Gość: Hermann
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03.03.02, 10:37
Das Gebiet östlich von Elbe und Saale, in dem die oben erwähnten kleineren
westslawischen Stämme, die Wenden, wohnten, wurde erst im so
genannten "Wendenkreuzzug" von 1147 zur Anerkennung der Lehnshoheit des
deutschen Kaisers und zur Taufe gezwungen. Mit der Unterwerfung kamen deutsche
Siedler ins Land. Damit begann die deutsche Ostsiedlung.
Verlauf der deutschen Ostsiedlung
Die militärische Unterwerfung und die Zwangstaufe - zuerst der Wenden, ab 1230
im Gebiet des Deutschen Ordens in Ost- und Westpreußen - dürfen aber nicht
darüber hinweg täuschen, dass die deutsche Besiedlung ansonsten friedlich vor
sich ging. Tausende von Bauern, Handwerkern, Kaufleuten und Rittern aus dem
übervölkerten Niedersachsen, Westfalen, Holland und Flandern strömten in das
nur dünn bewohnte Land östlich der alten Siedlungsgrenze. Etwa 200 Jahre
dauerte diese Einwanderung (12.-14. Jh.) und man schätzt, dass während dieser
Zeit nahezu 400000 Menschen (etwa 5% der Bevölkerung des Deutschen Reiches)
nach Osten zogen. Die einheimischen Slawen wurden weder ausgerottet noch
vertrieben. Die deutschen Siedler erhielten brachliegendes Ödland und erst noch
urbar zu machendes Wald- und Sumpfgebiet. Der slawische Adel behielt seine
Stellung und seine Ländereien. Die Übernahme der deutschen Sprache und Kultur
war kein gewaltsamer Akt. Im Laufe von Jahrhunderten verschmolz die
einheimische slawische Bevölkerung mit den aus unterschiedlichen Gegenden
Deutschlands stammenden Siedlern zu neuen deutschsprachigen Stämmen wie den
Pommern, Schlesiern und Ostpreußen. Aber noch im 15. Jh. sprachen viele
Menschen in Lübeck (!) slawisch.
Die Initiatoren der Ostbewegung waren Landesfürsten, Adelige (also ritterliche
Grundherren) und die Orden, besonders der Zisterzienserorden, der an die 40
Klöster gründete und der Deutsche Orden. Teils waren es deutsche, überwiegend
aber slawische Fürsten und Grundherren, die Menschen für ihr dünn besiedeltes
Land suchten, darunter auch die Könige von Böhmen, Ungarn und Polen.
Diese Landesherren verfolgten dabei ein Ziel: Sie wollten durch Einführung
neuer Arbeitstechniken die Erträge des Bodens steigern, durch Förderung von
Handel und Handwerk die Wirtschaftskraft des Landes erhöhen und letztlich durch
mehr Menschen mehr Steuereinnahmen erzielen. In heutigen Worten: sie waren an
der Entwicklung ihres Landes durch modernes Know-how interessiert. Und die
Deutschen brachten dieses Know-how in Form ihrer viel weiter entwickelten
landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktionstechniken mit. Unter den
Neuerungen sind hervorzuheben: die Dreifelderwirtschaft, der eisernen Pflug,
Egge und Kummet, Wasser- und Windmühlen, neue Methoden in Bergbau, Glas- und
Textilindustrie. So kamen die Deutschen nicht als Eroberer in den Osten,
sondern gerufen von einheimischen Herren, um die wirtschaftliche und kulturelle
Erschließung des Landes voranzutreiben.
Als Anreiz für die Mühen des Neuanfangs bot man den Zuwanderern viele
Vergünstigungen: persönliche Freiheit, d.h. keine Leibeigenschaft, zeitweise
Befreiung von der Abgabenpflicht, dörfliche Selbstverwaltung. Städte wurden vom
slawischen Recht befreit; ihnen wurde eine wesentlich freiere Stadtverfassung,
meist die von Lübeck oder Magdeburg, gewährt. Im Zuge der deutschen Ostsiedlung
entstanden so allein in Schlesien mehr als 1200 Dörfer und rund 130 Städte nach
deutschem Recht. Die gezielte Planung dieser Stadtgründungen lässt sich aus den
immer gleichen Grundrissen mit ihren meist rechtwinklig verlaufenden Straßen
ersehen.
Es waren also wirtschaftliche Gründe, die die Fürsten und Grundherren im Osten
veranlassten, deutsche Siedler ins Land zu holen, und es waren wirtschaftliche
Gründe, die Deutsche veranlassten, nach Osten zu ziehen: Bauern, die vor
Leibeigenschaft flohen, Bauernsöhne, die keine Aussicht auf ein Erbe hatten,
Kaufleute, die, modern gesprochen, neue Märkte erschließen wollten. Weder ein
ominöser Drang nach Besetzung von neuem Lebensraum noch die Errichtung eines
Bollwerks gegen heidnische Slawen - wie auch, wenn sie von christlichen
slawischen Herrschern gerufen wurden - standen hinter der Ostsiedlung. Erst das
nationalistische Denken des 19. und 20. Jh. hat ihr solche Motive im Nachhinein
untergeschoben.
Gebiete der deutschen Ostsiedlung
In folgende Gebiete sind im Rahmen der mittelalterlichen Ostsiedlung (12.-14.
Jh.) Deutsche ausgewandert:
ins heutige Ostdeutschland: Mecklenburg, Brandenburg, Lausitz
nach Pommern (Vor- und Hinterpommern)
nach Schlesien (Nieder- und Oberschlesien)
nach Preußen (West- und Ostpreußen)
Innerhalb bestehender Staaten wurden Deutsche angesiedelt:
innerhalb Böhmens in den fast menschenleeren Randgebirgen (Böhmerwald,
Erzgebirge, Sudetengebirge); sie wurden zu Beginn des 20. Jh. zusammenfassend
als Sudetendeutsche bezeichnet
innerhalb Polens in Posen und Galizien
innerhalb Ungarns im Gebiet der Zips in der Slowakei und in Siebenbürgen im
heutigen Rumänien.
Die Reichsgrenzen hatten sich bis ins 13. Jh. weit nach Osten vorgeschoben, sie
verliefen nun an den östlichen Grenzen Pommerns und Schlesiens. Diese Grenzen
blieben bis zum Ende des Reiches (1806) stabil. Preußen dagegen war nicht Teil
des Hl. Römischen Reiches - nur deswegen konnten sich die Hohenzollern zu
Königen in Preußen krönen -, gehörte aber zum (zweiten) Deutschen Reich von
1871.
Die großen Pestepidemien des 14. Jh., der ein Drittel der Bevölkerung
Deutschlands zum Opfer fiel, brachte den weiteren Zustrom nach dem Osten zum
Erliegen. Die damals geschaffenen Verhältnisse änderten sich in den nächsten
Jahrhunderten wenig mit zwei Ausnahmen: Mit der Eroberung Westpreußens durch
Polen (1466) nahm hier die polnische Bevölkerung wieder zu und auch nach
Oberschlesien strömten im Verlauf der Industrialisierung viele polnische
Landarbeiter, um in den Fabriken Arbeit zu finden. Beide Gebiete wurden darum
nach dem Ersten Weltkrieg von Polen beansprucht.