dass die
realen Einkommen der amerikanischen Arbeiter wachsen konnten und es hat
Millionen Jobs nach Übersee verlagert. Die amerikanischen Unternehmen
bezahlen ihre Arbeiter in Dollar. Normalerweise könnten sie erwarten, dass
sie dieses Geld wiederbekommen � weil die Arbeiter dieses Geld wieder für
Produkte ausgeben, die amerikanische Unternehmen herstellen. Aber in der
Realität wandert dieses Geld in die Hände ausländischer Produzenten, die in
Übersee das tun, was sonst zu Hause getan worden wäre � Fabriken bauen, Leute
einstellen, Gewinne machen.
Und was haben die ausländischen Produzenten mit ihren Gewinnen gemacht? Mr.
Snow hat uns gesagt, dass sie US-Vermögensanlagen gekauft haben � und es so
den Amerikanern ermöglicht haben, weiterhin fleißig zu konsumieren. In den
späten 1990ern kauften sie Aktien. Vor kurzem haben sie � besonders die
Japaner � in den Markt für US-Anleihen gewechselt.
Die Welt beginnt, sich nach der Quelle des amerikanischen Reichtums zu
fragen. In den letzten 18 Monaten hat der Dollar gegenüber dem Euro 31 % an
Wert verloren. Und gegenüber dem Gold hat er ähnlich verloren. Hat sich der
große Boom des letzten Vierteljahrhunderts bereits in einen großen Abschwung
verwandelt?
George Soros hat vor kurzem öffentlich mitgeteilt (bei CNBC), dass er den
Dollar verkauft und Gold gekauft hat. Andere Investoren könnten klug handeln,
wenn sie ihm folgen würden.