hanys_hans
09.09.07, 11:48
Chronik der Gleiwitzer Hütte
1894
In der oberschlesischen Industriestadt Gleiwitz beschließen 127
Gründungsmitglieder die Konstituierung einer selbständigen
deutsch-österreichischen Alpenvereinssektion. Im ersten Jahr ihres Bestehens
zählt die Sektion Gleiwitz 158 Mitglieder.
1896
Die Sektion plant den Bau einer hochalpinen Schutzhütte. Unterstützt vom Rat
des bekannten Alpinisten L. Purtscheller, fällt die Wahl des Hüttenplatzes auf
das bis dahin touristisch unerschlossene Hirzbachtal bei Fusch am Fuße des
Hohen Tenn.
1897
Der Empfehlung des Bezirkshauptmannes Stöckel aus Zell am See folgend,
bestimmt man als Bauplatz eine lawinengeschützte Stelle am westlichen Abhang
des Kammes zwischen „Messerfeldkopf“ und „Krapfbrachkopf“, ungefähr 500 m über
der Hirzbachalm. Der ursprüng- lich vorgesehene Platz an der Mühlauer Hochalpe
erwies sich als ungeeignet, weil die Wege zum Hochtenn und zum Hirzbachtörl zu
weit ablagen. Der italienische Wegebauunternehmer „Capo“ Comes errichtet
auftragsgemäß einen neuen Weg von der Hirzbachalm zum vorgesehenen Standplatz
der Hütte.
1898
Der Wegebau wird vorangetrieben, insbesondere die Verbindung zwischen
„Kesselfall-Hotel“ im Kapruner Tal und dem Hüttenbauplatz.
1899
Von hochwassergefährdeten Stellen wird die Trasse des Weges vom Dorf Fusch
hinauf zur Hirzbachalm verlegt. Nach einer durchgehenden Verbreiterung ist der
Weg nun mit zweirädrigen Sesselkarren zu befahren. Der von Baumeister Gärte
aus Gleiwitz entworfene Bauplan der Hütte erfährt auf Anraten der aus Zell am
See stammenden Herren Baumeister Mehnis, Bezirkshauptmann Stöckl und
Bezirksingenieur Gassner eine grundlegende Überarbeitung. Im Juli beginnt
Baumeister Mehnis mit dem Bau der Hütte. Als Baumaterial eignet sich das an
Ort und Stelle gefundene grau schimmernde Paragneis-Gestein. Trotz heftiger
Schneefälle im September ist der Hüttenrohbau im Spätherbst fertiggestellt und
eingedeckt.
1900
Die Fertigstellung der neuen Hütte dauert nur wenige Wochen, da der größte
Teil der Innenausstattung während des Winters im Tal vorbereitet wird. Wie
geplant kann für den 22.-24. Juli 1900 zur feierlichen Eröffnung der
Gleiwitzer Hütte eingeladen werden. Die Bewirtschaftung des Hauses übernimmt
Gastwirt Martin Mühlauer vom Dorf Fusch, ein Mitbesitzer der Hirzbachalm. Das
neue Wegenetz besitzt eine Länge von 21 km.
Die Finanzierung der Bauvorgaben erfolgte größtenteils durch Spenden und die
Ausgabe von Darlehensscheinen. Die Bevölkerung aus Fusch unterstützte die
Sektion Gleiwitz durch Abtretung von Nutzungsrechten, durch die Beteiligung an
den Wegebaukosten Fusch – Hirzbachalm und durch die Überlassung von benötigtem
Baumaterial.
Für das Projekt „Gleiwitzer Hütte“ fielen Kosten in folgender Höhe an:
Bauausführung der Hütte: 17.351,35 Mark
Wegebau: 25.889,50 Mark
1901
Am 17. Juli erfolgt die offizielle bauliche Abnahme der Hütte, nachdem
kleinere Veränderungen am Kellerbau und der Deckenkonstruktion notwendig
waren. Die Hütte bietet Unterkunft für 25 Personen (max. 38). Für die
Sommermonate wird ein fest angestellter Wegemacher mit der Erhaltung des neuen
Wegenetzes beauftragt. Dank großzügiger Spen- den einzelner Sektionsmitglieder
ist die Hütte auf das beste ausgestattet. Einige dieser Spenden erfüllen noch
heute ihren Dienst.
1902
Nach intensiver Fremdenverkehrswerbung besuchen im Laufe des Jahres bereits
395 Personen (darunter 63 Damen, wie im Tätigkeitsbericht ausdrücklich erwähnt
wird) die Gleiwitzer Hütte. Ausführliche Wege- und Hüttenbeschreibungen finden
sich nun auch schon in Baedecker’s- und Meyers-Reisehandbüchern.
1903
Auf Wunsch des Erbprinzen von Loewenstein-Wertheim-Freudenberg verlegt man den
Weg durch den sog. „Stöckelkamin“ hinauf zum Bau- ernbrachkopf weiter nach
Süden. Dadurch werden die jagdlichen Interessen im Bereich des
Krapfbrachkopfes nicht mehr gestört, und zudem verkürzt sich der Anstieg zum
Hohen Tenn um eine halbe Stunde.
Die Sektion Gleiwitz besitzt im Gebiet der Hütte laut Grundbucheintra- gungen
folgende Grundstücke:
- Hüttenbauplatz 5 753 m2
- Hirzbachalm (am Brunnen) 1 438 m2
- Kapruner Tal (nahe der Harleitenalpe) 719 m2
1906
Der 1. Vorsitzende der Sektion Gleiwitz und Initiator des Hüttenbaues,
Landgerichtsrat Dr. Max Hirschel, stirbt am 15. September auf der Heim- reise
von der Gleiwitzer Hütte. Ihm zu Ehren erhält der im Folgejahr gänzlich
fertiggestellte hochalpine Weg von der Hütte über den „Kempsenkopf“ zum
Mooserboden die Bezeichnung „Max-Hirschel-Weg“.
1908
Anstelle der baufällig gewordenen Holzhütte, die ursprünglich den Hand-
werkern beim Hüttenbau als Unterkunft diente, wird ein gemauerter
Maultierstall errichtet (später Umbau zum Winterraum).
1912
Im Winter brechen Wilderer in die Hütte ein und beschädigen sie erheblich.
Fürstlich Loewensteinsche Jäger, in deren Jagdgebiet sich die Hütte befindet,
schlagen die Einbrecher in die Flucht.
1914 bis 1918
Während des 1. Weltkrieges ist die Hütte nicht bewirtschaftet. Deserteure, die
sich hier versteckt halten, richten Sachschaden an, im großen und ganzen
übersteht die Hütte die Kriegsjahre jedoch unbeschadet. Im letzten
ausführlichen Tätigkeitsbericht der Sektion Gleiwitz aus den Jahren 1915/16
ist über das Schicksal der Hütte nichts vermerkt. Eine kurze Notiz besagt
jedoch, dass der Hüttenwirt, Sebastian Herzog, zum Kriegsdienst eingezogen
worden ist.
1919
Alle Wege, außer der Verbindung Fusch-Hirzbachtal, befinden sich in de-
solatem Zustand. Eine Bewirtschaftung der Hütte ist unmöglich.
1920
Nach der Reparatur der wichtigsten Wege kann Sektion Gleiwitz die Hütte nach
fünfjähriger Pause wieder eröffnen.
1925
Die Sektion Gleiwitz, die als einzige oberschlesische Sektion die schwere
Nachkriegszeit überstanden hat, feiert das 25jährige Bestehen der Gleiwitzer
Hütte. Infolge der Absenkung von Deckenbalken sind kleine bauliche
Veränderungen notwendig.
1929
Mit 901 Besuchern erlebt die Hütte ihre Blütezeit. Der vorangegangene
harteWinter hat an Hütte und Wegen Beschädigungen verursacht.
1932
Das Schindeldach der Hütte wird erneuert.
1933
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist die Aufnahme jüdi- scher
Mitglieder in die Sektion Gleiwitz untersagt. Der Vorsitzende der Sektion, Dr.
Wilhelm Lustig, tritt daraufhin aus der Sektion aus. Aus den Ehrentafeln, die
noch heute im Gastzimmer der Hütte hängen, entfernt man Fotografien jüdischer
Vorstandsmitglieder.
1934
Der „Max-Hirschel-Weg“ wird in „Gleiwitzer-Hüttenweg“ umbenannt.
1939 bis 1945
Über das Schicksal der Hütte im Zweiten Weltkrieg ist so gut wie nichts
bekannt. Sicher ist nur, dass Hans Langegger die Hütte auch während der
Kriegsjahre bewirtschaftet hat. Außerdem soll sie von Gruppen der
Hitler-Jugend genutzt worden sein.
1946
Die ÖAV Sektion Zell am See übernimmt neben anderen auch die Gleiwitzer Hütte
zur Betreuung. Wie alle „reichsdeutschen“ Hütten wird auch sie umbenannt und
erhält den Namen „Hoch-Tenn-Hütte“.
1948
Die oberösterreichische Sektion Rohrbach/Mühlkreis übernimmt die Be- treuung
der Gleiwitzer Hütte.
1951
Die Sektion Amstetten übernimmt die Hüttenbetreuung. Der Zustand der Hütte ist
desolat. Dank des Engagements des Hüttenwartes Sepp Hickersberger können noch
im gleichen Jahr die wichtigsten Repa- raturen ausgeführt werden.
Sektionsmitglieder spenden Bettwäsche, Ge- schirr und Decken, so dass am 12.
Juni die Hütte eröffnet werden kann.
1952
Mit zweijähriger Verspätung feiert man am 13. Juli das 50jährige Hütten-
jubiläum, nachdem zuvor eine unaufschiebbare Dachreparatur größeren Umfangs
durchgeführt worden ist. Die Katholische Land