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Deutschland, deine Apostrophs

17.01.05, 22:46
Deutschland, deine Apostrophs

Von Bastian Sick

Über dem hölzernen Kahn prangte in grellen Neonbuchstaben der
Schriftzug "Noah's Arche". Und sie kamen alle: Petra's Hamster, Susi's
Meerschweinchen, Indien's Elefanten, Australien's Känguru's, selbst Marabu's
und Kolibri's. Sie flohen vor dem alles verheerenden Häk'chen-Hagel. Doch es
war zu spät: Die Welt versank, und übrig blieb am Ende - nicht's


Zähneknirschend nahm man es hin, dass im trüben Fahrwasser der
Rechtschreibreform mit einem Mal "Helga's Hähncheneck" und "Rudi's
Bierschwemme" höchste Weihen erhielten und offiziell sanktioniert wurden. Der
von vielen gescholtene so genannte Deppen-Apostroph war über Nacht salonfähig
geworden. Nun ja, vielleicht noch nicht salonfähig, aber zumindest
imbissbudenfähig. Wenn Oma morgens ihr kleines Restaurant aufschließt und die
Beleuchtung einschaltet, braucht sie sich nicht mehr zu schämen, dass draußen
die mondäne Aufschrift "Oma's Küche" prunkt. Stolz erhobenen Hauptes kann sie
sagen: "Was habt ihr denn? Ist doch richtig so! Steht sogar im Duden's!"

Tatsächlich: dort - wie auch in anderen Standardwerken zur deutschen Sprache -
heißt es in Übereinstimmung mit den neuen amtlichen Regeln: "Gelegentlich
wird das Genitiv-s zur Verdeutlichung der Grundform des Namens auch durch
einen Apostroph abgesetzt."

Man beachte die Wortwahl: Gelegentlich. Das klingt wie: "Einige können es
eben nicht lassen." Und um sein Unwohlsein noch deutlicher zum Ausdruck zu
bringen, fügt der Duden fast trotzig an: "Normalerweise wird vor einem
Genitiv-s kein Apostroph gesetzt."

Ach ja, die gute alte Normalität! Als "Clarissa's Hairstudio"
noch "Frisörsalon Lötzke" hieß - wo ist sie hin?



"Man sieht sich immer zweimal!", weissagte der sächsische Genitiv nicht ohne
Häme, als er sich anschickte, im Gefolge der Angeln und Sachsen nach
Britannien auszuwandern. Er sollte Recht behalten. Er kehrte zurück - und
wie! Doch kurioserweise nicht aus dem Westen (wo man allgemein den Ursprung
aller Anglizismen vermutet), sondern aus dem Osten. Denn im Zuge der deutsch-
deutschen Wiedervereinigung schwappte die im Osten bereits weit verbreitete
Apostroph-Euphorie ("Erich's Broiler-Paradies") auch in den Westen - und
schwappt seitdem gesamtdeutsch hin und her, vorzugsweise durch die seichten
Niederungen des "Internet's".

"Seither hat sich dieser Genitiv, der bis dahin bei Beck's Bier und ein paar
vergleichbaren Labels ein leise belächeltes Exotendasein geführt hatte, wie
die Schwarzen Blattern ausgebreitet", stöhnte die "Süddeutsche Zeitung" in
einem "Streiflicht" im Jahre 1998.

Nun, es scheint, als müssten wir mit diesen Blattern leben. Wir haben uns an
Phänomene wie Modern Talking und die "Oliver Geissen Show" gewöhnt und an
Wörter wie "Airline", "Basement" und "Lifestyle" (Wer sagt schon noch
Fluglinie, Untergeschoss und Lebensart?), also werden wir auch damit fertig.

Doch es ist wie immer im Leben: Kaum hat man sich mit dem einen
Schicksalsschlag abgefunden, da zieht schon die nächste Katastrophe herauf.
Mit erschreckender Geschwindigkeit breitet sich eine neue, noch schlimmere
Apostrophenpest in Deutschland aus. Befallen ist diesmal nicht der Genitiv,
sondern der Plural.

Plötzlich liest man überall von "Kid's" und "Hit's" und wird permanent
mit "Info's" bombardiert. Zunächst konnte man noch vermuten, dass diesem
Kuriosum eine schlichte Verwechslung zugrunde liegt, zumal hauptsächlich aus
dem Englischen stammende Wörter betroffen sind: Womöglich war das Plural-s
für ein Genitiv-s gehalten worden.

Doch inzwischen werden auch andere Begriffe zer-apostrophiert: Der
Obsthändler an der Ecke verkauft neuerdings Mango's und Kiwi's, die
Anzeigenblätter im Briefkasten werben für günstige Caravan's, Kombi's und
extra dicke Pizza's, man staunt über die Vielzahl von Tee's auf der
Getränkekarte, ersteigert auf eBay modische Accessoire's, überrascht einander
mit lustig bedruckten T-Shirt's, die Kid's entpuppen sich als Mädel's und
Jungen's, und wem mit Tee's nicht gedient ist, der bestellt Kognak's oder
Martini's. Im Hotelzimmer schaut man sich später ein paar Video's an, und
bezahlt wird das Ganze selbstverständlich in Euro's, und zwar bar, denn an
vielen Kassen werden keine Scheck's angenommen.

Halten Sie's noch aus, oder müssen Sie schon wegschauen? Es kommt noch
schlimmer:

Gar keine Aussicht auf Rettung besteht mehr für Abkürzungen. Lastkraftwagen
(kurz: Lkw, auch in der Mehrzahl) sind zu "LKW's" geworden, Personenfahrzeuge
werden entsprechend "PKW's" abgekürzt, und immer wieder stolpert man
über "CD's" und "DVD's".

Liest man in der Sauna den Hinweis "Kein Schweiß auf's Holz", so brennt es
einem in den Augen. Ebenso beim Anblick von Läden, die "Alles für's Kind"
anbieten. Zwar ist der Apostroph hier überflüssig, aber immerhin scheint sich
der Schildermaler noch was dabei gedacht zu haben. "Eigentlich heißt's
ja 'auf das Holz' und 'für das Kind', da mach' ich vorsichtshalber mal 'n Apo-
dingsda, na, so'n Häkchen halt", wird er sich gesagt haben - und schon war's
passiert. Lästig, aber lässlich. Aber viele Menschen setzen den Apostroph
bereit's auch dort, wo gar nicht's ausgelassen wurde. Da! Haben Sie es
bemerkt? Ist Ihnen nicht's aufgefallen? Dann schauen Sie mal nach recht's!
Und dann noch mal nach link's! Merken Sie es jetzt?

Manche Deutsche scheinen von der Vorstellung besessen, dass generell
jedes "s" am Wortende apostrophiert werden müsse. Als sei das Endungs-s
eigen's dafür geschaffen, vom Wortstamm abgespalten zu werden. Dabei geht die
Tendenz in der Standardsprache genau in die entgegengesetzte Richtung: Nicht
immer mehr, sondern immer weniger Apostrophs empfiehlt die neue amtliche
Regelung. "Ich sing' ein Lied" und "Mir geht's gut" kann, darf oder sollte
heute "Ich sing ein Lied" und "Mir gehts gut" geschrieben werden.

Doch die Gemeinde der Neu-Apostrophiker wächst und wächst. Sie setzt den
Apostroph stet's und überall, nirgend's ist man noch vor ihm sicher. Und weil
das abgespaltene Endungs-s manchen noch nicht reicht, machen sie das Häkchen
auch vor "z" und "n" und überhaupt vor allem, was am Wortende steht. Schon
wurden an mehreren Stellen in Deutschland Schilder mit der Aufschrift
gesichtet: "Futter'n wie bei Mutter'n". Ist das moder'n - oder einfach nur
depper't? Wohin soll das noch führen? Droht die totale Apostrophe? Der alles
verheerende Häk'chen-Hagel? Oder stecken wir schon mittendri'n? Na dann
Pros't, du Volk der Dichte'r und Denke'r!



Wo ein Apostroph gesetzt werden muss:

Bei Auslassungen im Wortinneren:

Ku'damm, M'gladbach, Lu'hafen, D'dorf

Bei der Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die auf s, ss, ß, tz, z und x
auslauten. Der Apostroph ersetzt hier das Genitiv-s:

Hans' Mutter, Max' Cousine, Grass' Romane, Ministerin Zypries' Gesetzentwurf,
Ringelnatz' Gedichte

Dies gilt aber nicht, wenn vor dem Namen ein bestimmter Artikel (plus
Attribut) steht:

die Mutter des alten Hans, die Cousine des strammen Max, die Romane des
Günter Grass, der Gesetzentwurf der Ministerin Zypries, die Gedichte des
Joachim Ringelnatz



MfG

C.
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    • Gość: geduld Re: Deutschland, deine Apostrophs IP: *.sanok.sdi.tpnet.pl 18.01.05, 14:56
      Deutschland, deine Apostrophe!!!
      • tiggerific Re: Apostroph's ;) 18.01.05, 21:51
        Der Titel lautet: Deutschland, deine Apostroph's :)
        jetzt sollte alles klar sein :)

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Nakarm Pajacyka