lutnik
27.11.02, 22:24
Mittwoch, 27. November 2002
Die Schulden-Generation
von Porter Stansberry
Während der gesamten Geschichte sind die wichtigsten und offensichtlichsten
Trends oft
vollständig ignoriert worden, weil die Änderungen, die sie ankündigten,
einfach unvorstellbar
waren ...
Beispiele von großen, problematischen Trends, die von den "Eliten" ignoriert
wurden, sind zu
zahlreich um sie hier alle aufzuzählen. Aber bedenken Sie: Kam die massive
Inflation der
1970er Jahre wirklich ohne signifikante Warnung in der vorhergehenden Dekade?
Es wurde
kaum angeprangert, dass die USA 1971 den Goldstandard aufgaben. Es gab auch
keinen
großen Aufschrei der Massenmedien, als US-Präsident Nixon 1972
Preiskontrollen einführte.
Warum sahen so wenige Leute so klar, welche großen und offensichtlichen
Warnungen vor
einer enormen Inflation es gab? Natürlich sind nicht alle neuen Trends
schlecht. Aber viele
werden kaum beachtet. Nehmen Sie zum Beispiel den Bullenmarkt der 1990er. Der
Börsengang von Netscape 1995 war der Beginn der Manie ... fünf Jahre vor dem
Erreichen
des Tops. Wenige Leute sahen dies 1995 voraus. Selbst Bill Gates erwähnte in
seinem 1994
geschriebenen Buch "The Road Ahead" das Wort Internet überhaupt nicht. Der
größte Trend,
den wir gerade sehen, kann mit einem Wort charakterisiert werden: Schulden.
Seit 1992 gab
es eine enorme Verschiebung des Schuldenmachens vom öffentlichen in den
privaten Sektor.
Die Neuverschuldung des Staates ging zurück � in den Clinton-Jahren wurden
sogar
Überschüsse erzielt �, während die private Verschuldung in den USA so schnell
wächst wie
nie zuvor.
1992 verschuldete sich die US-Regierung um etwa 300 Milliarden Dollar, die
Privaten liehen
sich 200 Milliarden Dollar. Seitdem hat sich die Neuverschuldung der Privaten
jedes Jahr mit
Ausnahme des Jahres 2000 erhöht, mittlerweile sind es 1 Billion Dollar pro
Jahr. 1992 betrug
die Neuverschuldung von Regierung und Privaten ZUSAMMEN rund 500 Milliarden
Dollar,
dieser Wert hat sich mehr als verdoppelt. Ein schnelles Schuldenwachstum ist
noch nicht
zwingend ein Problem. Wenn man das geborgte Geld klug investiert, wenn sich
dadurch neue
Möglichkeiten für die Wirtschaft eröffnen und die Schulden in gesunder
Relation zum
Bruttoinlandsprodukt bleiben, dann können Schulden sogar sinnvoll sein. Aber
das ist nicht
passiert. Stattdessen hat jeder Dollar, der seit den 1960ern geliehen wurde,
weniger als einen
Dollar zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Heute trägt jeder neue
Schuldendollar nur
noch 0,54 Cents zum amerikanischen Wirtschaftswachstum bei (das impliziert,
dass die
US-Wirtschaft mit 2,5 % pro Jahr wächst � und dieser Wert muss auch erst
einmal erreicht
werden). Der größte Teil der neuen Schulden der 1990er wurde dazu genutzt,
die massive
finanzielle Spekulation in den Unternehmen und bei Hypotheken anzuheizen.
Jetzt, wo die
Werte dieser Märkte deflationieren, bleiben trotzdem die Schulden. Der Anteil
der Schulden
an den Werten steigt deshalb. Die gesamten Schulden als Anteil vom
Bruttoinlandsprodukt
stehen derzeit bei fast 300 % �1982 waren es noch 150 %.
Leider sagt selbst diese hohe Schuldenlast noch nicht alles über die
zukünftigen
Verpflichtungen, die aus dieser Last erwachsen. Weil der Aktienmarkt durch
den Bärenmarkt
arg gelitten hat, haben auch die US-Pensionsfonds sehr leiden müssen, da
diese am
Aktienmarkt investiert haben und es immer noch tun. Staatliche Pensionsfonds
haben in den
letzten 2 Jahren rund 70 % an Wert verloren (von 80 Milliarden Dollar im Jahr
2000 auf 25
Milliarden Dollar heute). Obwohl ich nicht die kompletten Zahlen für die
Unternehmens-Pensionsfonds habe, glaube ich, dass die Relationen dort auch
nicht viel
anders aussehen werden (beide Arten von Pensionsfonds nutzen oft auch die
gleichen
Fondsmanager). Währenddessen müssen die Unternehmen hohe Beträge aufbringen,
um die
unterfinanzierten eigenen Pensionsfonds wieder aufzufüllen. SBC hat zum
Beispiel
angekündigt, dafür im nächsten Jahr 2 Milliarden Dollar bereitzustellen, was
die Gewinne
entsprechend belasten wird. Raytheon hat angekündigt, in den nächsten Jahren
500 Millionen
Dollar für den gleichen Zweck bereitzustellen. Analysten schätzen, dass rund
10 % der
Gewinne der im S&P 500 enthaltenen Untenehmen für die Auffüllung von
unterfinanzierten
Pensionsfonds bereitgestellt werden müssen.
Dann gibt es in den USA natürlich noch einen größeren Pensionsplan, der
ebenfalls
unterfinanziert ist � die soziale Sicherheit. Dieses Thema ist allerdings
ziemlich umfangreich
� jedenfalls ist es sehr schwer, es in ein paar Paragraphen anzureißen. Kurz
gesagt � es gibt
zwei Komponenten von privaten Schulden. Schulden der Konsumenten und Schulden
der
Unternehmen. Der Anstieg der Konsumentenschulden ist nicht schwer auszumachen
� wer
lebt nicht gerne über seine Verhältnisse? Auf der anderen Seite ist es
schwieriger zu
verstehen, warum auch Unternehmen ihre finanzielle Vernunft aufgeben.
Unternehmensmanager haben die Bilanzen so getrimmt � legal und teilweise auch
illegal �,
dass die Gewinne nach Möglichkeit immer etwas über den Schätzungen lagen und
die
Aktienkurse deshalb stiegen. Aktienoptionspläne für die Manager waren ein
großer Anreiz,
große Risiken einzugehen. Wenn die Risiken mit Erfolg belohnt werden, konnten
diese
Manager persönlich große Gewinne einfahren. Wenn es daneben ging � konnten
sie immer
noch unbehelligt das Unternehmen wechseln. Nehmen wir General Electric (GE),
die größte
amerikanische Gesellschaft überhaupt. Seit 1992 ist GE ein Netto-Schuldner.
Wieso ist
Amerikas beste Gesellschaft seit 10 Jahren ein Netto-Schuldner? Nun, wenn man
sich
ansieht, wie die Gesellschaft ihr Geld verdient, dann ist die Antwort auf
diese Frage leicht zu
finden. Rund 50 % der Schulden von GE sind kurzfristiger Natur. Dank des
exzellenten
Kreditratings von GE (ein "AAA") ist es kein Problem, 90tägige Schulden
aufzunehmen. Die
Gesellschaft nutzt diese Schulden, die nur relativ niedrige Zinszahlungen
erfordern, um damit
Kreditkarten mit relativ hohen Zinszahlungen zu finanzieren. GE Capital hat
in den letzten drei
Jahren 43 Milliarden Dollar ausgegeben, um Kreditkartenschulden, die hoch
verzinst werden,
aufzukaufen. Und jetzt wird es spannend: Seit 1997 hat General Electric 15
Mal weniger als
drei Wochen vor Quartalsende diese übernommenen Kreditkartenschulden wieder
verkauft.
Dadurch konnte die Gesellschaft ihre Ertragsprognosen so präzise erfüllen.
Währenddessen ist der gesamte Schuldenberg von GE weiter gestiegen. Heute
sind die
Schulden von GE viermal so hoch wie das Eigenkapital. Warum nimmt GE solche
Risiken auf
sich? Weil die mit Schulden finanzierten Übernahmen das Umsatzwachstum von GE
in den
Jahren 1985�2000 zu 40 % begründet haben. Das sagt jedenfalls Jeanne Terrile
von Merrill
Lynch (die sich übrigens unmittelbar nach der Studie über die Schuldenpraxis
von GE zur
Ruhe setzte). Noch mal ... es geht hier um Amerikas beste Gesellschaften. Als
sich die
Gewinnmargen in den 1980ern und 1990ern verschlechterten, begannen die
Unternehmen, mit
ihren Bilanzen zu tricksen. Während dieser Zeit haben sich die Fundamentals
eigentlich
verschlechtert, ohne dass sich dies in den ausgewiesenen Gewinnen
widergespiegelt hätte.
Seit 1975 haben die Kapitalausgaben den Cash Flow überstiegen, was bedeutet,
dass die
Schulden oder das Eigenkapital schneller als die Gewinne gestiegen sind. Und
dann ist da
noch der Rückgang der genutzten Kapazitäten, der auch ein Symptom für eine
platzende
Kreditblase ist.
Eine gesunde Volkswirtschaft wächst wegen einer durch Ersparnisse begründeten
Nachfrage.
Wenn sich das Verhältnis zwischen Sparen und Investieren verschlechtert, dann
gibt es
Probleme. Wenn man sich das abstrakter vorstellt, ist es einfacher. Stellen
Sie sich eine
Familie vor. Was wäre, wenn die